Die Woche

Solinger Beharrlichkeit zahlt sich manchmal aus

stefan.kob@solinger-tageblatt.de
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Solingen besitzt heute das größte O-Bus-Netz Deutschlands.

Remscheid. Es war die sprichwörtliche bergische Sparsamkeit (die nur von der schwäbischen übertroffen wird), der Solingen sein 57 Kilometer langes O-Bus-Netz verdankt: Weil die Reparatur der Straßenbahngleise nach den Kriegszerstörungen zu teuer gekommen wäre, plante Solingen, die Öffis direkt auf der Straße fahren zu lassen. Heute besitzt Solingen das größte O-Bus-Netz Deutschlands. Außer im brandenburgischen Eberswalde kurvt das exotische Verkehrsmittel hierzulande nur noch in Esslingen rum – sicherlich nicht zufällig, denn das liegt bekanntlich in Schwaben.

Die Flexibilität, dass ein O-Bus auf jeder normalen Straße fahren kann, sofern er an einer Stromleitung hängt, und auch mal einem Hindernis ausweichen kann, vor dem eine Straßenbahn stehen bleiben muss, überzeugt bis heute. Umso erstaunlicher, dass die Klingenstadt damit ein weltweiter Exot blieb. In den 90er Jahren gab es daher Überlegungen, die in Beschaffung und Wartung teuren Einzelstücke gegen den landläufigen Dieselbus auszutauschen. Was für ein Glück, dass ein weiterer Wesenszug des Bergischen – die Beharrlichkeit – das verhinderte.

Die Väter des O-Busses würden sich wohl heute ob ihrer Weitsicht freudig auf die Schultern klopfen, wenn sie noch mitbekommen hätten, dass aus der Solinger Schrulle ein Symbol für die Energiewende in Deutschland geworden ist. Denn seitdem leistungsfähige Akkus selbst in Fahrrädern massenhaft verbaut werden, braucht der inzwischen batteriebetriebene O-Bus (BOB) neuester Generation nicht mal mehr ein lückenloses Oberleitungsnetz, um seine Vorteile auszuspielen: umweltfreundliche, abgasfreie und leise Mobilität.

In der Liste der Städte mit den meisten E-Bussen stehen nur die Millionenstädte Berlin und Hamburg vor der Klingenstadt, die Metropole Köln folgt dahinter auf Platz vier. So ein Ranking wünschte man sich bei anderen Themen auch einmal. Das gute Abschneiden ist historisch eher dem Solinger Reflex gegen zu viel Veränderung geschuldet. Aber jetzt will die Stadt mit ihren Elektro-Pfunden proaktiv wuchern und die Elektromobilität bis 2030 „größtmöglich“ ausbauen. Denn die Power, die in der Akku-Entwicklung steckt, wird ganz neue Streckenkombinationen möglich machen, für die man nicht erst aufwendig Oberleitungen spannen muss.

Dass das Verkehrsmittel – in Solingen liebevoll Stangentaxi genannt – dank eines agilen O-Bus-Museums auch eine kleine Touristenattraktion darstellt, rundet die Sache ab. Schärfste-Klinge-Preisträger Cem Özdemir war jedenfalls schwer begeistert vom Solinger BOB, der ja auch in seiner schwäbischen Heimat fährt. Gerade die Stadt Esslingen mit ihren knapp 100 000 Einwohnern könnte ein guter Sparringspartner für die Solinger werden.

Die aktuellen Verkehrspolitiker sollten aber mit Blick auf die 50er Jahre eins nicht verdrängen: Damals verabschiedete man sich von den Gleisen – nicht von den Straßen. Denn die braucht selbst der emissionsärmste Linienbus der Welt, um voranzukommen. Ein leistungsfähiges Straßennetz ist also nicht der Tribut an eine überkommene Verkehrspolitik, sondern eine Investition in unsere zukünftige Mobilität.

TOP Neuer Rewe: Nach Jahren ist die Globus-Lücke endlich geschlossen.

FLOP Alte Probleme: Schulschließung, weil immer noch die Tests fehlen.

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