Montagsinterview

VHS-Leiterin: „Die Krise hat als Katalysator gewirkt“

Anna Lenker-Koukounarakis leitet seit 2017 die Bergische VHS.
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Anna Lenker-Koukounarakis leitet seit 2017 die Bergische VHS.

VHS-Leiterin Anna Lenker-Koukounarakis über den Semesterstart, Corona und Digitalisierungspläne.

Von Kristin Dowe

Frau Lenker-Koukounarakis, die Corona-Pandemie hat die Bergische Volkshochschule in den vergangenen zwei Jahren vor große Herausforderungen gestellt. Wie hat Ihr Team diese schwierige Zeit gemeistert?

Anna Lenker-Koukounarakis: Im ersten Moment sind wir zusammengezuckt. Immerhin haben die Corona-Beschränkungen auch zur Schließung einer Volkshochschule geführt. Es war eine große Herausforderung für uns, ständig extrem flexibel auf die aktuellen Regelungen reagieren zu müssen. Da kam Freitagnachmittag die Verordnung raus und bis Montagmorgen mussten wir unser gesamtes Kursgeschehen angepasst haben. Später gab es ja auch eine Differenzierung, so dass für einen Teil des Programms die 2G-Regel und für einen anderen 3G galt. Gleichzeitig waren wir ständig in Sorge, Fehler zu machen oder irgendetwas zu übersehen. Rückblickend auf die vergangenen zwei Jahre muss ich aber sagen, dass wir als VHS – auch gemessen an den technischen Mitteln zu dem Zeitpunkt – extrem flexibel reagiert haben. Beispielsweise ist es uns gelungen, den gesamten Fachbereich Schulabschlüsse innerhalb von drei Tagen ins Online-Klassenzimmer zu verlagern. Das war ein Kraftakt – der unterm Strich aber sehr gut funktioniert hat.

Durch die Online-Kurse dürften sich für die VHS neue Möglichkeiten ergeben haben. Was soll davon beibehalten werden?

Lenker-Koukounarakis: In diesem Fall hat die Krise tatsächlich als Katalysator gewirkt. Ich mache diesen Job nun seit fünf Jahren und zu den großen Visionen einer VHS gehört natürlich, mit dem Zeitgeist zu gehen und in einer Stadt konkurrenzfähig zu bleiben. Während die Online-Kurse vor der Pandemie ein wenig schleppend anliefen und breit diskutiert wurden, wurde es aufgrund der Notwendigkeit in der Pandemie einfach gemacht. Das wird bleiben. Aktuell wird etwa ein Viertel aller Kurse online angeboten, was eine Bereicherung für das Programm ist. Vor allem hybride Kurse, also eine Mischung aus Online- und Präsenzunterricht, sind derzeit sehr gefragt. Gleichzeitig lebt Volkshochschule davon, dass Menschen sich begegnen und gemeinsam lernen. Das ist unser gesellschaftlicher Auftrag.

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Blicken wir auf den Altersdurchschnitt der Teilnehmer. Erreicht die VHS heute noch junge Menschen?

Lenker-Koukounarakis: Ja, auf jeden Fall. Wohl auch durch Corona hat die Volkshochschule es geschafft, Staub loszuwerden, denn ein etwas verstaubtes Image haftet uns immer noch an. Beispielsweise wird spätestens im kommenden Jahr eine Zertifikatsakademie unter dem Dach der Volkshochschule gegründet. Dort kann man unter anderem renommierte Cambridge-Zertifikate erwerben, sich als Tageseltern qualifizieren lassen oder im Businessbereich Computerkenntnisse erwerben. All diese Angebote richten sich an Menschen, die kurz vor dem oder gerade im Berufsleben stehen. Solche Qualifikationen, die sich im eigenen Lebenslauf niederschlagen, sind sehr beliebt. Auch gesundheitsbezogene Themen wie vegetarische Kochkurse sind für jüngere Menschen oft attraktiv.

Stellt die Zunahme an Online-Angeboten, die inzwischen auch an anderen Volkshochschulen verfügbar sind, gleichzeitig eine Konkurrenz dar?

Lenker-Koukounarakis: Vielleicht, aber Konkurrenz kann ja auch sehr belebend sein. Wenn ich auf die Teilnehmendenzahlen der Bergischen VHS blicke, haben wir 2022 mit der Hälfte der Entgelte gerechnet, die wir am Ende eingenommen haben. Ich habe eher damit gerechnet, dass sich die VHS – bedingt durch Corona und nun auch durch die Energiekrise und den Krieg in der Ukraine – erst 2024 allmählich zahlentechnisch erholt. Dabei waren wir 2022 schon fast wieder auf Planwert. Insgesamt haben wir durch Corona neue Menschen dazugewonnen und ganz andere Zielgruppen erreicht. Das lässt mein 36-jähriges VHS-Herz aufblühen!

Wie steht die VHS finanziell zurzeit insgesamt da?

Lenker-Koukounarakis: Da sind wir sehr stabil aufgestellt, das bereitet mir zum Glück keine schlaflosen Nächte. Da haben mir die beiden Corona-Jahre deutlich mehr Sorgen bereitet. Grundsätzlich werden wir ja von den Städten Solingen und Wuppertal sowie vom Land bezuschusst. Der Solinger Anteil liegt bei 1 440 000 Euro im Jahr – das gesamte Finanzvolumen der VHS liegt bei rund 11 Millionen Euro, bei denen die Teilnehmer-Entgelte und die Zuschüsse miteingerechnet sind. Wir sind mit der aktuellen Situation zufrieden.

Das neue Semester steht vor der Tür. Welche Neuerungen gibt es im Angebot?

Lenker-Koukounarakis: Beispielsweise gibt es einen Upcycling-Kurs, in dem ältere Alltagsgegenstände ein zweites Leben geschenkt bekommen. Das Angebot richtet sich auch an Familien, die ein bisschen von der allgemeinen Wegwerfkultur wegkommen möchten. Interessant speziell für junge Menschen könnte ein Zeichenkurs für Comics und Mangas sein, in dem Hintergrundwissen zu berühmten Comicfiguren vermittelt wird. Spannend sind auch unsere innerhäusigen Kooperationen unter dem Titel „Yoga und Food“. Im Bereich Gesundheit kann man einen Kurs belegen, in dem man Yoga-Einheiten online zu Hause und in der VHS machen kann. Und zum Abschluss des Kurses wird in unserer Küche in der VHS am Birkenweiher noch ayurvedisch gekocht.

Welche Themen mit Blick auf Referenten und Vorträge interessieren die Menschen zurzeit besonders?

Lenker-Koukounarakis: Im Bereich Politik, Geschichte und Umwelt ist das Thema Klimawandel sehr präsent. Auch Fragen, ob und wie Preisbremsen für Strom und Gas funktionieren, beschäftigen die Menschen. Es gibt übrigens auch einen Kurs zum Thema Schönheitsideale. Dort wird diskutiert, ob die Schönheitsideale, die den jungen Menschen vor allem in den sozialen Netzwerken überall vor die Nase gesetzt werden, erstrebenswert sind. Außerdem haben wir Kurse zu Korbflechten, Salsa, Aerobic für Paare oder Theaterimprovisation, um nur einen kleinen Ausschnitt zu nennen.

Wie sieht die Personalsituation bei der VHS aus? Gibt es genügend Dozentinnen und Dozenten, um den Bedarf zu decken?

Lenker-Koukounarakis: Das Jahr 2023 steht für die VHS unter dem Motto Veränderung. Leider haben wir durch die Pandemie viele Lehrende verloren. Selbstkritisch muss ich sagen, dass die VHS nicht einer der am besten zahlenden Arbeitgeber ist. Da wollen und müssen wir besser werden. Wir möchten die Honorare so gestalten, dass wir sie uns als Haus leisten können, aber die Bezahlung sollte für die Unterrichtenden auch attraktiv sein. Bis auf den Schulbereich arbeiten die nämlich alle freiberuflich. Vor der Krise hatte die VHS 660 freiberufliche Kursleitungen, von denen wir gut 150 verloren haben. Nun hat die VHS innerhäusig – das heißt, für die Menschen, die das Programm koordinieren und planen – den Generationswechsel vollzogen und viele neue Kolleginnen und Kollegen sind dazu gekommen. Das bringt noch mal einen neuen Stamm von Kursleitenden dazu. Bei uns ist gerade sehr viel in Bewegung. Mit Carsten Ophoff als Stellvertretung an meiner Seite bilden wir nun auch auf Leitungsebene ein perfektes Zusammenspiel zwischen Pädagogik und Digitalisierung ab, was nicht mehr wegzudenken ist aus einer modernen VHS.

Welche großen Ziele hat sich die VHS für 2023 gesetzt?

Lenker-Koukounarakis: Unter anderem möchten wir Verwaltungsabläufe noch schlanker und moderner gestalten. Es hat sich aber auch schon einiges bei uns in dieser Richtung getan. Zum Beispiel haben wir eine neue Website, auf die ich mächtig stolz bin. Das war ein großes Projekt, das unser zu dieser Zeit neue Leiter im Bereich IT und Digitalisierung, Carsten Ophoff, überragend gut umgesetzt hat. Man kann sich dort einfach Kurse in den Warenkorb legen und zur Kasse gehen, und unsere Dozentinnen und Dozenten können komplett papierlos abrechnen. Da ist die Digitalisierung schon auf einem guten Weg – und der soll 2023 auf jeden Fall fortgesetzt werden.

Zur Person

Anna Lenker-Koukounarakis ist seit 2017 Leiterin der Bergischen VHS mit Standorten in Solingen und Wuppertal. Die 36-Jährige wuchs auf Kreta auf, studierte Germanistik und Pädagogik in Düsseldorf und Thessaloniki und verfügt über langjährige Unterrichtserfahrung.

www.bergische-vhs.de

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