Kunden sparen an der Nachhaltigkeit

So leiden Unverpackt- und Naturkost-Läden unter aktuellen Krisen

Stefanie und Patrick Leo betreiben einen Unverpackt-Laden in Ohligs.
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Stefanie und Patrick Leo betreiben einen Unverpackt-Laden in Ohligs.

Ukraine-Krieg, Inflation, Energiekrise: Sie verdrängen bei vielen offenbar die Klimakrise. Dieses Problem beklagen einige Unverpackt- und Naturkost-Läden.

Von Kristin Dowe

Solingen. Jammern wolle sie keineswegs, schickt Steffi Leo vom Ohligser Unverpackt-Laden „Groß und Klein“ in ihrem Instagram-Post vorsorglich voraus. Nur ein Bewusstsein dafür schaffen, was es bedeutet, in der aktuellen Situation ein Geschäft dieser Art zu betreiben, mit dem die Solingerin gemeinsam mit Ehemann Patrick im Juni vergangenen Jahres an den Start ging. „Nach der Corona-Pandemie setzt nun der Ukraine-Krieg und die damit verbundene Inflation nicht nur der Branche, sondern dem gesamten Einzelhandel zu“, heißt es in dem Beitrag. Nachdem die Unverpackt-Läden noch 2019, dem Jahr vor Corona, einen beträchtlichen Boom erlebt hätten, komme es nun zu immer mehr Schließungen, beobachtet Steffi Leo mit Sorge. „Manche ziehen schon nach einem halben Jahr die Reißleine.“

Lesen Sie auch: Natürlich nachhaltig - So kann jeder Müll vermeiden

Einen Mitgrund für ausbleibende Kundschaft vermutet sie im „schwindenden Umweltbewusstsein“ vieler Menschen. „Es sind einfach zu viele Krisen auf einmal. Da rutschen die Probleme, Klima, Umwelt, Artensterben erschreckenderweise ein wenig aus dem Fokus.“ Auf ST-Nachfrage erklärt sie, dass es ihrem Geschäft trotz einer verkaufsschwachen Phase im April und Mai zwar unterm Strich noch gut gehe, doch die Gewinnung neuer Kunden sei schwierig geworden. „Da stimmen die Zahlen nicht mehr. Man merkt einfach die Unsicherheit der Menschen. Es rumort in der Mittelschicht.“ Signifikant teurer seien die Produkte in ihrem Unverpackt-Laden nicht. Oft kämen die Kunden sogar günstiger davon, weil sie – anders als etwa im Supermarkt – exakt nach Bedarf einkaufen könnten. „Wir verkaufen auf Wunsch auch Teelöffelmengen.“

„Man merkt einfach die Unsicherheit der Menschen.“

Steffi Leo, Unverpackt-Laden „Groß und Klein“ in Ohligs

Die Zahlen über die bundesweite Entwicklung bei den Unverpackt-Läden geben Steffi Leo recht: Laut Angaben des Verbandes Unverpackt in Köln haben im vergangenen Jahr 14 Unverpackt-Läden in Deutschland geschlossen. 2022 waren es bereits 13 allein in den ersten drei Monaten. „Inzwischen schließen ein bis zwei Unverpackt-Läden pro Woche“, sagt Verbandssprecherin Shabnam Beus im Gespräch mit dem ST. „Die Schwierigkeiten haben mit der Corona-Pandemie begonnen, und der Ukraine-Krieg wirkt nun noch mal wie ein Brandbeschleuniger.“ Zudem seien in diesem Jahr weitere Schließungen zu befürchten.

Weitgehend stabil liefen hingegen bislang die Geschäfte im Walder Unverpackt-Laden „Hannelise“, berichtet Lisa Palenschat, die seit Oktober 2021 das Geschäft am Walder Kirchplatz gemeinsam mit ihrer Freundin Hannah Jäger betreibt. „Die Nachfrage unserer Kunden ist eigentlich nicht zurückgegangen.“ Zwar hätten die Geschäftsführerinnen zu Beginn der Ukraine-Krise Schwierigkeiten gehabt, an Öl und Mehl heranzukommen. Auch hätten die Hersteller die Mindestbestellwerte für Betreiber erhöht, ansonsten gebe es bislang aber keine gravierenden Probleme. „Der Bio-Laden in Wald ist ja jetzt zu“, verweist Palenschat auf die kürzliche Schließung von „Flausch und Flocken“ – die Inhaberin des Geschäfts hatte den Betrieb aus Altersgründen eingestellt. „Möglicherweise schließen wir da eine Lücke.“

Ein gemischtes Konsumverhalten bei den Menschen beobachtet derweil Karin Dirks vom Naturkostgeschäft „Mandelbaum“ in der Innenstadt. „Seit Corona habe ich weniger Kunden“, zieht sie Bilanz. Zwar kauften Stammkunden weiter bei ihr ein, doch blieben teilweise auch Käufer aus. „Ein paar meiner Kunden beziehen Hartz IV. Früher kamen sie schon mal, weil sie einfach Wert auf eine gute Tomate gelegt haben und sich nachhaltig ernähren wollten. Heute sagen mir diese Menschen ganz offen, dass sie sich den Einkauf nicht mehr leisten können“, schildert Dirks.

Solingen: Für regionale Produkte wird weiterhin mehr Geld ausgegeben

Auch sei es ein Vorurteil, „dass kleine Läden Apothekenpreise haben“, so die Inhaberin. „Ein Päckchen Bio-Butter kostet bei uns beispielsweise genauso viel wie das Bio-Produkt von Aldi.“ Für Produkte, die direkt in Solingen produziert wurden, griffen die Menschen hingegen auch schon mal tiefer in die Tasche. „Das ist unseren Kunden etwas wert.“

Vom Vorteil der Regionalität profitiert auch die Metzgerei Heinzmann, sagt Sabine Heinzmann, die mit Ehemann Rudolf eine der letzten Pferdemetzgerein betreibt und dort auch Biofleisch verkauft. „Wir stellen fest, dass gerade jüngere Leute zu unseren Kunden gehören, die Massentierhaltung ablehnen und sich Gedanken über die Herkunft des Fleisches machen.“ Die Produkte vom Pferd seien in der Traditionsmetzgerei weiter gefragt.

Hintergrund

Unverpackt-Läden bietet ihre Waren lose und komplett verpackungsfrei an, Kunden können ihre Behältnisse selbst mitbringen. Vor allem im Zuge der Klimaschutz-Bewegung „Fridays for Future“ gewann das Konzept Auftrieb.

Lesen Sie in diesem Zusammenhang auch noch einmal Artikel unserer Serie „Natürlich nachhaltig“

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