Fußball

WM in Katar: Diese Veranstaltungsorte verzichten auf Public-Viewing

Bei zurückliegenden Fußball-Großereignissen – hier bei der Weltmeisterschaft 2014 – war der Konzertsaal oft voll. Solche Public-Viewing-Bilder wird es dieses Jahr wohl nicht geben.
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Bei zurückliegenden Fußball-Großereignissen – hier bei der Weltmeisterschaft 2014 – war der Konzertsaal oft voll. Solche Public-Viewing-Bilder wird es dieses Jahr wohl nicht geben.

Die Vorfreude auf die Winter-WM ist gedämpft. Es gibt viele Gründe, warum nicht überall die Spiele übertragen werden.

Von Manuel Böhnke

Solingen. In einem Monat beginnt die Fußball-Weltmeisterschaft der Herren in Katar. Die Spiele der deutschen Elf gemeinsam im Theater und Konzerthaus oder der Cobra zu verfolgen, war bei den zurückliegenden Fußball-Großereignissen für viele Solinger beliebte Tradition. In diesem Jahr besteht diese Möglichkeit nicht. Beide Veranstaltungsorte verzichten auf Public Viewing. Auch in der Gastronomie ist die Vorfreude auf die Winter-WM gedämpft.

Vor allem bei K.-o.-Spielen der Nationalmannschaft war das Theater und Konzerthaus in der Vergangenheit sehr gut gefüllt. Dass das Kulturmanagement in diesem Jahr auf die Übertragung verzichtet, hängt mit der Sanierung des Gebäudes an der Konrad-Adenauer-Straße zusammen. Alternative Veranstaltungsorte seien weitgehend belegt, nicht zuletzt wegen Nachholeffekten aufgrund der coronabedingten Schließung von Kulturstätten, heißt es auf Anfrage.

Darum wird in der Cobra die WM nicht übertragen

„Wir sind auch raus“, erklärt Anja Stock. Dafür nennt die Geschäftsführerin der Cobra mehrere Gründe. Zum einen sei der Dezember ein bedeutsamer Monat für die Veranstaltungsbranche. Biete das Merscheider Kulturzentrum wie in der Vergangenheit kostenloses Public Viewing an, müsste man dafür andere Veranstaltungen verschieben.

Zudem sei bereits bei den jüngsten Welt- und Europameisterschaften ein abnehmendes Besucherinteresse feststellbar gewesen. Der Hype der späten 2000er und frühen 2010er Jahre sei vorüber. Stock vermutet, dass sich dieser Trend 2022 fortführen werde: „Es ist einfach nicht die richtige Jahreszeit. Dass der Austragungsort sehr umstritten ist, spielt auch eine Rolle.“

Die Ausführungen decken sich mit der Einschätzung des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) Nordrhein. „Es wird eher kleinere Veranstaltungen zur WM geben, manche werden ganz verzichten“, berichtet Isabel Hausmann. Das führt die stellvertretende Geschäftsführerin nicht nur auf das Ausrichterland zurück, „sondern auch und vor allem“ auf die Jahreszeit.

Wir sind gezwungen, die Spiele zu zeigen.

Volker Brandt, Brandy‛s

Zerknirscht reagiert Volker Brandt auf die ST-Anfrage zur nahenden Weltmeisterschaft. „Ich lehne dieses Turnier ab, wir sind aber aus wirtschaftlichen Gründen gezwungen, die Spiele zu zeigen“, sagt der Geschäftsführer des Brandy’s. Die Gaststätte an der Potsdamer Straße zählt in Sachen Public Viewing zu den Vorreitern in Solingen. „Die Turniere waren immer sehr wichtig, um das Sommerloch zu stopfen“, erklärt der Wirt. Vor allem bei erfolgreichem Abschneiden der deutschen Elf habe das Geschäft gebrummt. Das bestätigt Hausmann: „Je weiter die deutsche Mannschaft kommt, desto größer die Bedeutung für die Betriebe.“

Steigende Nachfrage könnte die Gastronomie gebrauchen. Angesichts der wirtschaftlich schwierigen Lage sei Konsumzurückhaltung bei den Gästen spürbar, berichtet Brandt. Nun hofft er auf ein Zusatzgeschäft durch die WM, hat aber keine hohen Erwartungen: „Wir freuen uns über jeden Gast, sind aber nicht optimistisch.“ Zu umstritten sei das Turnier, zu wechselhaft das Auftreten der deutschen Elf, zu stark der Trend zum Public Viewing im Privaten.

Trotzdem wagt Brandt den Versuch. Und muss dafür Personal – zum Großteil Minijobber – umplanen. Denn eigentlich öffnet das Brandy’s unter der Woche um 17 Uhr. Einige WM-Paarungen beginnen schon um 11 und 14 Uhr. Für Deutschland-Spiele möchte er den Aufwand betreiben. Bei anderen Partien hänge das von der Nachfrage während des Turniers ab.

Zurückhaltung beim Konsum: Der Handel sorgt sich um das Weihnachtsgeschäft

Konjunktur

„Wir stehen vor nie gekannten Herausforderungen“, sagt Dehoga-Vertreterin Isabel Hausmann zur wirtschaftlichen Lage der Gastronomie. Das sei nicht nur auf steigende Preise für Gas, Strom und Lebensmittel zurückzuführen: „On top kommen der Personalmangel und das nicht einschätzbare Konsumverhalten. Und Corona mischt auch immer noch mit.“

Standpunkt von Manuel Böhnke: In der Zwickmühle

manuel.boehnke@solinger-tageblatt.de

Volker Brandt ist Fußballfan. Seit mehr als 20 Jahren überträgt er Spiele auf nationaler und internationaler Ebene in seiner Kneipe Brandy’s. Normalerweise müsste bei Menschen wie ihm einen Monat vor Anpfiff einer Weltmeisterschaft Vorfreude zu spüren sein. Doch da ist nichts.

Diese Erfahrung machen derzeit viele Fußballfans. Tote Arbeiter, suspekte Vergabe, fehlende Achtung der Menschenrechte – es gibt gute Gründe, das Turnier in Katar zu boykottieren. Ist es verwerflich, wenn Gastronomen dennoch Partien übertragen? Nein. Viele von ihnen plagen seit Beginn der Corona-Pandemie Existenzängste.

Nun, da die Gefahr des Virus einigermaßen beherrschbar scheint, verursachen Energiepreise und Inflation die nächste existenzbedrohende Krise. In dieser Situation kann niemand von der Branche verlangen, auf ein mögliches Zusatzgeschäft zu verzichten. Wenn sie dazu beiträgt, dass möglichst alle Gaststätten diesen schwierigen Winter überstehen, hätte diese auf vielen Ebenen abartige WM wenigstens einen positiven Effekt. 

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