Glosse

Völlig falsches Wimmelbild irritiert: Muss das Brückenfest wiederholt werden?

Mit diesem „falschen“ Wimmelbild von Jacques Tilly wurde auf Großplakaten für das Brückenfest geworben.
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Mit diesem „falschen“ Wimmelbild von Jacques Tilly wurde auf Großplakaten für das Brückenfest geworben.

GLOSSE Auf dem Wimmelbild von Jacques Tilly stimmt etwas ganz und gar nicht.

Von Philipp Müller

Solingen. Müssen die Feierlichkeiten zu 125 Jahre Müngstener Brücke wegen einer kleinen, möglicherweise von Jacques Tilly verursachten Panne wiederholt werden? Denn der inhaltlich korrekte Ablauf des Festes fand überhaupt nicht statt. Warum? Auf einem im Müngstener Brückenpark aufgestellten Großplakat mit einem Wimmelbild des Düsseldorfer Künstlers von der Brücke und weiteren Wahrzeichen der Städte Wuppertal, Solingen und Remscheid sind die Städte geografisch nicht korrekt angeordnet.

Doch bevor die Frage beantwortet wird, ob das Fest deshalb neu ausgerichtet werden muss, erst die Geschichte hinter der Verwechslung, nebst Einschätzung, ob nicht alles am Ende eher Komödie ist.

Zunächst regten sich Irritation und dezenter Widerstand seitens eines Solinger Werbefachmanns mit geschultem geografischem Auge. Wie könne es sein, fragt Rolf Bossert beim Tageblatt nach, dass auf dem Bild richtigerweise Wuppertal im Hintergrund an der Wupper liegt, Remscheid allerdings dort, wo eigentlich vorne links Solingen liegen müsse. Und am Platz der Klingenstadt liege die Werkzeugstadt Remscheid auch völlig falsch.

Nicht nur der Redaktion des Solinger Tageblatts stellten sich Fragen über Fragen. Haben die Rathäuser denn Tilly gar nicht informiert, wie das topographisch im Städtedreieck so aussieht, ihn nicht einmal mit einem Diercke Weltatlas zwecks Tiefen- und Höhenzug-Recherche versorgt? Oder ist das alles eher Freiheit der Kunst? Haben Bossert und die Tageblatt-Redaktion das Thema Wimmelbild nicht richtig verstanden und in solchen Abbildungen ist egal, wo was gezeichnet wird, Hauptsache es ist drauf?

Während die Redaktion auf die Antworten von Jacques Tilly und Joachim Radtke vom Solinger Stadtmarketing wartete, das das Wimmelbild in Auftrag gab, zunächst weitere unrecherchierte Fakten: Ob bereits ein Einspruch gegen die Wertung der Feier beim DFB, dem Deutschen Feier Bund, vorliegt, ließ die Organisation leider unbeantwortet. Auch ist völlig unklar, warum sich der Kölner Keller, diesmal mit seinen Video-Feierrichtern im karnevalistischen Tiefgeschoss des Gürzenich platziert, nicht umgehend gemeldet hatte. Wollten die Domstädter den Künstler Jacques Tilly aus der Feindstadt Düsseldorf in eine rasiermesserscharfe Solinger Klinge laufen lassen? Oder ihn mit einer stabilen Remscheider Zange zwecks „bis auf die Haut blamieren“ in die Öffentlichkeit zerren?

Und was sagen eigentlich die Rathäuser – die haben wir besser erst gar nicht gefragt. Die Glückseligkeit bei den Stadtoberhäuptern Burkhard Mast-Weisz und Tim Kurzbach ob der „tollen zwei Tage unter der Brücke“ wollen wir aktuell nicht erschüttern.

„...auf Wunsch meines Auftraggebers geändert...“

Jacques Tilly

Nun zu den echten Fakten. Jacques Tilly klärt auf: „Auf meinem ersten Entwurf hatte ich in der Tat Solingen links und Remscheid rechts gezeichnet, weil mir das gemäß Google-Maps so richtig schien. Dann habe ich das auf Wunsch meines Auftraggebers geändert, also Solingen und Remscheid vertauscht. Der Kunde ist nun einmal König.“

König ist in dem Fall Joachim Radtke vom Stadtmarketing – ebenfalls Werbeprofi wie Rolf Bossert. „Ja“, er habe Solingen und Remscheid tauschen lassen, berichtet er von der Cote d’Azur – dort befindet er sich aber nicht auf der Flucht, sondern macht Urlaub und begleitet die Six Bridges Rally teilweise. Das dürfe man bitte nicht so ernst nehmen. Wuppertal könne man in Müngsten von der Wupper aus – anders als im Wimmelbild – tatsächlich gar nicht sehen, Schloss Burg und Röntgen-Museum auch nicht. Ihm habe die endgültige Anordnung mehr zugesagt. Er bucht es also unter Kunstfreiheit ab.

Somit bleibt nun zu klären, ob die Kunstfreiheit über die geografische Korrektheit siegt. Ist Letzteres der Fall, wünscht sich auch Bossert eine Wiederholung des Brückenfestes. Denn er will unbedingt mit einer kostenlosen Dampfzugfahrt belohnt werden, weil er den „Skandal“ aufgedeckt hat. Ob das Tilly-Wimmelbild nun auch in der topographisch richtigen Form gedruckt wird, muss auch noch geklärt werden. Es bleibt dabei: Es bleiben Fragen über Fragen.

Jacques Tilly

Der Düsseldorfer Künstler und Satiriker entwirft seit mehr als 30 Jahren die Wagen für den Düsseldorfer Rosenmontagszug und erlangte damit bundesweit Ruhm wegen der oft drastischen, politischen Aussagen zur aktuellen Weltlage.

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