Die Woche in Solingen

Das Bergische Land als die Schweiz von Nordrhein-Westfalen 

stefan.kob@solinger-tageblatt.de
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Eine Woche zwischen Solinger Eierwerfern und TV-Duell in der Alten Schlossfabrik – und welche Lehren wir daraus aus Sicht von ST-Chefredakteur Stefan M. Kob ziehen sollten.     

 
Solingen. Zum Showdown vor der Landtagswahl kamen die beiden Spitzenkandidaten ausgerechnet -  ins Herzen des Bergischen Landes.

In der Alten Schlossfabrik in Burg, sonst eher als Ort für Feiern aller Art bekannt, traten Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) und sein Herausforderer SPD-Fraktionschef Thomas Kutschaty letztmals vor der Landtagswahl am Sonntag direkt gegeneinander an. Wer in dem Duell die bessere Figur gemacht hat, werden die TV-Zuschauer je nach politischer Überzeugung höchst unterschiedlich bewerten. Ein Gewinner steht jedenfalls schon vor dem morgigen Urnengang fest: das Bergische Land ist einem großen TV-Publikum als ein erstaunlicher Ort nähergebracht worden.  

Was die WDR-Verantwortlichen dazu bewogen hat, die TV-Kameras am Eschbachufer aufzustellen, ist nicht überliefert. Aber irgendwie wirkt das Bergische wohl als eine Art Schweiz zwischen den so gegensätzlichen Landesteilen wie Westfalen und Rheinland, Ruhrgebiet und Siegerland: neutral, zentral, keiner hat hier einen Heimvorteil.

Wie die Alpenrepublik liegt es hinter den sieben Bergen, dennoch mittendrin; es lässt sich keiner der anderen Regionen zuordnen und will das im Grund auch gar nicht; es ist irgendwie ein mystischer Raum, den nur wenige Auswärtige wirklich aus eigenem Erleben kennen. Denn wie die Schweiz gibt man sich sperrig gegenüber Fremden. Allein ein wichtiges eidgenössisches Merkmal fehlt - das Geld. Weshalb Altkanzler Konrad Adenauer lieber von „Sibirien” sprach, wenn er das Bergische Land meinte. 

Dass deshalb der Fokus der Landespolitik nicht auf den Wupperbergen liegt, ist ebenso verständlich wie fatal. Das Rheinland als Motor der wirtschaftlichen Entwicklung zu stärken, macht aus Düsseldorfer Sicht mehr Sinn. Ebenso wie dem darbenden Ruhrgebiet unter die Arme zu greifen. Deshalb gucken unsere Stadt und das Bergische Land generell oftmals in die Röhre, wenn es um Fördergelder und wichtige Landesprojekte geht.

Folgerichtig war im ohnehin müden Landtagswahlkampf von Politprominenz hier wenig zu sehen. Thomas Kutschaty fuhr immerhin mal über die Müngstener Brücke von Solingen nach Remscheid und Hendrik Wüst ließ sich in Remscheid die Produktion bei Dirostahl erklären. Herbert Reul im Haus Müngsten zählt nicht so richtig, denn für den Leichlinger war der Ausflug unter die Brücke ja ein Heimspiel. Berliner Spitzenpersonal kam - wenn überhaupt - höchstens nach Wuppertal, der selbsternannten Hauptstadt des Bergischen Landes. Zumindest Annalena Baerbock, auf die ausgerechnet von Solingern an der Bühne am Laurentiusplatz ein rohes Ei geworfen wurde, dürfte das gleich wieder bereut haben.


Nachdem schon der damalige Gesundheitsminister Jens Spahn bei Auftritten in Wuppertal und Bergisch Gladbach von einem wütenden Mob übel beschimpft und sogar bespuckt worden war, gilt das Bergische in Berlin und Düsseldorf nun wohl endgültig als Hort  renitenter Einsiedler, um die man besser einen großen Bogen macht. 


Deshalb ist es vielleicht ein Wert an sich, dass - egal wie die Wahl ausgeht - in jedem Fall der künftige NRW-Ministerpräsident uns in guter Erinnerung haben wird: Womöglich hat das Duell von Solingen ja die letzten fehlenden Stimmen zum Wahlsieg beigetragen. Ob unsere Region daraus das fehlende Kapital schlagen kann? Nötig wär’s.  

Und alle, die sich mit diesem ramponierten Image nicht abfinden können, haben am Sonntag eine große Chance: wählen zu gehen und mit der Stimme für eine Partei aus dem demokratischen Spektrum zu dokumentieren, dass das Bergische Land ein wichtiger, unverzichtbarer und massiv unterschätzter Hort von Stabilität und Demokratie ist. Und nicht nur Qualitäten als gelegentlicher Austragungsort von TV-Duellen hat. 
Hier geht es zum Ergebnis-Ticker am Wahlabend.


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