Reiselust

Dieser Mann hat alle Länder der Welt gesehen

Bei seiner Rückkehr überraschte Wolfgang Wüsthof eine rote Luftballonzahl: Die 195 steht für die Länder, die er bereist hat.
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Bei seiner Rückkehr überraschte Wolfgang Wüsthof eine rote Luftballonzahl: Die 195 steht für die Länder, die er bereist hat.

2566 Flüge, 22 Pässe und unvergessliche Erinnerungen – die Reiselust des Unternehmers Wolfgang Wüsthof.

Von Stefan M. Kob

Solingen. Als Wolfgang Wüsthof vor einigen Tagen von einer Reise aus Algerien zurückkehrte, empfing ihn zu Hause in Hästen eine aus Luftballons geformte 195. Ein Zeichen, dass die Reise mit seinem Sohn Konstantin eine ganz besondere war. Nicht unbedingt wegen der abenteuerlichen Zeltübernachtungen in der nachts bitterkalten Wüste.

Mit der Landung auf dem Flughafen von Algier war das letzte Land auf der Erde erreicht, das Wolfgang Wüsthof im Laufe seines Lebens mindestens einmal bereist hat: 195 Staaten, davon 193 von der UNO anerkannt, existieren auf diesem Planeten. In jedem davon hat der bekannte Unternehmer mindestens einmal eine Nacht verbracht. Und quasi als Beifang kommen weitere 50 Länder und Regionen hinzu wie die Bermudas, die Antarktis, Schottland oder Grönland, die keine eigenständigen Staaten sind, sondern zu einem anderen Staatsgebiet gehören oder nicht mehr existieren wie die DDR.

Dabei war das Ländersammeln, mit dem der 87-Jährige weit über Solingen hinaus einmalig sein dürfte, am Anfang gar nicht beabsichtigt, sondern sozusagen beruflich bedingt. Denn der bekannte Unternehmer baute als geschäftsführender Gesellschafter ab 1960 konsequent das Überseegeschäft der Solinger Messerschmiede Wüsthof auf und machte „Dreizack” zu einer in aller Welt bekannten Marke. Von seinen 2566 Flügen, die er alle akribisch auf A5-Notizzetteln festhält, führten ihn 110 nach Nordamerika, 37 nach Afrika und 21 nach Australien.

Zwar standen bei diesen Reisen die geschäftlichen Kontakte im Vordergrund, die Wüsthof zum Teil aus dem Nichts schaffen musste. „Manchmal kannte ich am Anfang niemanden in dem Land.” Aber zunehmend blieb bei den Geschäftsreisen auch Raum für private Aktivitäten.

Besonders die Karibik hatte es ihm in dieser Hinsicht angetan. Zum einen war die Region geschäftlich äußerst lukrativ, weil die US-Amerikaner dort zoll- und steuerfrei einkaufen konnten. Zum anderen ließ sich hier hervorragend die freie Zeit genießen: „Ich bin da gesegelt wie ein Besessener” – ein Hobby, dem der 87-jährige Solinger bis heute frönt, etwa bei Segeltörns mit dem Katamaran im Mittelmeer.

Die Sammelleidenschaft des großen Briefmarkenfreundes entstand aber erst nach seinem Ausscheiden aus dem Unternehmen im Jahr 2012. Irgendwann fiel ihm beim Sortieren von Unterlagen und Bildern auf, dass es nicht mehr so viele Länder gab, in die er bisher noch keinen Fuß gesetzt hatte: „Die Zählung ergab 43.“ Und der Gedanke reifte, diese weißen Flecken auf seiner persönlichen Landkarte zu tilgen – was genau nach zehn Jahren mit der Rückkehr aus Algerien gelungen war.

Ohne eine übergroße Leidenschaft für das Reisen, das oft nicht ohne Gefahren und Strapazen denkbar ist, lässt sich so ein ehrgeiziges Ziel nicht verfolgen. Und auch nicht, ohne sehr früh mit dem Sammeln angefangen zu haben. Den Funken hat wohl unbewusst Vater Hugo Eduard geschlagen, der selbst gerne in der Welt unterwegs war und noch lange nach seiner Weltreise im Jahr 1927 voller Begeisterung vom Taj Mahal schwärmte. Was bei dem 22-jährigen Wolfgang und seinem zwei Jahre jüngeren Bruder Peter Eindruck hinterließ. Sie schmiedeten einen Plan, den sie – natürlich – vor den Eltern geheim halten mussten.

Mit einem Käfer erreichten Wolfgang Wüsthof und sein Bruder Peter 1957 Nepal. Eine kleine Sensation, die für Schlagzeilen sorgte.

Mit dem Käfer über den Landweg bis nach Nepal

So brachen sie am 24. Juli 1957 mit ihrem VW-Käfer auf, nachdem Peter sein Abitur und Wolfgang seine kaufmännische Ausbildung abgeschlossen hatte. Das angebliche Ziel: gute Freunde der Eltern in Teheran besuchen. Und als ob diese Reise nicht schon abenteuerlich genug gewesen wäre, fuhren die Brüder ohne Wissen der Eltern dann einfach noch weiter über Afghanistan und Pakistan nach Indien – und weil es gut klappte, noch bis zu den Bergriesen des Himalayas in Nepal. „Unser Käfer dürfte wohl der erste VW gewesen sein, der damals über den Landweg nach Nepal gekommen ist.” Die Sensation war dem Solinger Tageblatt schon am 15. Oktober 1957 einen kleinen Bericht wert: Die beiden Brüder waren da gerade in Kathmandu angekommen.

Erst nach neun Monaten kehrten die Abenteurer zurück, weil sie auf dem Rückweg noch einen Abstecher mit der Fähre nach Colombo machten – auf dem damaligen Ceylon war die einzige VW-Werkstatt weit und breit zu finden, die den schwächelnden Käfer wieder flott machen konnte. Ihre Erlebnisse hielten die beiden mit Hilfe einer kleinen Reiseschreibmaschine auf dünnem Durchschlagpapier fest.

22 Reisepässe haben sich bei Wolfgang Wüsthof angesammelt. Alle wurden im Laufe der Jahrzehnte vollgestempelt.

22 Reisepässe voller Stempel

Wenn Wolfgang Wüsthof in seinen 22 Reisepässen blättert, die im Laufe der Jahrzehnte vollgestempelt worden sind, fällt ihm natürlich das eine oder andere Abenteuer ein, das sich auf seinen zahlreichen Reisen in die exotischsten Länder ereignet hat. Besonders im Gedächtnis bleibt ihm wohl ewig eine Skitour im Himalaya im März 1999.

Weil der Helikopter, der die zehnköpfige Skigruppe auf 4000 Metern abgesetzt hatte, aufgrund eines technischen Defekts nicht mehr starten konnte und der Funkkontakt abgebrochen war, mussten die frierenden Skifahrer die Nacht über ausharren, bevor sie am nächsten Tag von einem indischen Militärhubschrauber gerettet werden konnten.

In Guinea steckte der voll bepackte Kleinbus des weit gereisten Solingers im Schlamm fest.

Verschollen: Indische Armee in Alarmbereitschaft

Das Drama war groß in den heimischen Zeitungen, denn in Indien gab es die Befürchtung, dass die verschollenen Touristen von Pakistani entführt sein könnten – weshalb die indische Armee in Alarmbereitschaft versetzt worden war.

Ansonsten hat der Solinger, der neben Englisch und Spanisch auch Französisch und Italienisch spricht, selten wirklich bedrohliche Situationen erlebt, weder im tiefsten Kongo noch in Russland oder Burkina Faso. Sein Rezept: Immer in den ältesten Klamotten unterwegs sein, um kein Aufsehen zu erregen. Und: In den angeblich gefährlichsten Krisenregionen reise man am sichersten: „Da wird schließlich besonders gut aufgepasst.”

Gefragt nach der schönsten Stadt der Welt kommt wie aus der Pistole geschossen: Kapstadt. Die Vielfalt mit Bergsteigen auf den Tafelberg, Wassersport, Weinanbau und Wildreservaten sei unvergleichlich. Und es gibt auch ein Land, in das er nie wieder einen Fuß setzen würde: die Komoren. „So ein Drecksloch habe ich noch nie gesehen.”

Im Fotoalbum findet sich natürlich auch das Wahrzeichen von Bhutan: das Taktshang-Kloster (Tigernest).

Ist der Reisehunger nun gestillt, wo das persönliche Ziel erreicht ist? Davon kann keine Rede sein: Fürs nächste Jahr stehen die Osterinseln auf dem Programm, und auch 2024 ist schon verplant: eine Halbumrundung der Antarktis, die er zu den eindrucksvollsten Regionen der Welt zählt. Sein Alter sieht der fitte 87-Jährige da nicht als Hindernis. Obwohl: Nach einer Woche Zeltübernachtung in der algerischen Wüste „spürt man dann die Knochen schon ein wenig.”

Zur Person: Wolfgang Wüsthoff

Wolfgang Wüsthof (87) war von 1975 bis 2012 geschäftsführender Gesellschafter des gleichnamigen Solinger Messerherstellers. 2008 gründete er die Wolfgang Wüsthof Stiftung, die sich für Kultur und Natur, etwa für die Renaturierung der Solinger Bachtäler, engagiert. Der Solinger Arbeitgeberverband ernannte Wüsthof wegen seines langjährigen Engagements zum Ehrenschatzmeister.

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