Wuppertaler Straße

Lebenshilfe: Widerstand gegen Werkstatt-Pläne hält an

Die Überlegungen des Lebenshilfe-Vorstands, eine neue Werkstatt auf dem ehemaligen Silag-Gelände an der Wuppertaler Straße zu errichten, sorgen innerhalb der Einrichtung für hitzige Diskussionen. Foto: Christian Beier
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Die Überlegungen des Lebenshilfe-Vorstands, eine neue Werkstatt auf dem ehemaligen Silag-Gelände an der Wuppertaler Straße zu errichten, sorgen innerhalb der Einrichtung für hitzige Diskussionen.

Aus den Reihen der Lebenshilfe mehrt sich Kritik an der Idee, den Neubau an die Wuppertaler Straße zu verlagern

Solingen. Bei der Belegschaft der Lebenshilfe Solingen und unter den Eltern der Beschäftigen bei der Werkstatt für Menschen mit Behinderung stoßen die Pläne des Vereinsvorstands, die künftige Werkstatt auf dem ehemaligen Silag-Gelände an der Wuppertaler Straße neu bauen zu lassen, auf massiven Widerstand. Nachdem das Tageblatt über die Überlegungen des Vorstands berichtet hatte, erreichten die Redaktion zahlreiche Zuschriften von Lesern, die sich entschieden gegen diese bauliche Variante wenden.

Zu den kritischen Stimmen gehört auch Elke Suffenplan, die sich als gesetzliche Betreuerin ihres Bruders mit einem offenen Brief an den Vorstand wandte: „Seit vielen Jahren kämpfen die behinderten Menschen, die Angehörigen und viele Mitstreiter darum, die Menschen mit einer Behinderung in die Mitte der Gesellschaft zu rücken und endlich gelebte Inklusion auf den Weg zu bringen“, schreibt die Solingerin.

Insbesondere die aus ihrer Sicht unzureichenden Informationen rund um das mögliche Projekt an der Wuppertaler Straße entsprächen „nicht dem Leitbild der Lebenshilfe“ – es dürfe nicht über die Köpfe der Mitarbeiter hinweg entschieden werden. Eine andere Betreuerin äußerte die Sorge, dass „Menschen mit Behinderung an den Stadtrand von Solingen abgedrängt“ würden. Unmittelbar nach Bekanntwerden der Pläne kritisierte der Initiativkreis Inklusion die Lebenshilfe.

Ich halte den Standort für ungeeignet.

Der Gräfrather Alexander Langer über die Pläne der Lebenshilfe

Kürzlich bemühte sich der Vorstand in einer Videokonferenz mit Vertretern des Betriebsrates und des Elternbeirates um Klärung der drängendsten Fragen, wenngleich für die Teilnehmer der Sitzung viele Aspekte offenblieben. So wurde vonseiten der Eltern der Wunsch geäußert, die Entscheidung über den Neubau bis zur Mitgliederversammlung Ende Oktober zu vertagen. Eine Nachfrage des Tageblatts, ob diese Bitte berücksichtigt wird, ließ die Vorstandsvorsitzende der Lebenshilfe, Professor Dr. Susanne Schwalen, neben weiteren Fragen rund um den Neubau unbeantwortet.

Lebenshilfe: Auch Südpark und der jetzige Standort sind noch eine Option für den Neubau

„Der Vorstand hat uns zugesagt, noch einmal das Gespräch mit der Stadt zu suchen, ob ein Neubau nicht doch am Südpark möglich wäre“, berichtet die Betriebsratsvorsitzende Petra Hochhaus aus der Sitzung. Dieser Standort, auf dem sich aktuell die baufällige Eishalle befindet, wurde seitens der Lebenshilfe ursprünglich als Standort für eine neue Werkstatt anvisiert und wäre für viele Betreuer und Beschäftigte noch immer Plan A. Auch der jetzige Werkstatt-Standort an der Freiheitstraße in Wald sei weiterhin im Gespräch. Während für den Südpark schon eine Machbarkeitsstudie vorliegt, sei diese nun auch für die Freiheitstraße vorgesehen. Dass die Werkstatt der Lebenshilfe an der Freiheitstraße baufällig ist, ist schon länger bekannt - die Liste der Mängel liegt vor.

Auf die Kritik, dass die Pläne dem Inklusionsgedanken widersprächen und die Anfahrt nach Gräfrath für Beschäftigte mit Problemen verbunden sei, habe ein Vorstandsmitglied argumentiert, „dass der Mensch dorthin gehen muss, wo die Arbeit ist und nicht umgekehrt“, schildert Hochhaus weiter. „Ein Mensch mit Behinderung hat aber nicht so viele Möglichkeiten wie einer ohne“, gibt die Betriebsratsvorsitzende zu bedenken. Einige Eltern müssten dann sogar einen Umzug in die Nähe des Standorts an der Wuppertaler Straße in Erwägung ziehen.

Der Vorstand habe hingegen argumentiert, dass die alternativen Grundstücke am Südpark und an der Freiheitstraße zu klein seien. Das Areal in Gräfrath verfüge demgegenüber über eine ausreichende Größe und biete zudem den Vorteil, dass der Unternehmer und jetzige Eigentümer Siegfried Lapawa den Neubau für die Lebenshilfe übernehmen könne, was für diese die wirtschaftlichen Risiken reduziere. Eine weitere Sitzung, bei der auch Planungsskizzen vorgestellt werden sollen, ist für diesen Donnerstag (20. Mai) geplant.

Gräfrather wünscht sich gemischte Nutzung für das Areal

Wenig begeistert über die Pläne zeigt sich auch der Gräfrather Alexander Langer – wenn auch primär aus anderen Gründen als die Kritiker aus den Reihen der Lebenshilfe. Bereits vor mehr als einem Jahr habe er Lapawa den Vorschlag gemacht, für ihn Investoren für das Grundstück mit einer Gesamtfläche von rund 46 000 Quadratmetern zu finden. „Ich habe auch schon Führungen für potenzielle Käufer auf dem Gelände organisiert“, so Langer.

Für ihn sei eine „gemischte Nutzung“ – bestehend aus Wohnungen, Oldtimerzentrum, einer „Gesundheitsmeile“ mit Fitnessstudio, Physiotherapie und ähnlichen Angeboten sowie einem Café oder Restaurant für die Mitarbeiter der umliegenden Unternehmen – am ehesten denkbar, anstatt das große Gelände für einen einzigen Zweck zu nutzen. „Der Ziegelbau aus dem Jahr 1910 dort hat einen ganz besonderen Charme. Es wäre eine nachhaltigere Lösung, ihn zu erhalten.“ Die Lebenshilfe müsste hingegen vollständig neu bauen, was zwingend den Abriss der Bestandsgebäude erfordern würde.

Das Anliegen der Lebenshilfe wolle Langer aber nicht kleinreden, betont er: „Ich gönne der Lebenshilfe eine neue Werkstatt. Nur diesen Standort halte ich für ungeeignet.“

Eishalle: Das ist der Stand der Verhandlungen

Die Lebenshilfe steht mit der Stadt in Verhandlungen um das Grundstück an der Birkerstraße (Südpark), auf dem sich aktuell die Eishalle befindet, welche die Stadt möglicherweise auch an diesem Standort erhalten will. Einen Investor für einen Neubau der Eishalle gibt es bislang nicht. Prominente Stimmen setzen sich für den Eissport in Solingen ein. In Bezug auf den Neubau einer Lebenshilfe-Werkstatt heißt es seitens der Stadt, dass für sie alle drei baulichen Varianten denkbar seien.

Standpunkt von Kristin Dowe: Keine leichte Aufgabe

kristin.dowe@ solinger-tageblatt.de

Bei aller Kritik, die in den vergangenen Wochen am Vorstand der Lebenshilfe laut wurde, sind die Mitglieder um ihre Aufgabe, einen adäquaten Standort für eine neue Werkstatt für die Einrichtung zu finden, auch nicht zu beneiden. Denn Grundstücke für ein Projekt dieser Art stehen in Solingen nicht im Überfluss zur Verfügung. Und auch sonst müssen sowohl der künftige Standort als auch der Neubau einen strengen Anforderungskatalog für die besonderen Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung erfüllen.

Speziell die Aussicht, dass die Werkstatt an die Wuppertaler Straße und damit in die Peripherie der Stadt verlegt werden soll, empfinden manche Betroffene als Degradierung. Auch wenn dies sicherlich nicht in der Absicht der Verfechter liegt und eher pragmatische Erwägungen bei der Idee eine Rolle gespielt haben dürften, sollten sie die Bedenken nicht mit einem Federstrich vom Tisch fegen. Entweder müssen sie von dem Standort grundsätzlich Abstand nehmen, wenn die Gegenwehr zu groß ist, oder triftige Argumente dafür liefern. Letzteres würde aber noch viel Überzeugungsarbeit erfordern. Wenn Menschen sich übergangen fühlen, läuft etwas in die falsche Richtung.

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