Gespräch

Solinger schreibt weltweit gegen Ausbeutung

Der Solinger Journalist Tim Röhn (rechts )in Katar. In der Hauptstadt Doha sprach er mit Nepalesen in einem Arbeiterlager. Röhn ist weltweit dort, wo Ausbeutung und Korruption herrschen. Seine letzte Geschichte über Flüchtlinge in Ungarn ist gerade erschienen.         Fotorechte bei: Tim Röhn
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Der Solinger Journalist Tim Röhn (rechts )in Katar. In der Hauptstadt Doha sprach er mit Nepalesen in einem Arbeiterlager. Röhn ist weltweit dort, wo Ausbeutung und Korruption herrschen. Seine letzte Geschichte über Flüchtlinge in Ungarn ist gerade erschienen.

Der Journalist Tim Röhn machte seine ersten Erfahrungen beim Tageblatt. Heute berichtet er über Ausbeutung und Korruption.

Von Uli Preuss

Tim Röhn, Sie sind weltweit unterwegs. In welchem Land lässt es sich für einen Journalisten am allerbesten arbeiten? Und wo wird es gefährlich für Sie?

Tim Röhn: Die Arbeitsbedingungen in Deutschland und anderen westlichen Staaten sind sehr gut. Problematisch wird es immer dann, wenn Regierungen versuchen, Zustände geheim zu halten: In Ungarn etwa durfte ich zuletzt nicht in die Nähe des Grenzzauns zu Serbien. Auch der Zutritt zu einem Flüchtlingslager wurde mir verwehrt. Die Behörden versuchen, zu verhindern, dass bekanntwird, wie menschenunwürdig Flüchtlinge dort behandelt werden. Und wir reden hier von einem EU-Mitglied, das ist Wahnsinn. Aber es gibt fast immer einen Weg, sich ein Bild zu verschaffen.

Ja, aber so einfach scheint das nicht zu sein. Sie müssen doch sicher sehr hartnäckig sein und sehen, das sie von der Security - sagen wir mal - „nicht behindert“ werden.

Röhn: In Ungarn funktioniert es vielleicht noch mit Hartnäckigkeit. In Staaten wie Katar hast du so keine Chance, du wirst zum Beispiel keine Drehgenehmigung für die Lager bekommen, in denen die Arbeitssklaven leben; oder es ist immer ein Aufpasser dabei, der die Gesprächspartner schon durch seine Anwesenheit einschüchtert. So kann ich nicht arbeiten. Also muss ich an einigen Orten ohne Erlaubnis recherchieren und hoffen, dass alles gut geht. Anders kann ich Missstände nicht aufdecken.

Sie sagten einmal: Nur daheim (in Köln) sei es für einen Journalisten wirklich gefährlich. Andererseits sind ihre Arbeitsgebiete oft Diktaturen. Sind sie schon einmal in ihrer Arbeit behindert worden?

Röhn:Ja, das ist so ein schöner Satz, und für mich persönlich stimmt er: Ich roste ein, wenn ich zu lange zu Hause bin. Aber natürlich sind meine Recherchen selbst de facto gefährlicher: In Katar wurde ich im vergangenen Jahr in einem dieser Arbeitslager festgesetzt. Die Polizei wurde alarmiert, ich wurde fotografiert. Ich konnte irgendwie abhauen, habe meine Sachen aus dem Hotel geholt, den nächstbesten Flug nach Istanbul gebucht und bin ausgereist. Ich wollte nicht festgenommen werden, und zum Glück war die Story bereits im Kasten.

TIM RÖHNVITA Der Journalist Tim Röhn (28) stammt aus Merscheid. Seine ersten Texte erschienen im Solinger Tageblatt. Doch der Reporter ist längst weltweit unterwegs, deckte die skandalösen Arbeitsbedingungen für Sklavenarbeiter in Katar auf, berichtete bei Markus Lanz über die Machenschaften der Fifa und trank mit dem Trauzeugen von Ernesto Che Guevara auf Kuba einen Mochito. Gerade kam der in Köln lebende Freelancer vom Flüchtlingszaun aus Ungarn zurück: Seine Reportage ist erschütternd: http://bit.ly/2baOLCuSie haben Schwerpunkte in ihrer Arbeit gesetzt: Missstände in staatlichen und privaten Institutionen, der korruptionsverseuchte Weltfußball sowie Menschenrechtsverletzungen weltweit. Wenn Sie solche Missstände aufdecken, befriedigt das nicht sehr?

TIM RÖHN

VITA Der Journalist Tim Röhn (28) stammt aus Merscheid. Seine ersten Texte erschienen im Solinger Tageblatt. Doch der Reporter ist längst weltweit unterwegs, deckte die skandalösen Arbeitsbedingungen für Sklavenarbeiter in Katar auf, berichtete bei Markus Lanz über die Machenschaften der Fifa und trank mit dem Trauzeugen von Ernesto Che Guevara auf Kuba einen Mochito. Gerade kam der in Köln lebende Freelancer vom Flüchtlingszaun aus Ungarn zurück: Seine Reportage ist erschütternd: http://bit.ly/2baOLCu

Röhn: Doch, total, das ist das Schönste an meinem Job. Beispiel Kuba: Alle reden darüber, wie viel besser es dort doch angesichts der neuen Beziehungen zu den USA geworden ist. Über die noch weiter zunehmende Unterdrückung der Opposition redet niemand. Diesen Missstand aufzeigen und den Betroffenen eine Stimme geben – das ist wichtig. Oder den Arbeitssklaven in Katar. Den Flüchtlingen in Ungarn, die von Schlägertrupps gejagt werden. Bald gehe ich nach Peru und schreibe darüber, wie Ureinwohner ihre Lebensgrundlage verlieren, weil ein US-Milliardär entschieden hat, den Regenwald abzuholzen. Ich hoffe, dass Veröffentlichungen wie diese etwas bewirken.

Man sieht Sie häufig in den Sozialen Medien. Sind die für Sie hilfreich oder manchmal nicht auch hinderlich? Oft werden doch dort Meinungen transportiert, lange bevor Journalisten wie Sie recherchieren konnten. 

Röhn: Jeder Journalist, der Behauptungen ungeprüft weiterverbreitet, macht einen riesigen Fehler. Das Medium – ob es nun Twitter, Facebook oder die Zeitung ist – spielt da keine Rolle. Andersherum gilt das Gleiche: Ich glaube nichts, wofür es keine Belege oder mehrere vertrauenswürdige Quellen gibt. Wer als Journalist nach diesen Prinzipien handelt, kommt in den Sozialen Medien gut zurecht. Für mich ist gerade Twitter eine Möglichkeit, meine Recherchen einer breiten Masse vorzustellen: Ein Tweet mit meinen Fotos von der ungarisch-serbischen Grenze hatte 26 000 Aufrufe. Das sind 26 000 Leser mehr als ohne Twitter. Es ist eine einfache Kosten-Nutzen-Rechnung.

Was sind Ihre nächsten Vorhaben? Und: Über welche Themen möchten Sie besonders gerne veröffentlichen? 

Röhn: Ich habe mich bis zur Präsidentschaftswahl im Februar intensiv mit der Fifa, ihrem Präsidenten Sepp Blatter und anderen hochrangigen Fußball-Funktionären beschäftigt. Ich war so naiv zu glauben, dass unter dem neuen Präsidenten Gianni Infantino alles besser wird, und dachte, dass ich das Thema zur Seite legen kann. Ist aber nicht so. Im Juni habe ich aufgeschrieben, dass auch der neue Chef vom gleichen Schlag ist wie Blatter. Auch er hält an einer WM in Katar fest, auch er lebt in einer Parallelwelt ohne ethische Grundsätze. Da gibt es noch viel zu enthüllen. Warum ich das wichtig finde? Weil die Geschehnisse bei Fifa & Co. – vor allem all die Untreue und Korruption – ein Schlag ins Gesicht eines jeden Fußball-Fans sind, der am Wochenende zehn Euro für ein Stehplatzticket in irgendeinem Stadion zusammenkratzt.

Sie sind mit 28 Jahren selbst noch jung, doch schreiben seit Jahren für die „Welt“ oder den „Spiegel“. Welchen Rat geben Sie jungen Kollegen, die diesen „Traumberuf“ erlernen wollen? 

Röhn: Lasst euch nicht entmutigen von all den schlechten Nachrichten aus der Medienbranche! Ja, bei fast allen Printprodukten sinken die Auflagen, und Jobs gehen verloren. Trotzdem: Wer wirklich für diesen Job brennt, wird seinen Weg gehen. Leidenschaftliche Journalisten werden immer gebraucht werden.

Wohin geht Ihre nächste Reise? Was ist Ihr nächster Auftrag? 

Röhn: Ein deutscher Architekt restauriert im Moment die Altstadt von Havanna, den Kerl will ich unbedingt eine Woche begleiten. Das ist zur Abwechslung mal eine schöne Geschichte. Aber klar, ich kenne alle großen Oppositionsgruppen auf Kuba, da wird es sicher auch das ein oder andere Treffen geben.

Wohin fährt eigentlich ein weltweit agierender Journalist, wenn es in den Urlaub geht? 

Röhn: Taghazout, Marokko, ist ein traumhafter Ort. Ein kleines Fischerdorf an der Atlantikküste, perfekt zum Surfen und Schreiben.

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