Immobilienmarkt

Wohnungssuche: „Als Hartz-IV-Empfänger keine Chance“

Gisela Sturm (Name geändert) sieht Hartz IV-Empfänger in einer aussichtslosen Position bei der Wohnungssuche. Foto: Christian Beier
+
Gisela Sturm (Name geändert) sieht Hartz IV-Empfänger in einer aussichtslosen Position bei der Wohnungssuche.

Betroffene schildert die schwierige Suche nach bezahlbarer Wohnung – Jobcenter hat Sätze bereits angepasst.

Von Simone Theyßen-Speich

Solingen. Eine bezahlbare Wohnung zu finden, das ist für Gisela Sturm (Name geändert) momentan das zentrale Problem. Die alleinstehende Frau schildert im Gespräch mit dem ST, wie schwer die Wohnungssuche je nach persönlichen Umständen momentan sein kann. „Ich habe zehn Jahre lang meine Mutter gepflegt und bin nach meiner Scheidung auf Unterstützung durch Hartz IV angewiesen. Wenn man den Vermietern erzählt, dass man Hartz IV erhält und vielleicht noch einen Hund hat, hat man bei vielen keine Chance“, so ihre Erfahrung.

Derzeit bewohnt sie noch eine 100 Quadratmeter große Wohnung, die warm 980 Euro im Monat kostet – als Alleinstehende jetzt zu groß und zu teuer. Aber gerade bei kleinen bezahlbaren Wohnungen sei der Markt „dicht“. „Etwa 50 Quadratmeter stehen mir zu, aber in dieser Größe ist fast nichts zu finden“, so die Solingerin. „Und das, was günstig ist, ist oft schlechter Wohnraum.“ Sie sei auch auf der Suche nach einem Nebenjob, „aber das wird vom Amt natürlich angerechnet“.

Besonders ärgert es sie, dass „alle Hartz IV-Empfänger über einen Kamm geschoren werden“. Da viele Wohnungsbewerbungen nur noch online liefen, habe man kaum eine Chance, die Vermieter persönlich kennenzulernen und von sich zu überzeugen.

Das anhaltende Problem, bezahlbaren Wohnraum zu finden, ist auch für Funda Altun-Osterholt, Geschäftsführerin des Mieterbundes Rheinisch-Bergisch Land, ein Riesenproblem. „Auch in Solingen ist es gerade für Menschen mit kleiner Rente, für Hartz-IV-Empfänger, Familien mit mehreren Kindern oder Mietern mit Hund sehr schwer. Der Markt wird da immer enger. Es fehlt vor allen Dingen geförderter Wohnraum.“

Sie hat die Erfahrung gemacht, dass es für die Sätze, die Hartz-IV-Empfängern beispielsweise vom Amt für die Miete gezahlt werden, oft nur heruntergekommene Wohnungen mit Schimmel an den Wänden oder undichten Fenstern gibt.

Jobcenter in Solingen orientiert sich an den Angebotsmieten

Dabei habe das Kommunale Jobcenter, das neben der Grundsicherung auch Kosten für Miete und Nebenkosten übernimmt, sogar schon mehrfach die Mietsätze nach oben korrigiert, erklärt dessen Leiter Mike Häusgen. Wie eng die Lage auf dem Wohnungsmarkt ist, muss auch er jeden Tag erfahren.

„Wir orientieren uns bei der Kostenübernahme nach den Marktpreisen. Früher haben wir nur auf die Preise im Bestand geschaut, jetzt werden die Angebotsmieten als Grundlage genommen“, erklärt er. Bis zu 30 Prozent der Preise der am Markt freien Wohnungen würden vom Jobcenter akzeptiert.

Bei den übernommenen Kosten gehe es ausschließlich um die Personenzahl, nicht um die Quadratmeterzahl der Wohnung. So stehe einer Person eine Wohnung mit Brutto-Kaltmiete von bis zu 420 Euro zu. Das steigere sich dann bis zu 900 Euro für fünf Personen und je 123 Euro mehr für jede weitere Person. „Wenn die Wohnung in einem energetisch sanierten Haus und somit etwas teurer ist, geben wir sogar noch einen Klimabonus obendrauf, weil dann die Energiekosten niedriger sind“, erklärt der Leiter des Solinger Jobcenters.

Auch Mike Häusgen kritisiert, dass es zu wenig öffentlich geförderten Wohnraum gebe. Vor allen Dingen kleine Wohnungen für eine Person fehlten. „Wohnungen von 40 oder 50 Quadratmetern zu bauen, ist halt im Verhältnis teurer“, so seine Erklärung. Eng sei es auf dem Markt auch bei Wohnungen für sieben oder mehr Personen.

Betroffenen, die sich eine kleinere oder günstigere Wohnung suchen sollen, gebe das Jobcenter mindestens ein halbes Jahr dafür Zeit. „Während der Corona-Zeit gab es auch Übergangsregelungen.“ Auch werde angeregt, über alternative Wohnkonzepte nachzudenken – etwa eine WG in einer größeren Wohnung aufzumachen.

Hintergrund

Übernahme Kosten der Unterkunft: Das Kommunale Jobcenter übernimmt für Hartz IV-Empfänger folgende Brutto-Kaltmieten (inklusive Wasser, Straßenreinigung, Müllabfuhr. . .) 1 Person: 420 Euro 2 Personen: 510 Euro 3 Personen: 640 Euro 4 Personen: 750 Euro 5 Personen: 900 Euro jede weitere Person: plus

123 Euro Heizkosten werden separat übernommen.

Hartz IV: Der Hartz-IV-Satz liegt derzeit bei 424 Euro für eine Person

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Kommentare