Umstrittene Fußballweltmeisterschaft in Katar

WM-Pleite: Kaum Publikum in den Gaststätten beim ersten Deutschlandspiel

Fußball-WM zur Mittagszeit – etwa 30 Gäste waren ins Brandy's gekommen, um das erste Gruppenspiel der deutschen Elf gemeinsam anzuschauen.
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Fußball-WM zur Mittagszeit – etwa 30 Gäste waren ins Brandy's gekommen, um das erste Gruppenspiel der deutschen Elf gemeinsam anzuschauen.

Das Brandy's ist einer der wenigen Orte, an denen Fans gemeinsam Fußball geschaut haben.

Von Andreas Erdmann

Solingen. Gewöhnlich kommen bei Fußball-Weltmeisterschaften Scharen von Fans in Gaststätten und an öffentlichen Stellen zusammen, um das Spielgeschehen auf Monitoren oder Leinwänden zu verfolgen. In diesem Jahr verzichten traditionelle Übertragungsorte wie das Theater und Konzerthaus und die Cobra auf Public Viewing, und in den meisten Gaststätten und Kneipen waren zum ersten Gruppenspiel der deutschen Elf die Bildschirme nicht ein-, sondern ausgeschaltet. Das Brandy’s an der Potsdamer Straße war eines der wenigen Lokale, die ab 13 Uhr zum Public Viewing des Spiels „Deutschland – Japan“ eingeladen hatten. Das Bräuhaus in Ohligs, bei dem wir auch eine Halbzeit verbringen wollten, hatte schlicht geschlossen.

Etwa 30 zuschauende Gäste waren ins Brandy’s gekommen. „Wir sind froh, dass überhaupt jemand hier ist. Bei anderen wichtigen Spielübertragungen tummeln sich hier um die 100 Leute – drinnen und draußen auf der Terrasse“, berichtete Brandy's-Geschäftsführer Volker Brandt.

Der Wochentag, die Tages- und vor allem die Jahreszeit seien dafür ausschlaggebend. „Eine WM so kurz vor dem kalten Winter ist surreal oder zumindest sehr außergewöhnlich“, erklärte er und wies auf die Weihnachtsdekorationen im Gastraum. Das Fußballmaskottchen des Brandy’s, ein dicker Fußballzwerg, stand mitten in einem großen Adventskranz. Ungünstig wirke sich zudem der Dienstagnachmittag aus – zu dem Spiel am Sonntag gegen Spanien erhoffe man sich mehr Publikum.

Regelrecht abschreckend für viele Fußballfans aber sei das desaströse Gebaren der FIFA. Korruption und mafiöse Strukturen, Bestechung, kurzfristige Änderungen wie das Alkoholverbot oder zuletzt das strikte Verbot gegen Mannschaftskapitän Manuel Neuer, eine Armbinde mit „One Love“-Aufdruck zu tragen – „das alles ist ein absolutes No Go.“ Völlig absurd sei auch, dass FIFA-Präsident Giovanni Infantino seinen Wohnort nach Katar verlegte. Katar selber sei ein äußerst schlechter Austragungsort. Dort gibt es massive Menschenrechtsverletzungen wie drastische Einschränkungen von Frauenrechten, strafrechtliche Verfolgungen von Homosexuellen, ausbleibende Löhne und extrem schlechte Arbeitsbedingungen für die Arbeitsmigranten, welche die Stadien errichteten.

WM-Übertragung auswirtschaftlichen Gründen

Dazu mehrten sich Berichte, auf den Baustellen seien Tausende Arbeiter zu Tode gekommen. „Wir haben die Umstände schon vor Jahren diskutiert. Doch da schien Katar weit weg – jetzt sehen wir, was dort los ist“, so Volker Brandt. Bei aller Kritik könne das Brandy’s es sich wirtschaftlich nicht leisten, auf die WM-Übertragung zu verzichten oder ganz zu schließen. „Wir sind in den letzten Jahren mit den Corona-Maßnahmen und dann durch Krieg und Inflation schon genug gebeutelt worden. Und wenn unsere Gäste Fußball schauen wollen, dann sollen sie es halt.“

Fußballfan und Stammgast Lothar Hartig zeigte sich mit dem Spielverlauf der ersten Halbzeit ganz und gar nicht zufrieden. „Seit dem Anpfiff bewegt sich die deutsche Mannschaft ja kaum und spielt, als hätte sie Angst vor den Japanern. Angsthasenfußball – so können wir keinen Blumentopf gewinnen!“

Einen anderen Gast erinnerte die DFB-Auswahl eher an eine „müde Altherrenmannschaft“. Bei jeder Torchance ging ein erwartungsvolles Raunen durch den Gastraum und versiegte, wenn die Chance vertan war. Am Ende sollte Lothar Hartig Recht behalten: Das deutsche Team verlor trotz anfänglicher Führung 1:2 gegen Japan. Das Tor für Deutschland schoss Illkay Gündoğan.

Die Fans waren enttäuscht. Etwas ganz Besonderes nun stellte das erste deutsche Gruppenspiel für Lisa Spröte und Stefan Lemmer dar. „Wir sind seit sieben Jahren Arbeitskollegen im Schwimmbad Vogelsang. Nach Auslosung der Spiele damals hatten wir uns als Kollegen im Brandy’s verabredet, um uns heute das Auftaktspiel für Deutschland anzuschauen“, erzählte Stefan Lemmer. „Jetzt sitzen wir hier zusammen und sind mittlerweile schon seit einem halben Jahr ein festes Paar“, erklärte Lisa Spröte. „Wir kamen beide aus unglücklichen Beziehungen und haben jetzt unser Glück gefunden. Auch der Fußball hält uns zusammen – wir sind beide eingefleischte Fans des FC Bayern München.“

FIFA

Die FIFA ist der Weltfußballverband. Dessen Zweck ist die „Kontrolle des Fußballs in all seinen Formen“. Der Verein mit Sitz in der Schweiz hat zuletzt in seiner Vierjahresertragsperiode 5,66 Milliarden Dollar erwirtschaftet.

Passend zum Thema: Diese Veranstaltungsorte verzichten auf Public-Viewing

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