Gedenken

Solinger erinnern an die Pogromnacht

Die Künstlerin Tatjana Feldman moderiert den Eröffnungsfilm zu „7Places.org“vor dem Bunker zu an der Malteserstraße. Foto: Tim Oelbermann
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Die Künstlerin Tatjana Feldman moderiert den Eröffnungsfilm zu „7Places.org“vor dem Bunker zu an der Malteserstraße.

Gedenktag für die der Opfer des 9. November 1938 fand im Internet statt.

Von Philipp Müller

Solingen. Der Gedenktag für die Opfer der Pogromnacht vom 9. November 1938 war in Solingen anders als in den Vorjahren. Keine zentrale Veranstaltung am Bunker Malteserstraße. Keine wandernde Mahnwache vom früheren Standort der Synagoge durch die Stadt. Stattdessen bot die Stadt Solingen einen Livestream im Internet an. Später wurde die Ausstellung „7Places.org“ des Zentrums für verfolgte Künste als Gemeinschaftsprojekt von vielen Partnern – darunter die Vereinten Nationen in New York – eröffnet. Das Tageblatt hatte den Tag auf seiner Internetseite mit einem historischen Liveticker begleitet.

OB Kurzbach beobachtet in Solingen rechtsextreme Strömungen

Im Zentrum für verfolgte Künste gab dessen Kuratorin Birte Fritsch Solinger Tageblatt-Reporter Philipp Müller gestern ein Interview zum Gedenktag und zu der eröffneten Ausstellung „7Places.org“.

Erstes Live-Event war die Reihe an Reden, die direkt vom Schauplatz des Brands, der Synagoge an der Malteserstraße, übertragen wurden. Oberbürgermeister Tim Kurzbach (SPD) erklärte zum 9. November: „An dem Tag ging der NS-Staat zum offenen Terror gegen die jüdische Bevölkerung über.“ Er mahnte Wachsamkeit gegenüber den rechtsextremistischen Strömungen an, die es auch in Solingens gebe. Leonid Goldberg von der jüdischen Kultusgemeinde Wuppertal sagte, man dürfe die Folgen der aktuellen Gewaltwelle gegen jüdischen Menschen in Deutschland nicht unterschätzen. Gemeindemitglieder würden die Kippa verstecken, Sicherheitsschleusen an Synagogen und an jüdischen Schulen seien eine enorme psychologische Belastung. Gerade Kinder würden sich von der Umwelt abschotten. Aber es gelte: „Die Juden wollen ein Teil unserer Gesellschaft sein.“

Für die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland sprach die evangelische Superintendentin Dr. Ilka Werner. Sie zeigte sich resigniert, ob der Wirkungslosigkeit der Mahnungen. Und trotzdem: Sie wolle weiter eine „Angstverjagerin“ sein. Niemand solle glauben, er dürfe jüdische Einrichtungen angreifen. Finn Grimsehl-Schmitz vom Jugendstadtrat betonte, wir würden in einer Gesellschaft leben, in der jüdische Menschen gefährdeter seien als christliche.

Eine halbe Stunde vor der Weltpremiere der Ausstellung „7Places.org“ erläuterte der Direktor des Zentrums für verfolgte Künste, Jürgen Kaumkötter, in einem Interview mit dem Tageblatt die Hintergründe zur Ausstellung. Es gehe darum, einen vertiefenden Einblick in die Geschichte der sieben dargestellten Orte jüdischen Lebens zu geben, wie sie entstehen, sich verändern, wie sie beim Pogrom von 1938 zum Teil zerstört und später erneut mit Leben gefüllt wurden. Einer der Orte ist Solingen.

Die Wuppertaler Künstlerin Tatjana Feldman führte als Moderatorin durch den Film und stellte die deutschen Orte der jüdischen Gemeinden in Köln, Solingen, Berlin, Halle, Essen, Norderney und an der Sieg vor. Das findet sich in der Internet-Schau in einem Zeitstrahl wieder. Über ihn kann der Besucher von „7Places.org“ aus der Gegenwart bis ins Jahr 321 zurückwandern. Aus diesem Jahr gibt es die erste Erwähnung jüdischen Lebens in Köln.

Die Generalsekretärin des Vereins „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“, Sylvia Löhrmann, erklärte, die Ausstellung umfasse „den Zeitbogen, auch die Verfolgung und Ermordung der Juden Europas im 20. Jahrhundert bis hin zur globalen Erinnerungsarbeit der Gegenwart“.

„7Places,org“ ist auch als Weltpremiere zu sehen. Denn durch die Schließung der Museen und die Corona-Pandemie bedingt, wanderte das Konzept, die Schau in New York bei den Vereinten Nationen und auch Solingen zu zeigen, ausschließlich ins Internet.

Außenminister Mass: Gewalt nicht achselzuckend hinnehmen

Zur Eröffnung sprach Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) ein Grußwort. Niemand dürfe heute mit den Achseln zucken, wenn er antisemitische Gewalt und Hetze erlebe. Die UN-Untergeneralsekretärin für globale Kommunikation, Melissa Fleming, warnte davor, dass es gerade in sozialen Medien viel Desinformation zum Thema gebe. Daher sei die Ausstellung als Vermittler von Wissen um die Geschichte so wichtig. Sie mahnte: „Wir müssen alle Kanäle nutzen, um dem Antisemitismus im Internet zu widersprechen.“

Den historischen Liveticker des ST gibt es hier zum Nachlesen.

Die Ausstellung: www.7places.org

„Erinnern bedeutet, aus dem Gestern die richtigen Schlüsse für heute und morgen zu ziehen.“

Heiko Maas, Bundesaußenminister

„Wir wissen, wohin Hass und Hetze führen können.“

Melissa Fleming, Vereinte Nationen

„Ich setze mich schon immer dafür ein, die Vielfalt der Gesellschaft zu betonen.“

Tim Kurzbach, OB Solingen

„Die Ausstellung bietet einen tiefen Einblick in die Geschichte der sieben dargestellten Orte jüdischen Lebens.“

Jürgen Kaumkötter, Direktor Zentrum für verfolgte Künste

Standpunkt: Mahner trotzen Corona

Von Philipp Müller

philipp.mueller@solinger-tageblatt.de

Der gestrige Gedenktag der Solinger Opfer der Pogromnacht am 9. November lief anders als gedacht. Mahnungen, dem Rassismus und Antisemitismus in unserer Stadt keinen Millimeter Raum zu geben, fanden ausschließlich im Internet statt. Eine Absage kam nicht in Frage, das Coronavirus siegte nicht über die Idee, sich gegen Rechtsextremismus zu stellen. Aber es war auch ein harter Tag. Die Superintendentin Dr. Ilka Werner liegt richtig: Worte verhallen oft, weil sie die richtigen Ansprechpartner nicht erreichen oder von diesen überhört werden. Sie will aber nicht aufgeben. Warum auch? Die Erinnerungskultur in Solingen wächst. Nicht zuletzt auch durch das Zentrum für verfolgte Künste. Mit der Premiere der ersten weltweit laufenden Internetausstellung „7Places.org“ zeigt das Solinger Museum, wie man Zeichen wider das Vergessen setzen kann. Das ist sein Bildungsauftrag und brachte die Vereinten Nationen dazu, Partner der Schau zu werden. Wird das den Rassismus eindämmen? Leonid Goldberg sagt zu Recht: „Es kann nur persönliche Zivilcourage richten.“

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