„Between The Lines“

Verein sucht Unterstützer für Hilfe-App

Nick Wüsthoff (l.) ist heute Chief Developer der App. Er war der erste Programmierer. Oliver Kröger kam die Idee zur Hilfe-App während seiner Arbeit. Foto: KfW Stiftung/Abbi Wensyel Photography
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Nick Wüsthoff (l.) ist heute Chief Developer der App. Er war der erste Programmierer. Oliver Kröger kam die Idee zur Hilfe-App während seiner Arbeit.

Jugendliche helfen anderen Jugendlichen deutschlandweit – Remscheid fehlt als einzige Stadt im Bergischen noch.

Von Melissa Wienzek

Solingen. Ungewollte Schwangerschaft, Depressionen, Selbstverletzung oder Essstörungen – bei diesen und vielen weiteren Problemen von Jugendlichen hilft „Between The Lines“. Die App, die es kostenlos für Android und iOS im App-Store gibt, unterstützt Jugendliche in Krisenlagen. Das Besondere: Sie ist von Jugendlichen für Jugendliche entworfen worden. „Between The Lines“ gibt es auch als Internetseite. Der gemeinnützige Verein dahinter hat eine Mission: Kindern und Jugendlichen in der Krise zu helfen. Und zwar schnell und unkompliziert – um Schlimmeres zu verhindern.

Denn laut der „Bella-Studie“ zur psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland finden nur 20 Prozent der Jugendlichen auch ihren Weg ins Hilfesystem. Was geschieht mit den übrigen 80 Prozent? Eine Frage, die sich Oliver Kröger (52) täglich während seiner Arbeit als Fachkraft in der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Remscheider Sana-Klinikum stellt. Seit 14 Jahren arbeitet der Solinger bereits auf der geschlossenen Station, weiß genau, wo es brennt. „Ich habe die Kinder und Jugendlichen dort gefragt: Was hast du denn gemacht, bevor du hier gelandet bist? Die überwiegende Antwort war: ,Nichts.‘ Ich finde, das ist eine Katastrophe. Wie kann das 2020 noch sein?“ Schließlich sei Deutschland ein reiches Land, in dem die Jugendhilfe breit aufgestellt sei. „Bei Anorexie liegt die Sterberate bei 10 Prozent. Das weiß kaum jemand. Und es gibt einen hohen Prozentsatz von Jugendlichen, die bereites depressiv sind. Sie werden aber erst dann erfasst, wenn sie in eine Einrichtung wie eine Psychiatrie kommen.“

So sieht die Internetseite von „Between The Lines“ derzeit für Solingen aus. Sie könnte mit mehr Leben gefüllt werden.

Kröger recherchierte: Laut Bundesamt für Statistik wurden 2015 etwa 140 000 Jugendliche in Deutschland vollstationär in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie mit einer durchschnittlichen Verweildauer von 40 Tagen versorgt. Die Krankenkassen zahlten pro Kind pro Tag zwischen 400 und 600 Euro. „Macht unterm Strich 3 Milliarden Euro. Das ist doch unglaublich“, sagt Kröger. Die App soll helfen, damit es gar nicht erst so weit kommt – und könne den Kassen durch die Präventionsarbeit auch noch viel Geld einsparen. Aber die Entwicklungsarbeit kostet. Das Team führte beispielsweise eine Nutzerabfrage an Berliner Schulen durch, brachte mit Apple eine neue Version heraus.

„Die App ,Between The Lines‘ nimmt in einer digitalen Jugendhilfe eine Pionierrolle ein.“
Schirmherrin Dorothee Bär, Beauftragte der Bundesregierung für Digitalisierung

Bislang ist die App in Solingen, Braunschweig und im Hochtaunuskreis verfügbar. Bald auch in Wuppertal. Mit der Stadt hat das Team gerade einen Vertrag unterzeichnet. In Solingen prangen ab sofort in allen Schulen und in Bussen Plakate, die auf die digitale Hilfe des Vereins aufmerksam machen – natürlich samt QR-Code. „Denn die Jugendlichen holen sich ihre Infos heute digital.“ Daher ist „Between The Lines“ auch bei Instagram vertreten.

Damit die App auch in Remscheid an den Start gehen kann, sucht das Team finanzielle Unterstützer. Die Datensätze dafür haben die Ehrenamtler bereits recherchiert. Denn bei „Between The Lines“ gibt es nicht nur Erfahrungsberichte, Videos und fundierte Informationen – die übrigens von einem Psychologen-Team vom Sana geprüft werden –, sondern auch die Hinweise auf Beratungsstellen. Diese können sich selbst eintragen. „Wir würden uns sehr freuen, wenn wir mit Remscheider Oberbürgermeister Burkhard Mast-Weisz (SPD) ins Gespräch kämen“, sagt Kröger.

Die Idee dürfte er kennen: Bei der Projektpräsentation im Rahmen der „Digitalen Modellregion 2019“ in Wuppertal waren die bergischen Stadtchefs begeistert. Ebenso NRW-Wissenschaftsminister Prof. Dr. Andreas Pinkwart (FDP) und Dorothee Bär (CSU), Beauftragte der Bundesregierung für Digitalisierung. Sie ist nun Schirmherrin. In Überlingen gewann das bergische Team zuletzt einen Social-Start-up-Wettbewerb. Angetreten waren 80 Gründer. „Mit dem Preisgeld von 20 000 Euro konnten wir die App überarbeiten. Sonst wären wir jetzt nicht so weit“, sagt Kröger. Auch einen KfW-Förderpreis erhielt das Team.

Die App soll deutschlandweit an den Start gehen. Doch es scheitert an der deutschen Bürokratie, sagt Kröger. Und eben an der Finanzierung. „Wir haben ein riesiges Ideenplanschbecken, um die App weiterzuentwickeln – wenn wir die Förderung hätten.“

„Between The Lines“

Historie: 2013 gründete sich im Solinger Jugendstadtrat die Projektgruppe „Between The Lines“, die Oliver Kröger seit Beginn begleitete. Die Jugendlichen fragten sich: Was können wir tun, wenn es einem Freund schlecht geht? 2017 wurde die App bei einem Pilotprojekt in Solingen getestet. Die Idee: Hilfe zur Selbsthilfe.

Verein: „Between The Lines“ gründete sich Ende 2015 mit neun Mitgliedern des Solinger Jugendstadtrates, 2016 wurde er als gemeinnützig anerkannt. Heute machen 25 Ehrenamtler mit. Der Vorstand: Oliver Kröger, Beat Weichsler , Nick Wüsthoff.

Gründer: Nick Wüsthoff (23), der 2013 die Projektgruppe im Jugendstadtrat und später den Verein mitgründete, ist heute Chief Developer der App. Der 23-Jährige besucht die Code University of Applied Sciences in Berlin, eine Fachhochschule für digitale Produktentwicklung.

between-the-lines.info

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