BE Yourself

Verein kämpft für geflüchtete Homosexuelle

Kai Schumacher vom Verein Be Yourself setzt sich für LGBTQ-Geflüchtete und deren Rechte ein. Foto: Christian Beier
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Kai Schumacher vom Verein Be Yourself setzt sich für LGBTQ-Geflüchtete und deren Rechte ein.

„BE Yourself“ kämpft gegen Diskriminierung und bietet Beratung, juristische Hilfe und Unterstützung.

Von Timo Lemmer

Solingen. Bei vielen Flüchtlingen herrscht zu Beginn Sprachlosigkeit, sagt Kai Schumacher, der mit seinem Verein denen helfen will, die aufgrund ihrer Sexualität verfolgt werden. Wenn mal wieder einer den Verein Be Yourself Solingen aufsuche, fielen oft Sätze wie: „Ich bin krank“, oder „Ich habe ein Problem.“ Schumacher macht das traurig. Er erklärt: „Das wurde ihnen so im Heimatland anerzogen.“ Und Barbara Ginsberg, die als Rechtsanwältin ehrenamtlich mitarbeitet, gibt ein Beispiel: „In Bangladesch gibt es für schwul nicht mal ein Wort.“

Diskriminierung: Verfolgung sei in vielen Ländern immer noch an der Tagesordnung, sagt Schumacher, der der hauptamtliche Mitarbeiter des Vereins ist, und präsentiert Zahlen vom Lesben- und Schwulenverband: „In über 90 Ländern gibt es Verfolgung.“ Erst allmählich habe sich unter geflüchteten Homosexuellen die Überzeugung breitgemacht, als Gruppe stärker zu sein: 2017 schlossen sich einige von ihnen in NRW mit Helfern zusammen, 2018 gründete sich dann unter Schumachers Mithilfe, der als Aktivist deutschlandweit vernetzt ist, der Verein Be Yourself in Solingen, in Schumachers Heimatstadt. Er erklärt das Vereinsziel: „Schwerpunkt der Arbeit ist der Kampf für ein Aufenthaltsrecht hier für Menschen, die in ihren Ländern schwerster Verfolgung und teilweise der Todesstrafe ausgesetzt sind.“

Das gelte für fast den gesamten afrikanischen und einen Großteil des asiatischen Raums.“ Inzwischen laufe schon viel über Mund-zu-Mund-Propaganda, und einige Flüchtlinge wenden sich an den Verein, ehe sie erstmals um ein Bleiberecht kämpfen. Der häufigere Weg ist aber immer noch der, dass ein Flüchtling, der keinen anerkannten Status erhalten hat, über Freunde oder andere Ehrenamtliche den Weg nach Solingen findet – der Verein agiert landesweit und will bundesweit ausstrahlen, da es kein vergleichbares Angebot für Flüchtlinge gebe.

Das Angebot: In Solingen gibt es dann Rechtsberatung, bei Anhörungen Rechtsbeistand. Ginsberg verweist darauf, dass der Europäische Gerichtshof Homosexualität bei Verfolgung als zulässigen Grund, Asyl zu beantragen, bestätigt hat: „Im Endeffekt wollen wir nur, dass das Recht angewendet wird.“ Allzu oft erlebe der Verein, dass Homosexuelle eben kein Aufenthalt gewährt werde – fünf Ablehnungen habe man mittlerweile aber vor dem Verwaltungsgericht umkehren können, sagen die Vereinsmitglieder stolz. Sie erwarten weitere, positive Entscheide.

Asylrecht: Ginsberg führt dazu Paragraf 3 des Asylgesetzes und Artikel 16 des Grundgesetzes an: „Wir fordern, dass das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, die Gerichte und die Ausländerbehörden nach Recht und Gesetz handeln und sie als Flüchtlinge anerkennen, weil sie sich aus begründeter Furcht vor Verfolgung wegen der Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe außerhalb ihres Herkunftslandes aufhalten.“

Positivbeispiel: Leuchtendes Beispiel für gelungene Vereinsarbeit sei der Vorsitzende Damian Mkporogwu aus Velbert. Der habe sich damals kaum getraut, seine Geschichte zu erzählen, als er auf Schumacher traf. Inzwischen strotze Mkporogwu nur so vor Selbstvertrauen. Er verweist auf eine weitere Problematik: „Das Asyl von Homosexuellen wird fast immer abgelehnt. Wenn die Dolmetscher bei den Anhörungen aus dem Heimatland kommen, haben diese Geflüchteten bereits Angst, dass sie mit derselben Homophobie wie früher konfrontiert sind.“

Das Ziel: Im Endeffekt ist das Ziel der Vereinsarbeit über den rechtlichen Status hinaus den Geflüchteten ein Selbstwertgefühl zu vermitteln, und sie voll in eine liberale Gesellschaft zu integrieren, in der sie sich dann wiederum engagieren. Rund zwei Dutzend Ehrenamtliche helfen, momentan werden 20 bis 30 Flüchtlinge betreut – mit seelischer Hilfe oder rechtlich.

Corona: Die Pandemie unterlaufe auch ihre Vereinsarbeit, erzählen die Be-Yourself-Ehrenamtlichen. Beinahe wöchentlich würden Mithelfer oder Geflüchtete fragen, wann denn mal wieder der monatliche Treff stattfinde, und auch Rechtsberatung wird weiter nachgefragt. Die Beratung findet – getrennt durch eine Glasscheibe – immerhin weiter statt.

Ausblick: Wenn das alles einmal überstanden sei, sagt Schumacher, wolle man die Vereinsarbeit noch weiter ausweiten, den Fokus auch auf die Solinger Bevölkerung legen. „Eine richtige Anlaufstelle für Homosexuelle gibt es in Solingen nicht mehr“, sagt Schumacher. Der Verein wolle junge Männern und Frauen (seelisch) unterstützen und beim Coming-Out helfen. Das sei wichtig, denn Sprachlosigkeit herrsche oftmals auch hierzulande: „Die Suizidrate unter jungen Homosexuellen ist doppelt so hoch wie unter jungen Heterosexuellen“, hat der 37-Jährige weitere Zahlen parat. Auch hier könne die Lage bedrückend sein.

Kinder mit ausländischen Wurzeln werden in der Schule benachteiligt. Diese Erfahrung hat fast ein Viertel der 700 Solinger Eltern gemacht, die sich an einer Befragung zu diesem Thema beteiligt haben.

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