Industriemuseum

Solinger Industriegeschichte: Vortrag zeigt auf Historie „vom Kieserling“

Mit einem Vortrag Geschichte der Maschinenfabrik Kieserling & Albrecht im LVR-Industriemuseum Solingen mit stellten Dr. Jochem Putsch (l.) und Ralf Rogge ihr Buch über das Stück Solinger Industriegeschichte und die Menschen dahinter vor. Foto: Christian Beier
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Mit einem Vortrag Geschichte der Maschinenfabrik Kieserling & Albrecht im LVR-Industriemuseum Solingen stellten Dr. Jochem Putsch (l.) und Ralf Rogge ihr Buch über das Stück Solinger Industriegeschichte und die Menschen dahinter vor.

Dr. Jochem Putsch und Ralf Rogge stellten ihr Buch zur Solinger Industriegeschichte vor.

Von Jutta Schreiner-Lenz

Solingen. Zu den vielen Anekdoten ehemaliger Arbeiter „vom Kieserling“, die Dr. Jochem Putsch am Donnerstagnachmittag im Scherenlager des LVR-Industriemuseums zitierte, gab es im Auditorium zustimmendes Kopfnicken oder beifälliges sowie teilweise etwas wehmütiges Schmunzeln: Offenbar hatten viele der rund 70 Besucher des Vortags über die Geschichte des Unternehmens Kieserling & Albrecht persönliche Erinnerungen, die mit der 1998 aufgegeben Maschinenbaufirma zusammenhängen.

So wie etwa Hartmut „Haki“ Lemmer, Vorsitzender des Fördervereins des Museums, der in seinen Begrüßungsworten als Gastgeber ein paar exemplarische Einblicke in seine Kindheit als Sohn eines Kieserling-Arbeiters gab. Die beiden Historiker Dr. Jochem Putsch, ehemaliger Leiter und „Vater“ des LVR-Industriemuseums, und Ralf Rogge, Leiter des Stadtarchivs, nahmen mit in eine „heute zu Geschichte gewordene Arbeitswelt“.

Das erst 2020 final fertiggestellte Buch hätte bereits Anfang der 1990er Jahre erscheinen können – da war das Unternehmen bereits finanziell angeschlagen. Schon in den 1980er Jahren hatte Putsch seine Recherchen zur Firmengeschichte begonnen. Er wollte „keine klassische Firmenchronik erstellen, in der der Schwerpunkt auf den Unternehmern und ihren wirtschaftlichen Erfolgen lag“, erläuterte er zu Beginn.

Die Würde der Kieserling-Arbeiter hat mich bewegt.

Dr. Jochem Putsch, Historiker

Über den damals existierenden Seniorenkreis, in dem sich ehemalige Mitarbeiter regelmäßig trafen, startete er eine Interviewreihe. Er sei damals in unzähligen kleinen, aber mit Stolz bewohnten Wohnungen von pensionierten Arbeitern zu Gast gewesen, „den Kassettenrekorder zur Aufnahme auf dem Tisch“ und habe sich vom Arbeitsleben berichten lassen. „Mir ist so viel menschliche Würde und Zufriedenheit begegnet, das hat mich – damals 30 Jahre alt – tief beeindruckt und geprägt“. Dieser Blick aufs Leben habe ihn nach so langer Zeit bewegt, das begonnene Buchprojekt mit Unterstützung des Fördervereins zu beenden.

Putsch nahm sich viel Zeit, um Kostproben der von ihm im Buch dokumentierten Erinnerungen zu liefern. Dabei ging es plastisch um Arbeitsabläufe, Besonderheiten von zu bedienenden Maschinen, Erinnerungen an Weihnachtsfeiern und Betriebsausflüge oder an den allerersten Arbeitstag als Lehrling. Die meisten der von Putsch befragten Arbeiter hatten ihr ganzes Berufsleben bei Kieserling verbracht.

Archivar Ralf Rogge schrieb die Industriegeschichte auf

Zuvor hatte Ralf Rogge seinen Part des Buchprojekts erläutert: eine sorgfältig recherchierte Chronologie, bei der er Schwerpunkte auf die Geschichte der Gebäude und des Unternehmens legte. Gegründet wurde die Firma 1873 von dem aus Wuppertal stammenden Maschinenbauer Theo Kieserling, der zuvor beim Henckelschen Zwillingswerk angestellt gewesen war. Schnell suchte und fand er in Otto Albrecht einen Kompagnon, der allerdings kurioserweise auf dem Firmenlogo nur mit seinem Nachnamen auftauchte, während Theo die Anfangsbuchstaben seines Vornamens dort unterbrachte: „Th. Kieserling & Albrecht“.

Schnell florierte das Geschäft, expandierte nach innen und außen. Nach dem frühen Tod von Theo übernahm nach kurzer Übergangsregelung sein zweitältester Sohn Robert, später gemeinsam mit dem dritten Sohn Franz. Ihnen bescheinigte Rogge einen Führungsstil als „Herr im Haus“, der recht gegensätzlich zu der liberalen Art von Vater und Gründer Theo gestanden habe.

Hintergrund

1998 war nach 125 Jahren Schluss beim Maschinenunternehmen mit Weltruf, der Firma Kieserling & Albrecht. Heute kennt man nur noch das markante Verwaltungsgebäude am Südpark. Das LVR-Industriemuseum an der Merscheider Straße ist aus der stillgelegten Gesenkschmiede Hendrichs entstanden. Kieserling unterstützte die Firmengründung damals sowohl finanziell als auch mit von ihnen hergestellten Maschinen.

Noch mehr Kultur gibt es bei der Solinger Kulturnacht Ende März.

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