Kriminalität

Die Solinger rüsten auf: Pfefferspray gegen Angst

Bernd Becker mit Pfefferspray und Gaspistole.
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Bernd Becker mit Pfefferspray und Gaspistole.

Umsätze sind seit Oktober bei Solingens einzigem Waffenhändler explodiert. Boom auch bei Reizgas und Gaspistolen.

Von Hans-Peter Meurer

Pfeffersprays und andere legale Abwehrmittel sind gefragt wie nie. Solingens einziger Waffenhändler Bernd Becker spricht sogar von einem „unglaublichen Boom“. Auch im Internet schnellen die Verkaufszahlen der Anbieter in die Höhe. Es gibt schon Lieferschwierigkeiten.

Standpunkt von Hans-Peter Meurer

„Die Umsätze steigen schon seit Oktober rasant an“, sagt Becker. Der 70-Jährige führt seit 1981 zusammen mit seiner Frau Carmen das gleichnamige Jagdsport- und Waffengeschäft am Birkenweiher. Innerhalb dieser vier Monate habe er über 700 Pfeffersprays verkauft. Dies entspreche dem Vierjahresumsatz zuvor. Und nach den sexuellen Übergriffen am Silvesterabend in Köln habe es nochmals einen Schub gegeben. Das gelte besonders für Selbstverteidigungsmittel wie Pfeffersprays, CS- oder Reizgassprays sowie Gas- und Schreckschusspistolen – also für alles, was hierzulande ohne besondere Auflagen frei verkauft werden darf.

„Dies ist eindeutig die Folge einer allgemeinen Angst und Unsicherheit in der Bevölkerung“, sagt Becker. Und dies stehe in direktem Zusammenhang mit der stark gestiegenen Zahl an Flüchtlingen, weiß er.

Denn vor jedem Verkauf einer Selbstverteidigungswaffe stehe bei ihm eine genaue Beratung. Und dazu gehöre auch, nach den Gründen zu fragen, warum man sich bewaffnen will. Sein Fazit: Mit der Zunahme von Zuweisungen von Flüchtlingen und Asylsuchenden sei die Angst in der Bevölkerung stark gewachsen. Dabei sei diese Angst zunächst eher vage und diffus spürbar gewesen. Inzwischen sprächen seine Kunden offen ihr Angstgefühl aus. Becker: „Viele fühlen sich unwohl und hilflos. Sie wollen ihr Sicherheitsdefizit ausgleichen.“

Meist kämen Frauen und kauften Pfefferspray, berichtet Becker. Dies betreffe alle Alters- und Bevölkerungsschichten. Da komme aber auch der Opa, der für seine Enkelin ein Pfefferspray haben wolle. Oder der Finanzbeamte, der sich geschützt sehen will.

Pfefferspray nicht nur zur Abwehr von Hunden

So geht es auch der Widderterin Marina Lauterjung. Die 53-Jährige hat sich bei Waffen Becker für acht Euro ein Pfefferspray zugelegt. „Wenn ich mit meinem Hund alleine unterwegs bin und es kommen Menschen auf mich zu, die mich angreifen wollen, will ich mich eben verteidigen können“, sagt sie. Vor Jahren hatte sie sich schon einmal ein Pfefferspray zugelegt – allein zur Abwehr von anderen Hunden auf ihren Spaziergängen. „Jetzt werde ich das Spray immer bei mir haben, auch wenn’s abends ins Stadttheater geht“, gibt sie offen zu.

„Doch Sprays, Elektroschocker und andere erlaubte Waffen zur Selbstverteidigung vermitteln „ein trügerisches Gefühl der Sicherheit“, sagt Polizeisprecherin Anja Meis: „Wir sehen das deshalb sehr kritisch.“ Denn zum einen begebe sich derjenige, der sich eigentlich nur schützen wolle, ganz schnell selbst in den Bereich der Strafbarkeit – wenn er zum Beispiel eine Waffe mit sich führe und anwende, die er laut Waffengesetz allenfalls in den eigenen vier Wänden aufbewahren dürfe.

Notwehr ist im Strafgesetzbuch eindeutig definiert

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KLEINER WAFFENSCHEIN

GASPISTOLEN

Gas- und Schreckschusswaffen dürfen erworben, aber nur Zuhause aufbewahrt werden. Wer sie mitführen will, braucht seit 2003 den Kleinen Waffenschein. Den erhält man, wenn man 18 Jahre alt und nicht vorbestraft ist. Er kostet 55 Euro und ist bei der Polizei zu beantragen. Aktuell besitzen 2500 Bürger in Solingen, Remscheid und Wuppertal einen solchen Schein – Tendenz stark steigend.

igentlich dürfen in Deutschland Privatpersonen Pfefferspray nur zur Abwehr gegen aggressive Tiere, vornehmlich Hunde, verwenden. Der Einsatz gegen Menschen ist Privatleuten nicht erlaubt und nur der Polizei vorbehalten. Doch keine Regel ohne Ausnahme – und die ist in diesem Fall der Notwehr-Paragraf im Strafgesetzbuch. Danach darf man sich bei Vorliegen einer Notlage und einem rechtswidrigen Angriff angemessen, demnach auch mit Pfefferspray gegen Angreifer verteidigen.

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