Erinnerungen

Die Widderter Gaststätte Meis lag in „Klein St. Pauli“

Meis gehörte zu den Traditionsgaststätten in Widdert. Nach der Blüte bis in die 60er Jahre verschwand ein Lokal nach dem anderen. Jetzt auch Meis. Henriette Meis eröffnete die Gaststätte 1882. 1898 folgte durch Sohn Albert der große Saal. 1928 übernimmt Sohn Daniel Meis, 1973 dessen Sohn Franz. Von 1992 bis 2012 führt Stefan Müller das Geschäft.
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Meis gehörte zu den Traditionsgaststätten in Widdert. Nach der Blüte bis in die 60er Jahre verschwand ein Lokal nach dem anderen. Jetzt auch Meis. Henriette Meis eröffnete die Gaststätte 1882. 1898 folgte durch Sohn Albert der große Saal. 1928 übernimmt Sohn Daniel Meis, 1973 dessen Sohn Franz. Von 1992 bis 2012 führt Stefan Müller das Geschäft.

Frühere Traditionsgaststätte weicht Wohnbebauung – Tageblatt-Leser erinnern sich an ihre Erlebnisse im Viktoriasaal.

Von Philipp Müller

Solingen. war in den 1960er Jahren das „Klein St. Pauli“. Zahlreiche Tanzlokale gehörten dazu. Mit dem bevorstehenden Abriss der Gaststätte Meis nebst Viktoriasaal endet eine Ära auch physisch. Tageblatt-Leser erinnern sich an frühere Erlebnisse dort. Die Gaststätte selbst ist schon länger geschlossen und war nicht mehr rentabel zu betreiben.

Ute Schulz entsinnt sich an ihren Schlussball 1961 bei Meis: „Meine Freundin Marlies Grieshaber und ich trugen weiße Batistkleider der Firma Klasing und Baumann.“

Solingen: Tanzveranstaltungen und Abschlussbälle prägten

Auch der Schlussball war bei Meis möglich.

Hans-Peter Jansen erzählt auch, wie bei Meis das Tanzbein geschwungen wurde. „Im Herbst 1962 besuchte ich als 17-jähriger die Tanzschule Waluga an der Grundstraße in Solingen. Der Mittel- sowie der Schlussball wurden immer abwechselnd bei Meis und bei Eickhorn gefeiert.“ Doch nicht nur für Schlussbälle wurde Meis genutzt und die Gaststätte war nicht konkurrenzlos.

„Zur damaligen Zeit gab es in Widdert die Tanzlokale Eickhorn, Meis und Café Müller. Weiterhin gab es noch die Gaststätte Grah und die Paulistube, sowie das Café Schwecke“, erzählt Jansen. Es habe damals drei große Parkplätze für die Gäste gegeben, „die auch reichlich von auswärtigen Gästen genutzt wurden“.

Edith Vieth, Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen und der oberschlesischen Landsmannschaft, Kreisgruppe Solingen, erzählt von einer ganz besonderen Nutzung des Viktoria-Saals: „Vom 1998 bis 2002 bot die Gaststätte Meis einen gemütlichen Rahmen für das Goldberger Heimattreffen, zu dem Solingen als Patenstadt des schlesischen Kreises Goldberg die ehemaligen Bewohner eingeladen hatte.“ Dazu habe es stets eine offizielle Feierstunde mit dem jeweiligen Oberbürgermeister gegeben. „Anschließend wurde ein buntes Programm geboten, bei dem die Solinger Volkstanzgruppe Pommern und der Oberschlesier-Chor Solingen auftraten.“

Solingen: Im Karneval kam immer das Prinzenpaar nach Widdert

Karneval war eine feste Größe bei Meis. Foto: KG Muckemau

Die Karnevalsgesellschaft Muckemau war auch eng mit dem Haus verbunden, wie Joachim Ritter erzählt: „Gerne erinnern wir uns an die legendären Bayernabende mit Winfried Starck und seinen Steigerwäldern, die Ochsenfurther Blasmusik oder die Original Egerländer.“ Er nennt noch die monatlichen Versammlungen in gemütlicher Runde der Jecken. „Nicht zu vergessen: Im 111-jährigen Jubiläumsjahr gab es dort den Prinzenempfang unseres Prinzenpaares Hans-Joachim I. & Ilona I.“

Um Karneval ging es auch Jahrzehnte bei dem Stammtisch der Solinger Unterhaltungskräfte bei Meis. Willy Weber erzählt, dass dort immer die karnevalistischen „Vorstellnachmittage“ stattfanden, bei der sich Redner und Musiker für kommende Sessionen empfehlen konnten.

Gerd Vieth lenkt den Blick auf etwas ganz anderes. „Meine Erinnerungen an Meis sind immer mit zwei Sachen verbunden: Kurt Albert Meis und an den Motorsport mit der Renngemeinschaft Solingen und den Motorsportfreunden Solingen.“

Zum Schluss noch die Erinnerungen von Heidi Küppers: „Ich habe 1985 meine Lehre in der Gaststätte Meis begonnen und 1988 beendet. Danach habe ich noch ein Jahr als Gesellin gearbeitet. War eine schöne Zeit. Habe interessante Leute gesehen: Die Kubaner und Heino waren da und viele mehr. Schade, dass so eine Traditionsgaststätte schließt. Gerne denke ich auch an den Altweiberball, einfach toll. Es gäbe noch viel zu erzählen . . .“

Das ist auch Hans-Peter Jansen sicher und blickt mit Wehmut auf „Klein St. Pauli“ zurück: „Der Untergang von dem einst so geschäftigen Vergnügungsviertel Widdert war sehr deprimierend. Er zog sich über Jahre hin.“

Ära geht zu Ende

Das Ende der Tanzmusik mit Live-Kapellen aber in allen der Widderter Häuser Mitte bis Ende der 1960er Jahre geendet. „Es war die Zeit, in der Diskotheken aufkamen. Wir waren so auf die Livemusik eingespielt, so dass es schwerfiel, uns auf die modernen Discos einzulassen“, berichtet Hans-Peter Jansen.

Solingen: Hochzeit, Firmenfeier und runder Geburtstag

Festliche Anlässe gab es viele – sogar der Bräutigam wurde entführt

Selda Papadopoulos und Stilianos Papadopoulos heirateten 2010. Gefeiert wurde bei Meis mit „exzellentem“ Essen.

Wenn Firmen etwas zu feiern hatten, dann taten sie es oft bei Meis. Klaus Fey erinnert an das 25-jährige Firmen-Jubiläum von Unger. Er sagt: „Viele kleine und große Abenteuer von meinem Vater, in den 1930er Jahren, und später mir, hängen mit Meis zusammen.“

Die Gaststätte Meis war auch sehr oft der Platz für Familienfeiern wie Hochzeiten. Bärbel und Detlef Strümpf berichten von ihren Erlebnissen im Jahr 1976.

Solingen: Der Bräutigam versteckte sich einfach unter dem Tisch

„Damals war es üblich, die Braut zu entführen. Und so wartete ich bei der Feier gespannt, wann mich unsere Freunde wohl entführen würden. Den Brautstrauß hatte ich gut im Blick. Irgendwann im Laufe des Abends wunderte ich mich, dass mein Mann mit dem Brautstrauß verschwunden war. Er wurde entführt, nicht ich“, erzählt die Braut. Eine lange Suche in verschiedenen Gaststätten führte nicht zum Erfolg. Da fuhr sie zu Meis zurück. „Ich war schon nicht mehr so entspannt und habe kräftig auf den Tisch gehauen. Plötzlich kroch mein Mann unter dem Tisch hervor und nahm mich lachend in den Arm. Und es kostete 120 Mark, um ihn und die Gesellschaft auszulösen.“

Sevda Bektas schreibt: „Stark betroffen habe ich den Artikel über die Gaststätte Meis gelesen und sofort die Erinnerung an diesen einen wunderschönen Tag, den 22. Mai 2010, aufleben lassen. An diesem Tag haben wir die Hochzeit meiner Schwester und meines Schwagers gefeiert und durften eine unfassbar professionelle Organisation, exzellentes Essen, tolle Bedienung seitens der Kellner und glücklicherweise ein tolles Wetter genießen. Meine Schwester Selda Papadopoulos und mein Schwager Stilianos Papadopoulos sind bis heute glücklich verheiratet.“

Solingen: Zum 50. Geburtstag kam 1992 Minister Norbert Blüm

Bernd Wilz, frühere CDU-Staatsminister im Verteidigungsministerium, feierte im Dezember 1992 dort seinen 50. Geburtstag. „Da waren viele Vertreter der Bundeswehr bei Meis. Aber auch Minister Norbert Blüm.“ Der Empfang für die 500 Gäste habe schon mittags begonnen. „Schön war es aber erst am Abend, als wir mit noch 100 Leuten bis in den tiefen Abend gefeiert haben.“ Die Band Top Generation sei aufgetreten. „Und mein Freund Uli Kalkum hat damals den Conférencier gemacht. Das war ganz toll.“

Solingen: Der erste Tanz und Volkstänze der Landjugend auf „glitschigem“ Parkett

Monika Kratz teilt sehr persönliche Erinnerungen mit: „Eines Tages führte mich mein Vater auf die Tanzfläche und ich durfte mit ihm in der Öffentlichkeit tanzen. Das machte mich damals sehr stolz und ich fühlte mich sehr erwachsen, obwohl ich vielleicht erst 11 oder 12 Jahre alt war. Meine letzte Erinnerung an Meis ist der Abiball unserer jüngsten Töchter vor etwa 20 Jahren.“

„Wenn ich an die Gaststätte Meis in Widdert denke, fallen mir spontan die vielen Frühstückstreffen für Frauen ein, die in den Jahren 1993 bis 2006 dort stattfanden. Als eine der vielen Mitarbeiterinnen aus verschiedenen christlichen Kirchen habe ich in dieser Zeit dort zweimal im Jahr über konfessionelle Frühstückstreffen für Frauen mit organisiert,“ berichtet Christa Nikesch.

Auch die Landjugend habe bei Meis gerne gefeiert, berichtet Brigitte Meinsma. Jedes Jahr sei dort das Erntedankfest gefeiert worden. „Wir hatten viel Spaß, aber vorher auch viel Arbeit. Wir haben für das Erntedankfest immer ein Theaterstück auf Platt einstudiert.“Auch zahlreiche Tänze wurden auf dem „glitschigen Parkett“ vorgeführt.

Daran erinnern sich ST-Leser

„Wenn die Höhe der Decke im Saal nicht ausgereicht hatte, wichen wir in den Flur aus, um die Höhe der Lichtkuppeln zu nutzen.“

  • „Wenn die Höhe der Decke im Saal nicht ausgereicht hatte, wichen wir in den Flur aus, um die Höhe der Lichtkuppeln zu nutzen.“

Joachim Ritter zum Einsatz der Funkenmariechen im Karneval

„Meine Freundin und ich trugen weiße Batistkleider der Firma Klasing und Baumann.“

  • „Meine Freundin und ich trugen weiße Batistkleider der Firma Klasing und Baumann.“

Ute Schulz zum Abschlussball

„Im Sommer traf man sich in dem familienfreundlich eingerichteten Sommergarten.“

  • „Im Sommer traf man sich in dem familienfreundlich eingerichteten Sommergarten.“

Hans-Peter Jansen, Stammgast

„Gerne denke ich auch an den Altweiberball, einfach toll.“

  • „Gerne denke ich auch an den Altweiberball, einfach toll.“

Heidi Küppers, frühere Meis-Azubi

„Wir haben für das Erntedankfest immer ein Theaterstück auf Platt einstudiert.“

  • „Wir haben für das Erntedankfest immer ein Theaterstück auf Platt einstudiert.“

Brigitte Meinsma, Landjugend

„Viele Abenteuer von meinem Vater in den 1930er Jahren und später von mir hängen mit Meis zusammen.“

  • „Viele Abenteuer von meinem Vater in den 1930er Jahren und später von mir hängen mit Meis zusammen.“

Klaus Fey, oft Gast bei Meis

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