Professor an der Johns Hopkins University

Solinger Forscher: Coronavirus greift das Gehirn an

Thomas Hartung und sein Team zeigen: Das Corona-Virus greift Hirnzellen im Modell von Mini-Gehirnen an und führt zu Entzündungen. Foto: Lena Smirnova
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Thomas Hartung und sein Team zeigen: Das Corona-Virus greift Hirnzellen im Modell von Mini-Gehirnen an und führt zu Entzündungen.

Professor Thomas Hartung erhält den Preis für alternative Methoden zum Tierversuch.

Von Philipp Müller

Solingen. Der in Solingen geborene Forscher Thomas Hartung hat von der Deutschen Forschungsgesellschaft (DFG) den mit 80.000 Euro dotierten Ursula M. Händel-Tierschutzpreis zugesprochen bekommen. Mit gutem Grund:

Professor Thomas Hartung ist gebürtiger Solinger.

Der Informatiker, Biochemiker und Mediziner Professor Dr. Dr. Thomas Hartung von der Johns Hopkins University in Baltimore und der Universität Konstanz gilt weltweit als Vorreiter bei Forschungsmethoden, die nach Alternativen zum Experiment mit Tieren suchen.

Zuletzt sorgte Hartung für Aufsehen. An seinen von ihm mitentwickelten Mini-Gehirnen konnte er zeigen, dass das Corona-Virus Sars-Cov-2 auch Hirnzellen befällt und zu Entzündungsreaktionen führt. Vereinfacht gesagt hätten er und sein Team dies gemacht: Die Mini-Brains auf Basis menschlicher Gehirnzellen wurden mit dem Virus infiziert. Die Reaktionen des Zell-Clusters wurden beobachtet und dokumentiert.

Dass das Virus zu Entzündungen führe, sei wichtig für die kommende Forschung. Zugleich sei das Ergebnis auch alarmierend. Hartung reiht Fakten an Fakten: Im Gehirn sei das Virus auch mit einem noch zu findenden Medikament nicht zu behandeln. „Das ist wie beim HIV-Virus – man bekommt es aus dem Körper, aber nicht aus dem Gehirn.“ Inzwischen wisse man, dass Sars-CoV-2 auch die Plazenta von Schwangeren überwinde. „Wir müssen daher die Schwangeren besonders schützen.“ Normalerweise würde die Blut-Hirn-Schranke den Einzug des Virus ins Gehirn verhindern. Aber geschwächte, von Entzündungen betroffene Körper würden den natürlichen Schutz nicht immer leisten können. Daher gelte seine aktuelle Forschung genau der Frage, wie das Virus ins Gehirn gelangt. „Wir wissen von vielen neurologischen Ausfällen Infizierter. Etwa dem Verlust des Geschmacksinns.“

Zum DFG-Preis sagt der vielfach ausgezeichnete Wissenschaftler: „Er ist einer der wichtigsten Preise, den ich bisher bekommen habe.“ Viele seiner Forschungsvorhaben seien über die DFG gelaufen. Aber als Außenseiter, auf Forschung ohne Tierversuche zu setzen, sei zunächst bei der DFG nicht gut angekommen. Nun von dieser Gesellschaft den Tierschutzpreis – auch für das Lebenswerk – zu erhalten, ist ihm eine Genugtuung. Er erhält ihn am 1. Oktober in Gießen zusammen mit Prof. Marcel Leist überreicht. „Ich habe mit Marcel schon vor 35 Jahren zusammen Biochemie studiert, dann zusammen die Doktorarbeit in Konstanz gemacht. Wir haben seitdem intensiv zusammengearbeitet“, erzählt er.

Der Preis erwähnt eine von Hartung mitentwickelte Datenbank, die Tierversuche ersetzt. „Das ist ein Riesenhit“, erklärt er. Das Programm liefere genauerer Ergebnisse, als es die neun wichtigsten Tierversuche könnten. Ein Algorithmus zieht mit Hilfe Künstlicher Intelligenz aus tausenden Studien Rückschlüsse auf die Giftigkeit von Stoffen.

Die Datenbank sei dabei mit 87 Prozent signifikant besser in der Trefferquote bei der Beurteilung als ein Tierversuch, der maximal 80 Prozent genaue Ergebnisse im Vergleich biete. In Australien sei sein Verfahren daher bereits vom Staat für bestimmte Stoffgruppen vorgeschrieben.

„Unsere Universität arbeitet nah an der Praxis der Gesundheit.“
Prof. Thomas Hartung, Johns Hopkins University

Damit würden sich auch neue, unerforschte Substanzen sehr gut beurteilen lassen, erklärt Hartung, der als Toxikologe einen Schwerpunkt seiner Arbeit auf dem Gebiet der Gefahreneinstufung von chemischen Substanzen auf den menschlichen Körper gesetzt hat.

Er forscht und lehrt an der Johns Hopkins University an der Bloomberg School of Public Health. Ziel sei es zu erforschen, was für die Medizin in Bezug auf die Gesundheit der Bevölkerung wichtig ist. „Damit sind wir weltweit eine der ganz wenigen Universitäten, die nah an der Praxis arbeitet.“ Das sei der Grund, warum die Uni jetzt Teil fast jeder Schlagzeile rund um Corona sei. Die Uni sammelt weltweit die Fallzahlen zu Neuinfektionen. Dieses Datenmaterial wandere dann direkt in Forschungsprojekte. Die Blomberg School betreue mit 700 Professoren 2300 Studenten und habe einen Etat von rund 500 Millionen US-Dollar. | Standpunkt

Coronazahlen

Infizierte: Aktuell sind in Solingen 51 Personen nachgewiesen infiziert, das ist eine Person weniger als am Vortag. Zehn Patienten werden stationär behandelt, die anderen ambulant betreut.

Fallzahl: In den vergangen sieben Tagen gab es 28 Neuinfektionen. Damit entfallen 17,2 neue Fälle auf je 100 000 Menschen in Solingen.

Zur Person

Studium: Biochemie an der Universität Tübingen, Humanmedizin Universitäten Tübingen und Freiburg. Beide Studiengänge mit Abschluss Promotion.

Beruf: Professor Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health, Direktor Center for Alternatives to Animal Testing (CAAT) Johns Hopkins University, und weitere.

Standpunkt: Forschung zahlt sich aus

Von Philipp Müller

Es ist ein Solinger Forscher, der uns gerade aufzeigt, wie wichtig die Forschung zur Corona-Pandemie ist. Ganz unaufgeregt berichtet Thomas Hartung von seinen Ergebnissen.

Nein, er verbreitet keine Panik. Er will aufklären, dass das Virus gefährlicher ist, als viele zu glauben meinen. Er wird das auch gegen Widerstände vertreten. Denn Widerstand kennt er. Als glühender Verfechter des Forschungsansatzes, dass es bessere Methoden als den ungenauen Tierversuch geben muss, ist er schon lange weltweit auf Tour. 

Dass die Deutsche Forschungsgesellschaft das jetzt würdigt, ist ein Zeichen für den Wissenschaftsbetrieb: Gebt solchen innovativen Wissenschaftlern mehr Gehör und Bedeutung. Hartung arbeitet und lehrt in den USA an einem der ganz großen wissenschaftlichen Hotspots. Der ist von seinem Ursprung im 19. Jahrhundert an der Volksgesundheit ausgerichtet. Das kennen wir in Deutschland so nicht. Wir können das von Solingen aus nicht ändern. Aber wir können heute stolz sein, das ein führender Wissenschaftler auf seinem Gebiet Wurzeln in der Klingenstadt hat. 

Dr. Annette Heibges, Leiterin des Gesundheitsamts, fordert Disziplin und erklärt das Quarantäne-Verfahren.

In unserem Live-Blog finden Sie aktuelle Informationen

zu Entwicklungen rund um das Coronavirus in Solingen.

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