Familiengeschichte

Wie eine griechische Familie in der Fremde ankam

Aus dem Familienalbum der Zacharakis: Sofia Zacharaki (r.) mit ihrem Mann Vassilios, Ioanna (Mitte) und deren Töchtern Sofia (l.) und Chrysa. Foto: Familie Zacharaki
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Aus dem Familienalbum der Zacharakis: Sofia Zacharaki (r.) mit ihrem Mann Vassilios, Ioanna (Mitte) und deren Töchtern Sofia (l.) und Chrysa.

Ioanna Zacharaki kam vor 40 Jahren als jugendliche Einwanderin in die Bundesrepublik Deutschland. Zehn Jahre zuvor kam bereits ihre Mutter als griechische Gastarbeiterin ins Land.

Von Andreas Erdmann

Solingen. Vor 40 Jahren, am 26. Oktober 1981, kam Ioanna Zacharaki als jugendliche Einwanderin von Griechenland in die Bundesrepublik Deutschland. Damals begann die heutige Solinger Bürgermeisterin (SPD) und Politikerin, Referentin und Soziologin ihr Studium der Germanistik und Soziologie in Aachen.

Bereits vor 50 Jahren, im September 1971, war ihre Mutter Sofia Zacharaki in Griechenland einem Aufruf gefolgt, der sie in ihrem Heimatdorf Chryaaomilea in der Region Tessalien erreichte. „Es hieß, in der Bundesrepublik werden neue Arbeitskräfte, sogenannte Gastarbeiter, gesucht – vornehmlich Frauen“, berichtet Ioanna Zacharaki. Die wirtschaftliche Lage in Griechenland war schlecht, und die Familie benötigte Einkommen. „Meine Mutter meldete sich und wurde dann von der Aachener Schokoladenfabrik Trumpf als Gastarbeiterin angeworben.“

Der Fortgang in die Fremde sei ihrer Mutter alles andere als leicht gefallen. „Da kam sie nun aus dem ruhigen, 300 Seelen zählenden Bergdorf Chryaaomilea in eine turbulente westliche Großstadt. Mit einem Mal verlor sie ihre angestammte Heimat samt ihren gefestigten familiären Strukturen.“ Sie ließ ihren Mann Vassilios und ihre drei Töchter zurück, von denen Ioanna im Alter von acht Jahren die jüngste war, zudem die Großeltern. Die deutsche Sprache verstand Sofia Zacharaki zunächst gar nicht. Sie musste diese von Grund auf erlernen, wobei ihr die Aussprache Mühe bereitete. Die Mutter unterstützte die Familie nun finanziell. Heimatbesuche waren nur in den Ferien möglich.

Eine Kindheit gab es für Ioanna Zacharaki nicht

„Wir anderen konnten damals nicht mit nach Deutschland. So waren wir Kinder nach Mutters Fortzug auf einen Schlag hin erwachsen“, erinnert sich Ioanna Zacharaki. „Eine Kindheit gab es von da an für uns nicht mehr. Und später auch keine Pubertät. Unser Vater arbeitete als Schneider, während wir uns um unsere 85-jährige Großmutter und den 90-jährigen Großvater kümmern mussten.“ Der Haushalt, die Haustiere und der große Garten, aus dem sie sich ernährten, wurden nun ebenfalls größtenteils von den Kindern versorgt. Dabei gab es im Haus keinen Strom, keine Heizung. Zum Heizen musste Holz gesammelt, und das Wasser aus einem Brunnen herangeschafft werden.

„Uns blieb kaum Zeit für die Schule. Freizeit kannten wir nicht. Solch ein hartes Leben schafft man nur mit viel Disziplin“, betont Zacharaki. Und doch bereue sie diese schwere Zeit nicht. Sie wurde früh selbstständig, was stets von Vorteil war. An der großen Verantwortung sei ihr Selbstvertrauen gewachsen, aus dem sich ein stabiles Fundament für ihr weiteres Leben aufbaute. „Später ging ich aufs Gymnasium in die Nachbarstadt, wo ich dann schon mit 15 Jahren meine eigene Wohnung hatte.“

Als Vater Vassilios dann ebenfalls Griechenland verließ, weil er Arbeit in einer Aachener Schneiderei gefunden hatte, nahm sie den kranken Großvater zu sich. „Meine Eltern sahen dann für meinen Lebensweg vor, dass ich in Griechenland studiere. Ich solle nicht nachziehen, meinten sie, da die deutsche Sprache zu schwierig wäre.“ Doch die Tochter nahm die Herausforderung an. Im Oktober 1981 sah sie sich mit etwas Gepäck in einem Zug nach Aachen fahren. „Das fühlte sich sehr spannend an. Völlig fremd war mir der Wohnort der Eltern nicht, ich war schon einige Male dort zu Besuch gewesen.“

Die Themen Migration und Integration begleiten Zacharaki persönlich und beruflich

Sie zog zu den Eltern und begann ihr Studium in Germanistik und Soziologie. Nebenbei besuchte sie eifrig einen Deutschkurs an der Uni. „Schwieriger als das Studieren war das Erlernen der Sprache. Ich musste jedes einzelne Wort im Wörterbuch nachschlagen.“ Zielstrebig beendete sie ihr Studium 1987. Im März 1990 verließ sie ihre gerade neu gefundene Heimat abermals, indem sie nach Solingen zog. Dort trat sie jetzt ihre Arbeitsstelle in der Sozialberatung für ausländische Mitbürger beim Diakonischen Werk an der Kasernenstraße an. 1994 dann wurde sie Referentin beim Düsseldorfer Landesverband der Diakonie im Bereich Migration und Integration. „Dieses Thema begleitet mich auf allen Ebenen: persönlich, beruflich, kommunalpolitisch.“

Mutter Sofia Zacharaki arbeitete bis zu ihrer Rente in der Schokoladenfabrik, ebenso ihr Vater Vassilios in der Schneiderei. Anschließend blieben beide in Deutschland. Der Vater starb. Sofia Zacharaki lebt heute auch in Solingen und besucht oft den Rest der Familie in Aachen.

Vor dem Hintergrund ihrer eigenen Familiengeschichte ermutigt Ioanna Zacharaki andere Auswanderer: „Als ich nach Deutschland kam, half es mir sehr, selbst die Initiative zu ergreifen und mir Kontakte außerhalb meines eigenen Milieus zu suchen.“ Wenn man die Grenze der eigenen Gruppe, der eigenen Umgebung überschreite, werde es spannend: dann kommen Lernprozesse in Gang, Neugier, Gesprächsstoff und Diskussion. „Aus Erfahrung kann ich bestätigen, es lohnt, sich aus seinem sicheren Ort in neue Orte locken zu lassen und neue Menschen, bis dato fremde Kulturen und Milieus kennenzulernen.“

Hintergrund

Anwerbeabkommen: Mit dem am 30. März 1960 zwischen der BRD und Griechenland unterzeichneten Anwerbeabkommen begann eine griechische Einwanderung in die Bundesrepublik.

Aufenthalt: Den griechischen Staatsbürgern wurde ein zeitlich unbefristeter Aufenthalt im Gastland gewährt, um dort Geld zu verdienen. Die angeworbenen Arbeiter bezeichnete man als Gastarbeiter.

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