Bergischer Geschichtsverein

Zeitzeugen berichten vom Kriegsende 1945

Schätzungsweise 1882 Tote und 2075 Verletzte waren in Solingen nach den Bombenangriffen der englischen Luftstreitkräfte vom 4. und 5. November 1944 zu beklagen. Die Innenstadt wurde nahezu ausradiert. Diese Aufnahme entstand einige Jahre später. Noch bis weit in die 1950er Jahre dauerte der Wiederaufbau. Fotos: Stadtarchiv Solingen
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Schätzungsweise 1882 Tote und 2075 Verletzte waren in Solingen nach den Bombenangriffen der englischen Luftstreitkräfte vom 4. und 5. November 1944 zu beklagen. Die Innenstadt wurde nahezu ausradiert. Diese Aufnahme entstand einige Jahre später. Noch bis weit in die 1950er Jahre dauerte der Wiederaufbau.

Der Bergische Geschichtsverein legt mit der 36. Ausgabe von „Die Heimat“ persönliche Erinnerungen vor.

Von Philipp Müller

Solingen. Ulrike Friedrichs, Jahrgang 1936, erinnert sich an die letzten Kriegstage 1945 auf dem Gelände von Schloss Hackhausen: „Wir hörten Schüsse und Panzergeknatter und wir Kinder mussten alle in den Keller.“ Am 16. und 17. April wird sich das Ende des Zweiten Weltkriegs zum 76. Mal jähren. Im vergangenen Jahr trugen Mitglieder der Bergischen Geschichtsvereins, die damals Kinder und Jugendliche waren, ihre Erinnerungen zusammen. Erschienen sind sie im 36. Band von „Die Heimat“. Die Sammlung mit Texten und Fotos zu historischen Ereignissen der Solinger Stadtgeschichte veröffentlicht der Verein einmal im Jahr.

Anderer Blickwinkel von 1946: Auch vom Ufergarten aus kann man das Ausmaß der Zerstörung und das damit verbundene menschliche Leid nur ganz grob erahnen.

Die Resonanz auf den Aufruf, die persönlichen Ereignisse rund um das Kriegsende und die Zeit danach aufzuschreiben, sei so groß gewesen, dass nicht alle Erinnerungen in voller Länge abgedruckt werden konnten, schreibt Dr. Beate Battenfeld für die Herausgeber des Geschichtsvereins im Vorwort. Benjamin Pause hat die letzten Kriegsmonate, das Kriegsende und die erste Besatzungszeit historisch umfassend eingeordnet.

Kondensstreifen am Solinger Himmel kündigten die Bomber an, die Solingen und fast das gesamte Dritte Reich in Schutt und Asche legten.

Aber der Schatz der aktuellen Ausgabe sind die Zeitzeugenberichte, die sich teilweise wie ein Krimi, dann wieder wie ein Roman, aber auch sehr sachlich lesen – eben so, wie die jungen Solinger das empfunden hatten. Es ist oft von traumatischen Erinnerungen die Rede. Und doch macht der persönliche Zugang zur Geschichte die Zeit aus Sicht der Autoren gut greifbar.

„Wenn binnen zwei Stunden nicht weiße Fahnen aus den Häusern hängen, dann wird auf die Häuser geschossen.“
Lautsprecher- Durchsage der US-Armee beim Einmarsch in Solingen

So beschreibt Luise-Gertrud Melchior den Einmarsch der Amerikaner am 16. April mit diesen Worten: „Da kamen die ersten amerikanischen Panzer aus Richtung Ohligs. Die Soldaten darauf hatten das Gewehr im Anschlag auf die Straßenränder gerichtet. Durch Lautsprecher wurde bekannt gegeben: Wenn binnen zwei Stunden nicht weiße Fahnen aus den Häusern hängen, dann wird auf die Häuser geschossen.“ Zeitgleich habe ihre Mutter einem Wehrmachtssoldaten Zivilkleidung gegeben, die Armee des Dritten Reichs war in Auflösung begriffen.

Rita Mehlis erinnert sich: „Wenige Tage später kamen zwei amerikanische Soldaten auch in unsere Wohnung und durchsuchten die Schränke.“ Ein Buch, sie meint, es sei ein nie gelesener „Mein Kampf“ gewesen, „lag im Kleiderschrank meiner Eltern und wurde beschlagnahmt“.

„Man stelle sich vor: Rührei mit Schinken! Ich hätte liebend gern davon gegessen.“
Rosemarie Steffens, Zeitzeugin

„Die US-Truppen beschlagnahmten Häuser, meist mehrere nebeneinander, um ihre Soldaten dort unterzubringen.“ Das berichtet Rosemarie Steffens. Sie erinnert sich, wie eine Nachbarin plötzlich im Haus herumlief und rief: „Helfen Sie mir, helfen Sie mir! In zwei Stunden müssen wir unser Haus geräumt haben.“ Nach ein paar Tagen waren die Besatzer wieder weg. Steffens erzählt, was sie in den Häusern vorfanden: „Man stelle sich vor: Rührei mit Schinken! Ich hätte liebend gern davon gegessen. Aber es wurde alles weggeworfen.“

Ina Tückmantel beschreibt eine für das befreite Solingen typische Situation, die viel zur Gemütslage verrät: „Ein merkwürdiges Geräusch wie von vielen schweren Stiefeln hatte mich angelockt. Ich sah, ein großer Trupp Männer kam die Friedrichstraße herunter: Kriegsgefangene. Diesen Anblick kannte man. Aber heute Kriegsgefangene? Die mussten doch jetzt frei sein! Ich sah näher hin: Es waren deutsche Soldaten! Deutsche Soldaten schlappten müde und hoffnungslos die Straße hinunter – einem unbekannten Schicksal in der Kriegsgefangenschaft entgegen. Das Bild des strahlenden Helden, mit dem wir aufgewachsen waren, hatte seine Gültigkeit verloren. Der Krieg war verloren. Wir waren ein besiegtes Volk.“

Es sind diese Alltagsgeschichten, die „Die Heimat“ so lesenswert machen. Wie auch die Erinnerungen von Heiner Watty. Ein Auszug: „Eines Tages überholte mich um die Mittagszeit auf dem Weg nach Hause ein amerikanischer Jeep, stoppte neben mir, und der Offizier auf dem Beifahrersitz reichte mir ein schmales Paket in Pergamentpapier heraus. Ich hatte zunächst Angst, es zu nehmen. Da er aber sehr freundlich lächelte, überwog die Neugier. Ich nahm es, lief nach Hause und unter den Augen von Mutter und Geschwistern wurde es ausgepackt. Es waren zwei große Scheiben weißes Brot, wie ich es noch nie gesehen hatte, dick mit Butter bestrichen, ein Wunder. Es verschwand natürlich blitzartig in unseren Mündern. Danach war meine Sympathie für die Amerikaner deutlich gewachsen.“

Daneben, und das ist noch eine eigene, ganz große Geschichte wert, räumt Friedrich Winkgen mit so manchem Mythos rund um eine geplante Sprengung der Müngstener Brücke auf. Er lebte damals in der Siedlung Schaberg direkt an der Brücke.

Historische Reihe „Die Heimat“

Herausgeber: Der Bergische Geschichtsverein Abteilung Solingen vereint 408 Mitglieder im Bestreben, die Stadtgeschichte aufzuarbeiten und sich darüber zu informieren. Neben der jährlichen Publikation veranstaltet der Verein auch Vorträge und Exkursion – seit Ausbruch der Corona-Pandemie allerdings stark eingeschränkt.

Heimat: Das aktuelle Heft, das 36. des Geschichtsvereins, kostet 7,50 Euro und ist auch im Solinger Buchhandel zu bestellen.

Direktbezug: Die Vorsitzende des Vereins, Dr. Beate Battenfeld, bietet wegen der nicht ganz einfachen Art, an die aktuelle Ausgabe zu kommen, auch einen Versand direkt über den Geschichtsverein an.

Kontakt: Bergischer Geschichtsverein, Tel. 3 82 89 66,

Internet und E-Mail unter:

info@bgv-solingen.de www.bgv-solingen.de

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