Gestiegene Preise

Zunehmender Andrang: Lebensmittel bei Tafeln werden knapper

Reger Andrang herrschte auch am Donnerstag bei der Lebensmittelausgabe der Solinger Tafel.
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Reger Andrang herrschte auch am Donnerstag bei der Lebensmittelausgabe der Solinger Tafel.

Einrichtungen im Bergischen verzeichnen einen zunehmenden Andrang an den Ausgabestellen.

Von Kristin Dowe

Solingen. Sie sorgen dafür, dass überschüssige Lebensmittel nicht weggeworfen werden und versorgen mit gespendeten Restbeständen von Supermärkten und kleineren Lebensmittelhändlern sozial bedürftige Menschen. Dies ist die Kernmission der Tafeln in Deutschland, deren Erfüllung im Zuge der Preissteigerungen bei vielen Produkten auch im Bergischen teilweise schwieriger geworden ist.

„Wir haben zwar noch nicht so große Probleme wie andere Tafeln, aber wir merken schon, dass wir mittlerweile tendenziell weniger Lebensmittel von unseren Partnern erhalten als früher“, beobachtet Brigitte Funk, Vorsitzende der Tafel Solingen. Gerade Backwaren seien angesichts der gestiegenen Preise für Getreide Mangelware geworden. „Die Bäckereien backen nicht mehr im Überfluss, sondern verfahren nach dem Motto: ,Wenn das Regal leer ist, ist es eben leer.’ Es wird einfach überall gespart.“

„Die Scham bei den Betroffenen ist oft groß.“

Brigitte Funk, Tafel Solingen

Brigitte Funk sieht noch ein weiteres Problem: Hatten die Tafeln bundesweit über Jahre intensiv mit der Discountkette Lidl zusammengearbeitet, so will das Unternehmen nun eigene sogenannte „Rettertüten“ auf den Weg bringen und diese an Bedürftige ausgeben. Was in der Konsequenz bedeuten könnte, dass dann weniger Hilfsgüter für die Tafeln zur Verfügung stehen. „Lidl ist seit vielen Jahren ein wichtiger Partner für uns. Wenn wir von den Filialen nun weniger oder gar keine Lebensmittel mehr erhalten, würden wir das schon sehr zu spüren bekommen“, befürchtet Funk.

Die Sorge weist das Unternehmen auf Nachfrage als unbegründet zurück – Lidl werde den Tafeln auch weiterhin kostenlos Lebensmittel zur Verfügung stellen. „Die Menge variiert dabei je nach tagesaktuellen Abverkäufen in der Filiale und Frequenz der Tafelabholung“, erläutert Lidl-Sprecherin Diana Zvicer-Senolan. „Mit der Rettertüte hat Lidl unabhängig von der Abnahmekapazitäten die Möglichkeit, äußerlich weniger perfekten Obst- und Gemüseprodukten eine zweite Chance zu geben.“

Neben Rentnern und Alleinerziehenden suchten seit Kurzem auch verstärkt Geflüchtete aus der Ukraine Hilfe bei der Tafel, berichtet Brigitte Funk. „Je mehr es wird, desto mehr wird auch die Tafel davon betroffen sein“, schätzt sie den künftigen Bedarf ein. Trotz des derzeit starken Andrangs vermutet sie, dass längst nicht alle Bürgerinnen und Bürger Lebensmittel bei der Tafel in Anspruch nähmen, die sie eigentlich brauchen würden. „Die Scham bei den Betroffenen und insbesondere bei Rentnern ist oft groß. Viele, die neu zu uns kommen, hätten sich nie vorstellen können, dass sie mal zur Tafel gehen müssen.“

Nicht nur aufseiten der Bedürftigen, sondern auch im Spendenbudget der Solinger Tafel schlagen sich die hohen Benzinpreise nieder, zumal die ehrenamtlichen Helfer die Spenden an den rund 40 Abholstellen im gesamten Stadtgebiet einsammeln müssten, so Funk. Allerdings blieben die Tafeln bei den Spenden immer innerhalb der eigenen Stadtgrenzen. „Wir holen nichts aus Remscheid ab und umgekehrt, um uns nicht gegenseitig die Sachen wegzunehmen. Da gibt es eine Art Ehrenkodex.“

Versorgungssituation bei Remscheider Tafel ist stabil

In der Nachbarstadt sei die Versorgungssituation zurzeit noch relativ stabil, berichtet Frank vom Scheidt, der die Remscheider Tafel leitet. „Da wir Rücklagen gebildet haben, ist die Finanzierung bei uns gut gesichert. Auch die hohen Benzinkosten können wir bislang abfedern“, gibt er sich optimistisch. Circa 660 bezugsberechtigte Personen versorgt die Remscheider Tafel als Stammkunden, was laut vom Scheidt etwa 350 Haushalten entspricht. Zwar seien die Lebensmittelspenden für diese Gruppe noch ausreichend, doch könnten Engpässe entstehen, falls in Zukunft deutlich mehr Geflüchtete aus der Ukraine die Tafel aufsuchen sollten, macht vom Scheidt deutlich. „Wir möchten keine Unterschiede machen, sondern alle gleich behandeln. Gegebenenfalls müssten wir an unsere Sponsoren appellieren, bei den Spenden etwas großzügiger zu sein.“ Hauptziel der Tafeln sei, gegen die Verschwendung von Lebensmitteln zu kämpfen und nicht die Grundversorgung von Bedürftigen zu übernehmen. Dies, so vom Scheidt, sei eine „gesamtgesellschaftliche Aufgabe“.

Auch interessant: Solinger Tafel feiert 20-jähriges Bestehen

Ehrenamtliche gesucht

Freiwillige: Aktuell engagieren sich 55 ehrenamtliche Helfer bei der Solinger Tafel, generell sucht die Einrichtung an der Ernst-Woltmann-Straße aber weiterhin Freiwillige. Insbesondere werde ein „Bufdi“ (Bundesfreiwilligendienstler) gesucht, der die Tafel auf 39-Stunden-Basis ein Jahr lang unterstützt. Interessierte können sich telefonisch an die Tafel unter Tel. (0212) 2 47 44 65 oder per Mail an Brigitte Funk wenden.

funk@tafel-solingen.de

Standpunkt: Klare Aufgabenteilung

Von Kristin Dowe

kristin.dowe@solinger-tageblatt.de

Wenn die Preise für Rohstoffe steigen, ist es ein logischer Effekt, dass der Handel bei Spenden den Gürtel enger schnallt. Es ist zwar ehrenwert, dass nicht verkaufte Waren den Tafeln überlassen werden – Überschuss zu bestellen oder zu produzieren kann sich gerade jetzt aber niemand leisten. Gleichzeitig ist damit zu rechnen, dass in Zukunft verstärkt Geflüchtete aus der Ukraine die Hilfe der Tafeln in Anspruch nehmen werden. Und auch wenn die Hilfsbereitschaft auf allen Seiten jetzt groß ist, können wir eine gesellschaftliche Spaltung über die Frage, ob nun der „deutsche Rentner“ oder eine ukrainische Mutter eher Anspruch auf Hilfsgüter hat, beim besten Willen nicht brauchen. Bislang ist uns eine solche nationalistische Debatte glücklicherweise weitgehend erspart geblieben. Sollte es tatsächlich zu Engpässen kommen, muss die Politik sicherstellen, dass der Grundbedarf aller Betroffenen durch die entsprechenden Sozialleistungen gedeckt werden kann. Dies liegt nicht in der Verantwortung der Tafeln, die sich in erster Linie die Rettung von Lebensmitteln auf die Fahnen geschrieben haben. Darüber sollte schon jetzt Klarheit herrschen.

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