Karneval

Volker Weininger ist „Der Sitzungspräsident“

Volker Weiniger ist seit 2012 „Der Sitzungspräsident“ und ungekrönter Star des Karnevals. Am 27. Oktober gastiert er in der Cobra. Im Interview lobt er Solingen.
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Volker Weiniger ist seit 2012 „Der Sitzungspräsident“ und ungekrönter Star des Karnevals. Am 27. Oktober gastiert er in der Cobra. Im Interview lobt er Solingen.

Am 27. Oktober kommt der Satiriker in die Cobra. Im Interview erklärt er, wie seine Kunstfigur entstand.

Von Philipp Müller

Sie werden als „Der Sitzungspräsident“, als der „ungekrönte König im 0,2-Liter-Sprint“ angekündigt? Wie kam es zu der Figur?
Volker Weininger „Der Sitzungspräsident“: Aufgewachsen und im Karneval sozialisiert wurde ich in einem kleinen Ort im Rhein-Sieg-Kreis, wo ich als Jugendlicher meine ersten Karnevalssitzungen besuchte und als junger Erwachsener auch selber auf der Bühne stand. Dort hatten wir lange Zeit einen Sitzungspräsidenten, der schon zu Beginn der Veranstaltung um 19 Uhr ordentlich einen im Tee hatte und das bis zum Ende gegen 1 Uhr morgens kontinuierlich steigerte.
Dabei hatte er aber immer einen hohen Unterhaltungswert und auch eine gewisse Frechheit gegenüber den lokalen Honoratioren im Saal. Man kann schon sagen, dass er damals fast Kultstatus genoss. Er diente bestimmt in gewisser Weise als Vorbild für meinen Sitzungspräsidenten, der ja durchaus auch exemplarisch für das Charmant-Amateurhafte im Dorfkarneval steht, der nicht so hoch professionalisiert ist wie der Karneval in den großen rheinischen Hochburgen.
Ein Sitzungspräsident steht eigentlich an der Spitze der eher ernsten Nomenklatura einer Karnevalssitzung. Verstehen Sie Ihre Figur auch als satirischen Anschlag auf den etablierten Karneval, der eigentlich besser zur Stunk-Sitzung passen würde?
Weininger: Der Sitzungspräsident ist natürlich eine Parodie, und sein liebstes Stilmittel ist die Übertreibung! Ich glaube aber übrigens, dass die Grenzen zwischen alternativem und traditionellem Karneval heute nicht mehr so scharf gezogen sind. Warum muss man auch immer alles in einer Schublade ablegen? Ich selber habe da jedenfalls überhaupt keine Berührungsängste. Ich hab mehrere Jahre für die Stunksitzung geschrieben und bin gleichzeitig auf Sitzungen aufgetreten. Geht beides. Und macht beides Spaß!
Ihren Sitzungspräsidenten lassen Sie mit weniger oder noch mehr Alkohol auf die Gesellschaft blicken. Direkt gefragt: Ist jede Freude ohne Alkohol künstlich?
Weininger: So ist es! (lacht) Fest steht jedenfalls: Ein wohldosiertes Schlückchen zur rechten Zeit lässt die eine oder andere Situation möglicherweise für den Moment nicht ganz so ausweglos erscheinen!
Sie schreiben aber nüchtern, oder? Man könnte Zweifel haben, schaut man sich Ihre heimischen Videos von der Quarantheke an.
Weininger: Sie wollen doch wohl nicht unterstellen, dass meine Quarantheke-Clips den Eindruck erweckten, als seien sie im Suff gezeugt worden! Nein, aber im Ernst: Kennt doch jeder von sich selber: Dinge, die man unter Eindruck von Substanzen lustig fand, kommen einem am nächsten Morgen nur noch bedingt witzig vor. Ich rate also dringend zur Abstinenz beim Schreiben! Zumindest im komischen Fach. Für das Feuilleton kann ich das nicht beurteilen. Da fehlen mir die Erfahrungswerte.
Ihre Texte wirken so, als würden Sie tatsächlich jede Pointe selbst erfunden haben. Oder „leihen“ Sie auch mal etwas aus, frei nach dem Vorgehen des Kabarettisten Wolfgang Neuss, der Tucholsky und Krauss „zitierte“ mit den Worten: „Tucho will nicht besessen, er will benutzt werden.“
Weininger: Man muss nicht jede Pointe neu erfinden. Vielleicht kann man das auch gar nicht. Die eine oder andere frei zugängliche Leihgabe ist da schon legitim, solange sie nicht schon zu oft verliehen wurde. Das gilt selbstverständlich nur dann, wenn sie keinem Urheber zugeordnet werden kann. Aber frei nach Jürgen Becker würde ich sagen: Karneval gut und schön, aber man muss auch mal einen Witz erzählen. Ich lege aber großen Wert darauf, dass die überwiegende Zahl der Gags meinem eigenen Hirn entspringt.
Sie waren schon einmal in Solingen bei der traditionellen Zöppkesmahlzeit im Bergischen Land, welches der frühere Bundeskanzler Konrad Adenauer mit den Worten „Dat is doch Sibirien” bezeichnete. Ist Ihre Erinnerung an den Auftritt und die Klingenstadt ähnlich frostig?
Weininger: Ganz im Gegenteil! Ich führe tatsächlich über jeden meiner Auftritte Buch und habe zu dem bei der Zöppkesmahlzeit stehen: „Großer Spaß! Statt der gebuchten 20 Minuten fast 45 Minuten auf der Bühne! Super Publikum!“
In Solingens Nachbarstadt Leichlingen wurde der Büttenredner Kurt Lauterbach geboren, der viele Jahre in Solingen-Merscheid ein Feinkostgeschäft betrieb und bis Mitte der 1990er Jahre eine Größe im Kölner Karneval war. Kennen Sie ihn noch und was können Sie von seiner Art, eine Pointe an die andere zu reihen, lernen?
Weininger: Sein Wirken war größtenteils vor meiner Zeit. Natürlich kenne ich seinen Namen aber noch. Und eines ist im Karneval damals wie heute als Büttenredner sehr wichtig: Die Gagdichte muss hoch sein, damit man die Aufmerksamkeit des Publikums nicht verliert.
Ein Blick in die aktuelle Szene des Karnevals. Es gibt immer weniger Büttenredner. Haben Sie dafür eine Erklärung?
Weininger: Ehrlich gesagt auch nicht so wirklich. Richtig ist: Es kommen jedes Jahr eine ganze Reihe neuer Bands auf die Bühnen, aber nur sehr wenige Redner. Das heißt, bei den Bands ist der Konkurrenzdruck sehr viel höher. Ein guter neuer Redner würde es wahrscheinlich relativ leicht haben, schnell erfolgreich zu werden.
Stattdessen regiert heute im Karneval die Musik mit Lautstärke. Wie schaffen Sie es, sich dort dann entsprechend Aufmerksamkeit zu verschaffen, um Gehör zu finden? Gibt es dazu einen Trick?
Weininger: Ich profitiere mittlerweile natürlich von einem gewissen Bekanntheitsgrad. Das macht es schon leichter, wenn man in einen Saal kommt und die Leute wissen, wer du bist, und sie freuen sich auf dich. Aber Fakt ist auch: Wenn man als Redner auf eine Veranstaltung kommt, wo die Leute nicht (mehr) zuhören wollen oder können, dann sind deine Möglichkeiten aus meiner Erfahrung praktisch gleich null, dagegen etwas ausrichten zu können.
Es kommt darauf an, die Zuschauer sehr schnell davon zu überzeugen, dass es sich lohnt, dir zuzuhören. Gerade als Neuling sind die ersten ein, zwei Minuten da schon ganz entscheidend. Da muss man sich wirklich jeden Saal erobern. Das ist eine harte Schule. Muss aber jeder durch.
Jetzt also wieder Solingen. Was erwartet die Besucherinnen und Besucher am 27. Oktober in der Cobra?
Weininger: Wenn ich den Stimmen meines Publikums trauen darf, dann können sich die Solinger auf zweieinhalb Stunden Lachen am Stück freuen. Sehr oft höre ich nach meinen Veranstaltungen: Es hat so gutgetan, all das, was gerade um uns herum passiert, einfach mal für einen Abend zu vergessen. Ich finde, das ist ein tolles Kompliment!

Cobra-Auftritt

Termin: Donnerstag, 27. Oktober, 20 Uhr, Einlass um 19 Uhr, Cobra, Merscheider Straße 97-99, Tickets gibt es online ab 22,70 Euro: www.eventim.de

Sitzungspräsident: Der 51-Jährige gehört mittlerweile zu den gefragtesten Rednern und ist regelmäßiger Gast bei den großen Fernsehsitzungen. 2008 betrat er mit seinem ersten Solo-Kabarettprogramm „Bestatten: Weininger!“ die Bühne. Seit 2012 gibt es seine Kunstfigur „Der Sitzungspräsident“.

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