Missstände

Zeitdruck belastet ambulante Pflege

Blutdruckmessen gehört zu den Standardaufgaben beim Patientenbesuch in der ambulanten Pflege.
+
Blutdruckmessen gehört zu den Standardaufgaben beim Patientenbesuch in der ambulanten Pflege.

Eine ehemalige Mitarbeiterin eines Solinger Anbieters prangert Missstände in der Branche an.

Von Kristin Dowe

Solingen. Auskleiden, duschen, Kompressionsstrümpfe wechseln, Medikamente verabreichen – und dann schon wieder im Auto auf dem Weg zum nächsten Patienten sitzen, weil die Zeit drängt und die Termine im Tourenplan eng getaktet sind. So sieht der Alltag von rund 400 000 Beschäftigten bundesweit in der ambulanten Pflege aus. Die Situation der Branche schätzt die Gewerkschaft ähnlich ein wie die der stationären Pflege: „Durch den Einsatz von zu wenig Personal ist die Arbeitsverdichtung in einem Maße erhöht, welche die Beschäftigten regelmäßig in Überlastungssituationen bringt“, berichtet Harald Meyer, Gewerkschaftssekretär beim Verdi-Landesbezirk NRW. „Der Krankenstand ist hoch, immer mehr Beschäftigte kehren dem Beruf der Pflege den Rücken, weil sie die Belastung nicht mehr aushalten.“

Eine Erfahrung, die auch eine Solingerin gemacht hat, die ungenannt bleiben möchte. Die 39-Jährige war beim beim APV Solingen in der ambulanten Pflege als Altenpflegerin tätig und hat inzwischen den Job gewechselt. Rückblickend sagt sie heute: „Ich würde mich nie wieder für die ambulante Pflege entscheiden.“ Ein Jahr war die examinierte Altenpflegerin bei dem 2020 gegründeten Unternehmen tätig. Der Zeitdruck sei auch für sie der ausschlaggebende Faktor gewesen, sich beruflich umzuorientieren. Ein Zeitpuffer für eventuelle Schwierigkeiten auf den Touren sei grundsätzlich nicht eingeplant. „Ich hatte auf den Fahrten manchmal Angst, einen Unfall zu bauen. Wenn man in Stau gerät oder auch nur einen Eingang nicht gleich findet oder die zu pflegende Person die Tür einfach nicht aufmacht, kann man den Zeitverlust den ganzen Tag nicht wieder rausholen.“

Anders als in der stationären Pflege, wo die Situation wohl ähnlich angespannt sein dürfte, seien die Beschäftigten in der ambulanten Pflege bei ihren Einsätzen vollkommen auf sich allein gestellt – auch bei einem möglichen medizinischen Notfall. Der körperliche Zustand der Patienten und auch das Verhalten der Angehörigen vor Ort seien oft unberechenbar, sagt die Solingerin. „Man weiß nie, was hinter der Tür gerade passiert.“

Auch die wohnlichen Gegebenheiten der Patienten könnten unter Zeitdruck Probleme bei der Pflege bereiten. „Die alten Bäder sind oft sehr klein und eng, und in den Badewannen besteht oft Sturzgefahr. Wenn dort jemand einen Kreislaufkollaps erleidet, würde ich ihn wahrscheinlich nicht allein aus der Wanne herausbekommen.“

Zudem sträubten sich gerade demenziell veränderte Menschen häufig gegen Pflegerituale oder versteckten gar ihre Medikamente vor dem Pflegepersonal. Was unfreiwillig komisch klingt, sei in der Praxis oft ein ernstzunehmendes Problem, so die Altenpflegerin. Bis zu 18 Patienten habe sie in einer Schicht von 6 bis 13 Uhr in der Spitze versorgen müssen. Hinzu seien zahlreiche Überstunden gekommen, die oft nicht abgebaut werden konnten. „Es gab Zeiten, in denen mir dauernd neue Bereitschaftsdienste in meine freien Tage gelegt wurden, so dass ich privat eigentlich nie etwas planen konnte.“

Mit ihrem vormaligen Arbeitgeber ist sie im Rechtsstreit um aus ihrer Sicht unbezahlte Überstunden und Urlaubstage auseinander gegangen. Vor dem Arbeitsgericht Solingen handelten die Parteien zunächst einen Vergleich aus, der unter anderem vorsah, dass von mehr als 200 Überstunden 50 vergütet werden sollten – die ehemalige Mitarbeiterin stimmte nicht zu.

Dr. Martina Marchese, eine von drei Geschäftsführerinnen und -führern der SAPV, dem APV angehört, widerspricht dieser Darstellung: „Die ehemalige Mitarbeiterin hat jeden Cent ihrer Arbeit vergütet bekommen“, versichert sie. Die Beschäftigte habe sich über das vertraglich vereinbarte Maß hinaus Stunden aufgeschrieben. Gleichzeitig hält Dr. Marchese fest: „Ich schätze diese ehemalige Kollegin als Mensch sehr.“

Auch räume sie ein, dass einzelne Kritikpunkte ihre Berechtigung hätten. „Unser Unternehmen wurde mitten in der Corona-Zeit gegründet und wir hatten zu der Zeit auch viele Corona-Patienten mitzuversorgen. Wie überall in der Pflege haben auch unsere Pflegekräfte an der Belastungsgrenze gearbeitet“, so Dr. Marchese. „Und sicherlich ist die Kommunikation rückblickend nicht immer optimal gelaufen.“

Generell wünsche sie sich eine stärkere Lobby für die ambulante Pflege sowie externe Qualitätskontrollen. „Durch die Pflegereform und die standardisierte Bezahlung der Pflegekräfte nach Tarif hat sich die Situation schon verbessert. Der Weg muss aber noch weitergehen. Denn der Bedarf ist riesig – wir bräuchten noch viel mehr ambulante Pflegedienste in Solingen.“

Hintergrund

Pflegegarantie: Die Gewerkschaft Verdi fordert eine solidarische Pflegegarantie. Diese sieht vor, die Eigenanteile der Kosten für pflegebedürftige Menschen in Einrichtungen zu begrenzen. In der ambulanten wie stationären Pflege könne der erhöhte Personalaufwand nur so finanziert werden.

Standpunkt von Kristin Dowe: Qualität hat ihren Preis

kristin.dowe@solinger-tageblatt.de

Während Missstände wie Unterfinanzierung, Personalmangel und Zeitdruck in der stationären Pflege hinlänglich bekannt sind und in der öffentlichen Debatte zumindest regelmäßig stattfinden, gerät die ebenfalls angespannte Situation der ambulanten Pflege oft vom Radar der Öffentlichkeit.

Dabei arbeiten die Beschäftigten, die sich um Pflegebedürftige in deren eigenen vier Wänden kümmern, unter einem mindestens ebenso großen Druck. Denn auch sie leiden unter dem Konflikt, den Bedürfnissen ihrer Patienten – erst recht auf zwischenmenschlicher Ebene – nicht ausreichend gerecht werden zu können.

Das Tariftreuegesetz mag ein Schritt in die richtige Richtung mit Blick auf die Mindestlohnbestimmungen sein – die Arbeitsbedingungen in der ambulanten Pflege verbessert es nicht. Dabei wird der Bedarf an ambulanten Pflegediensten im Zuge des demografischen Wandels weiter steigen. Am Ende gilt für die ambulante das gleiche wie für die stationäre Pflege: Qualität hat ihren Preis – und will bezahlt werden.

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Blaulicht-Fahrt endet mit Unfall
Blaulicht-Fahrt endet mit Unfall
Blaulicht-Fahrt endet mit Unfall
Fußgänger bei Unfall schwer verletzt
Fußgänger bei Unfall schwer verletzt
Fußgänger bei Unfall schwer verletzt
Warnstreik am Montag hat auch massive Auswirkungen auf Solingen
Warnstreik am Montag hat auch massive Auswirkungen auf Solingen
Warnstreik am Montag hat auch massive Auswirkungen auf Solingen
Gasgeruch: Feuerwehr evakuiert Kita
Gasgeruch: Feuerwehr evakuiert Kita
Gasgeruch: Feuerwehr evakuiert Kita

Kommentare