Historisches Foto

Welche Erinnerungen haben Sie an Telefonzellen?

Sie hat ausgedient: Die gute, alte Telefonzelle.
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Sie hat ausgedient: Die gute, alte Telefonzelle.

Historisches Foto der vergangenen Woche zeigte Burg Hohenscheid – ST-Leser erinnern sich an wechselvolle Geschichte.

Von Manuel Böhnke

Solingen. Was dieses Foto zeigt, wird man nicht erklären müssen. Wir möchten das Aus für die letzten Telefonzellen zum Anlass nehmen, Ihre Anekdoten zu sammeln. Welches wichtige Telefonat haben Sie per „Münzfernsprecher“ geführt, welche Erinnerungen an die markanten Kästen? Schreiben Sie uns bis Donnerstag, 1. Dezember, eine E-Mail: redaktion@solinger-tageblatt.de

Das historische Foto der vergangenen Woche: Hier übernachtete schon Paul McCartney

In den 1970er Jahren ist der Glanz vergangener Tage noch einmal aufgeblitzt. Da gastierten keine echten Adeligen auf Burg Hohenscheid, doch immerhin Könige der Musikindustrie. Paul McCartney übernachtete im Sommer 1972 nahe der Wupper, Mick Jagger mit den Rolling Stones ein Jahr später. Der Starbesuch ist eine der vielen bemerkenswerten Anekdoten in der wechselvollen Geschichte der mittelalterlichen Anlage. Sie war im historischen Foto der vergangenen Woche zu sehen.

Das historische Foto zeigt den zwischenzeitlichen Verfall von Burg Hohenscheid auf.

Trotz des ungewohnten Bildausschnitts erkannten das zahlreiche ST-Leser, etwa Randolf Dinger und Wilfried Bergeler. Die ausführlichsten Erinnerungen hat Theo Höffken. Kein Wunder: Die historischen Gemäuer sind seit 59 Jahren Teil seines Lebens. Sein Vater, Theodor Wilhelm Höffken, übernahm 1958 „Gut Hohenscheid“. Der Bauernhof liegt im Schatten der Burg. Theo Höffken betreibt ihn mit seiner Familie bis heute. Seine Schwester und er haben in der Burg Erstkommunion gefeiert. Und rauschende Feste anderer erlebt: Hochzeiten und Silvesterpartys. „Wir Kinder sammelten am nächsten Tag die nicht gezündeten oder vergessenen Feuerwerke ein, um für uns selbst ein Erlebnis zu haben.“

Höffken benennt detailreich, was sich seit 1960 in und um Burg Hohenscheid zugetragen hat. In besagtem Jahr wechselten Immobilie und Grundstück den Eigentümer. Der neue Hausherr baute an, wollte Friedgänge und einen Wassergraben anlegen. Nicht aus allen Ideen ist etwas geworden, nicht jeder Plan exakt aufgegangen. „Wie sich später herausstellte, sind alle Etagen im Anbau 40 Zentimeter höher als im Altbau“, nennt Theo Höffken ein Beispiel.

Erfolgreich sei hingegen die Gaststätte mit angeschlossenem Hotel gewesen, Wanderer kehrten dort regelmäßig ein. Doch der Betreiber strebte nach mehr. Er verwandelte die Burg in ein Luxus-Hotel, setzte auf „besondere Gäste“. So hat es zumindest Theo Höffken in Erinnerung: „Es soll sogar der Oberbürgermeister wieder herausgebeten worden sein, weil er vom Spaziergang kommend keine Krawatte trug.“ Missmanagement habe zum Aus geführt.

Es begannen unruhige Zeiten für die Nachbarn der Burg Hohenscheid. Die Anlage wurde zur Unterkunft für Geflüchtete. Theo Höffken berichtet von Auseinandersetzungen, Vandalismus und Diebstählen, ST-Leser Detlef Grah von „regelrechten Massenschlägereien“. Auslöser seien Spannungen zwischen ethnischen und religiösen Gruppen gewesen.

Heute dienen die historischen Gemäuer einem Verein als christliche Lebens- und Wohngemeinschaft.

Eine hat Dr. Ernst Köhnen noch besonders gut vor Augen. 1981 habe er als Assistenzarzt im Städtischen Klinikum gearbeitet. An einem Juli-Tag wurde er als Notarzt zur Burg Hohenscheid gerufen. Zwischen verfeindeten indischen Gruppen sei ein Streit ausgebrochen. Für einen jungen Mann endete er mit einer tödlichen Stichverletzung. Aus Angst vor Vergeltung seien andere Bewohner in den Innenhof gesprungen, zogen sich Frakturen zu. „Es war ein Großeinsatz der Rettungskräfte. Es dauerte lange, bis wir alle Verletzten ins Krankenhaus gebracht hatten“, schreibt Köhnen. Lange habe es auch gedauert, bis er den Einsatz seelisch verarbeiten konnte.

„Alles war mutwilliger Zerstörung zum Opfer gefallen.“

Dirk Birkendahl über den früheren Zustand der Burg

„Ich hatte aber auch viele erfreuliche Kontakte zu den Flüchtlingen“, betont Detlef Grah. In Balkhausen, wo der ST-Leser seinerzeit lebte, seien ihm oft farbenfroh gekleidete Menschen über den Weg gelaufen. „Meine Mutter hatte auch einmal bei Gewitter einen tropfnassen jungen Mann aus Afrika per Auto mitgenommen. Dieser war so erfreut, dass er sich prompt zum Besuch bei uns selbst einlud“, schreibt Grah. Mit Mutter, Oma, Vater und dem Ghanaer saß er am Tisch, versuchte sich als Englisch-Übersetzer. Serviert wurde eine Bergische Kaffeetafel mit Waffeln und Reisbrei.

Nach Auszug der Geflüchteten „folgte ein Verfall des Gebäudes“, erklärt Norbert H. Posthum. Nicht unwesentlichen Anteil daran hatten neben Metalldieben Besucher der Diskothek „Getaway“, die auf dem Rückweg von Partys in Glüder Burg Hohenscheid ansteuerten. Daran erinnert sich auch Theo Höffken noch lebhaft: Wenn die nächtlichen Pilger die Burgglocke läuteten, sei die Nacht auf dem Bauernhof meist beendet gewesen.

Auch Ursula Licht stattete den Gemäuern mit Freunden einen Besuch ab. „Es wurde weder etwas beschädigt noch entwendet“, betont die ST-Leserin. Stattdessen setzte sich ein Mitglied der Clique an die Orgel der Kapelle, um ein Ständchen zu spielen. Dirk Birkendahl erkundete den verlassenen Bau Mitte der 1980er Jahre. „Alles, auch die Toilettenschüsseln und sämtliche Kleinigkeiten, war mutwilliger Zerstörung zum Opfer gefallen, was mich schon damals empörte“, schreibt er. Heute lebt der ST-Leser in Balkhausen und freut sich über die Entwicklung von Burg Hohenscheid: „Ich hätte nie geglaubt, sie jemals in so gutem Zustand erleben zu dürfen.“

1987 übernahmen Eheleute aus Wipperfürth das verfallene Objekt, dessen Wurzeln auf einen im 13. Jahrhundert erstmals urkundlichen erwähnten Adelssitz zurückgehen. Der Landwirt Artur Hammesfahr war es, der die Anlage im 19. Jahrhundert ausbaute.

Von den Querelen der vergangenen Jahrzehnte ist heute nichts mehr zu spüren. „Mit der Übernahme durch die neuen Besitzer kehrte wieder Ruhe ein“, betont Theo Höffken. Aktueller Eigentümer ist der Verein Christliches Lebenszentrum Burg Hohenscheid. Die traditionsreiche Immobilie dient als christliche Lebens- und Wohngemeinschaft, gelegentlich öffnet ein Café. Bisweilen siegt Kontinuität über Glanz und Glamour.

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