Denkmal in Höhscheid

Warum stellt sich Künstler in Dienst der Nazis?

Harry Stratmann malte Ende der 1920er Jahre spätimpressionistisch. 1937 stellte er seine Kunst in den Dienst der Nazis.
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Harry Stratmann malte Ende der 1920er Jahre spätimpressionistisch. 1937 stellte er seine Kunst in den Dienst der Nazis.

Die Großnichte des Solinger Bildhauers und Malers Harry Stratmann mahnt, Geschichte gründlich aufzuarbeiten.

Von Philipp Müller

Solingen. Ingeborg Schniewind hatte sich geärgert. Im Zuge einer Kunstaktion wurde ihr Großonkel Harry Stratmann als Nazi-Künstler bezeichnet. Das sei zwar so genau richtig, erklärt sie. Aber mit der brandmarkenden Plakette für ihren Verwandten sei es nicht getan. Er sei nicht immer ein Nazi gewesen – wie viele in Solingen. Sie will nichts rechtfertigen. Im Gegenteil: Zur Aufarbeitung der Geschichte gehöre immer, warum etwas passiert, warum Menschen wie handelten. Man dürfe nicht die Kraft unterschätzen, mit der die Nazis die Menschen verführt hätten.

Der Solinger Kunstverein hatte das 1937 im Auftrag der Nazis erschaffene Ehrenmal auf dem Peter-Höfer-Platz im Gedenken der Höhscheider Opfer auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs durch das Künstlerinnen-Kollektiv Ester verhüllen lassen. Ein temporäres Mahnmal für die Opfer der Nazidiktatur war entstanden.

Der Weg sei richtig, sagt Ingeborg Schniewind. Aber sie will erzählen, wie es zum Stratmann-Ehrenmal kam. Ihr Großonkel wollte unbedingt Künstler werden. 1931 lebte er an der Baumstraße, „Kunstbildh“ steht im Adressbuch. In der Nähe an der Oststraße hatte er ein Atelier. „Leben konnte er von seiner Kunst nicht, soweit wir wissen“, sagt die Großnichte. Das familiäre Umfeld sei eher das des Bildungsbürgertums gewesen. Eine Cousine, eine Lehrerin, habe ihn stark unterstützt.

„Es gab nicht nur Nazis und Nichtnazis, dazwischen viel Grau.“

Ingeborg Schniewind, Nachfahrin von Stratmann

Stratmann gehört zum Solinger Künstlerbund, der 1919 gegründet wurde. Der löste sich 1933 auf, nicht genug Mitglieder der NSDAP gehörten ihm an. Der Partei gehörte Stratmann zunächst auch nicht an. Mit der Nummer 5678336 wurde er am 1. Mai 1937 in die Partei aufgenommen – in die Zeit fiel auch der Auftrag der Nazis an Stratmann, das Ehrenmal zu erstellen. „Er wird das nicht nur aus Überzeugung gemacht haben, sondern er musste von irgendetwas leben“, meint Schniewind. Das solle nicht entschuldigen, aber erklären, warum er sich in die braunen Rotten einreihte. Aus vielen Details weiß sie von ihrem Vater. Der hatte eine schicksalhafte Begegnung mit seinem Onkel Harry 1944 an der Ostfront in Lettland. Da sei das Thema besprochen worden. Nach dem Krieg konnte das nicht fortgesetzt werden. Harry Stratmann, der schon im Ersten Weltkrieg Soldat war, fiel wenig später in Lettland.

In der Nachkriegszeit wurde in der Familie viel über Stratmann gesprochen. Warum er Nazi wurde, sei aber nicht eindeutig zu ergründen gewesen. Seine Bilder der 20er und frühen 30er Jahre sind über die Familie verstreut. Es sind oft spätimpressionistische, farbstarke Bilder. Die meisten Werke seien aber im November 1944 durch einen Bombentreffer des Ateliers zerstört worden, berichtet Schniewind.

Auch wenn die Familie am Ende nicht mit Gewissheit den Punkt kennt, an dem die Nazis Harry Stratmann auf ihre Seite zogen, so will Ingeborg Stratmann doch das Thema in die Gegenwart holen. Die mit einem Mediziner verheirate frühere Medizinisch-Technische Assistentin ist sicher, Harry Stratmanns Geschichte taugt für die Aufklärung. „Es gibt nicht nur den Nazi oder den Nicht-Nazi, dazwischen ist viel Grau“, erklärt sie. Ihr hat daher sehr gut gefallen, dass der Kunstverein ein Zitat der KZ-Überlebenden Esther Bejarano zur Erklärung ihrer Kunstaktion beigestellt hatte.

Die im vergangenen Jahr verstorbene deutsche jüdische Zeitzeugin schrieb den Nachkriegsgenerationen, in der das Menschheitsverbrechen der Shoah Millionen Opfer davontrug, mahnend ins Stammbuch und Gewissen: „Ihr habt keine Schuld an dieser Zeit. Aber ihr macht euch schuldig, wenn ihr nichts über diese Zeit wissen wollt. Ihr müsst alles wissen, was damals geschah. Und warum es geschah.“ In dem Sinne wünscht sich Ingeborg Schniewind eine Aufarbeitung der Nazizeit und von Schicksalen wie dem ihres Großonkels.

Nazikunst und Künstler

Jürgen Kaumkötter, der Direktor des Zentrums für verfolgte Künste, findet die von Ingeborg Schniewind angeregte Debatte, wie ein Künstler auf die Seite der Kunstfreiheit auf die der Nazis wechselte, sehr wichtig. Da gelte es noch, viel aufzuarbeiten, auch in Bezug auf die Solinger Kunstszene zwischen 1933 und 1945. Aber erst jetzt würde Archivmaterial in seiner Gesamtheit zugänglich. Und es müsse auch wissenschaftlich gearbeitet werden. Reine Geschichten könnten nur der Ansatz sein. Was sich nicht durch Akten für Biografien belegen lasse, sei heute sehr schwer auf den Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen.

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