Jahrhunderthochwasser 2021

Wupperverband: Talsperren fassen mehr Starkregen

Ein Hochwasser wie in Unterburg 2021 wird das neue Wupperverband-Konzept nicht verhindern, aber mildern.
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Ein Hochwasser wie in Unterburg 2021 wird das neue Wupperverband-Konzept nicht verhindern, aber mildern.

Nach der Kritik an den zu vollen Talsperren am Tag des Starkregens 2021 setzt der Wupperverband nun sein Zukunftsprogramm Hochwasserschutz schrittweise um.

Von Philipp Müller

Solingen. Nach dem Juli-Hochwasser 2021 war starke Kritik am Wupperverband laut geworden. Er steuert die Wassermengen in Talsperren und auch der Wupper. Die Talsperren hätten vom Jahrhundert-Starkregen nicht genug aufgenommen, weil sie zu voll waren, war einer der Kritikpunkte. Darauf hat der in Wuppertal ansässige Verband jetzt reagiert. Wie er in einem am Donnerstag veröffentlichten Zwischenbericht zum „Zukunftsprogramm Hochwasserschutz“ mitteilt, gilt für das Sommerhalbjahr 2022, dass „mehr Stauraum für Niederschläge in den Talsperren am Oberlauf der Wupper“ freigehalten wird.

Das gesamte Konzept geht aber weiter und umfasst mehrere neue Handlungsfelder (siehe unten). In Sachen Ablassen von Wasser aus den Talsperren setzt der Verband nun auf den neuen „Entlastungsplan“ für das künftige Vorgehen, „um in kurzer Zeit große Abgaben aus Talsperren fahren zu können“. Dazu gehört ein grundsätzlich niedrigerer Talsperrenpegel, der 2,5 Millionen Kubikmeter Reserve umfasst.

Eine weitere Lehre hat der Verband offensichtlich aus der Kritik an der mangelhaften Informations- und Alarmkette gezogen. Denn der Entlastungsplan besteht nach Angaben des Verbands aus einer Kombination der zusätzlichen Stauräume und verbesserter Kommunikation mit den Kommunen im Gebiet des Verbands, „damit eine frühzeitige Information der Beteiligten und bei Bedarf die Warnung der Bevölkerung erfolgen.“ Als Ergebnis formuliert der Verband: Der Plan „wird die Hochwassersicherheit optimieren.“

Wupperverband habe am Tag des Hochwassers korrekt gehandelt

Auch wenn sich der Verband in Sachen Hochwasserschutz neu aufstellt, so gilt für ihn, dass er sich am 14. und 15. Juli 2021 und den Tagen davor nicht falsch verhalten habe. Das habe ein Gutachten des Instituts für Wasserbau und Wasserwirtschaft an der RWTH Aachen ergeben. Prof. Holger Schüttrumpf hatte die Situation auf 83 Seiten untersucht und dem Verband attestiert: „Die Talsperren der Wupper sind während des Extremregenereignisses 2021 richtig bewirtschaftet worden.“ Die Regenmengen am 14. Juli 2021 seien in ihrer Dimension nicht vorhersehbar gewesen.

Schüttrumpfs Empfehlungen hat der Verband ins Konzept eingebaut. Tatsächlich hatte das Talsperrenwasser in Solingen nur einen geringen Anteil am Juli-Hochwasser.

„Rotes Telefon“ wird direkt zur Feuerwehr durchgestellt

An zwei Punkten werde sich die Einschätzung künftiger Lagen und deren Bewältigung nun verbessern. Für das Meldewesen zwischen Verband und Städten wurde ein Videokanal eingerichtet. Der wird bei Bedarf von der Bereitschaft „Hydrologie vom Dienst“ gestartet. „Gemeinsam mit den Feuerwehren wurde diese neue Kommunikationsplattform schon mehrmals erprobt“, teilt der Verband mit.

Zudem habe der Verband „weitere Meldegrenzen festgelegt“. Werden Grenzen für Gewässerpegel und die Talsperrenabgabe erreicht, erhalten die Kommunen automatisierte E-Mails und SMS. Neu: Durch das „rote Telefon“ werden Anrufe des Wupperverbandes zur Feuerwehrleitstelle Wuppertal/Solingen auch bei hoher Anrufauslastung unmittelbar durchgestellt.

„Mehr Messdaten generieren“ verspricht der Verband für die Zukunft. „Rund 20 der vorhandenen Niederschlagsstationen und rund 15 der vorhandenen Pegelmessstellen werden sukzessive zu Online-Stationen erweitert“, berichtet der Wupperverband.

Stadt Solingen nimmt eigene Wettersensoren in Betrieb

Daran ist auch die Stadt Solingen beteiligt. Sie hatte im Januar angekündigt, viele Messsensoren selbst anzuschaffen. Nils Gerken, Leiter von „Solingen digital“ berichtet, dass je 20 Grundwassersensoren und Bodenfeuchtesensoren bestellt seien. Nach einem Test folge eine Ausschreibung für weitere. „Für erste Sensoren für Wasserstände wird der Test derzeit initiiert“, sagt Gerken. Diese Daten gehen an den Wupperverband. Ziel ist, mit den Sensoren und Künstlicher Intelligenz Vorhersage-Modelle zu erstellen.

Nach dem Hochwasser 2021 wurde nun die Behelfsbrücke in Haasenmühle eingehoben

Konzept des Wupperverbands

Sechs Themenfelder umfasst das Zukunftsprogramm Hochwasserschutz des Wupperverbands:

  • Verbesserung des technischen Hochwasserschutzes
  • Verbesserung des grünen Hochwasserschutzes
  • Anpassung der Talsperrenbewirtschaftung
  • Optimierung der wasserwirtschaftlichen Messdaten und Modell-Entwicklung
  • Verbesserung der Information, Kommunikation und Meldeketten
  • Schadensbeseitigung

Das ganze Konzept gibt es hier beim Wupperverband zur Einsicht.

Passend dazu: Die Angst in Unterburg vor Hochwasser bleibt

Standpunkt von Philipp Müller: Erster Schritt ist getan

philipp.mueller@solinger-tageblatt.de

Der Wupperverband war in den Tagen nach dem Juli-Hochwasser 2021 angeschlagen. Mit dem Gutachten von Prof. Schüttrumpf aus Aachen ist er auch nicht aus dem Schneider. Die lange unterbrochene Alarmierungskette etwa nach Solingen hängt dem Verband nach. Doch jetzt ist ein erster Schritt getan. Mit dem „Entlastungsplan“ für 2022 sind erste Lehren gezogen worden. So gibt es mehr Reserve in den Talsperren bei Starkregen.

Das wird aber nur zu einem geringen Teil des Risikos der Überschwemmungen hemmen. Da müssen weitere Bausteine aus dem Zukunftsprogramm Hochwasserschutz umgesetzt werden. Gut ist, dass es nun das „rote Telefon“ nebst einem Videokanal zwischen der Feuerwehr und dem Verband gibt. Zukunftsmusik bleiben die Vorhersage-Modelle mittels Künstlicher Intelligenz. Aber auch das ist gut, dass nicht nur geredet, sondern auch gehandelt wird. Und das Solinger Rathaus marschiert dabei vorne weg.

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