Geschichte endet nach 125 Jahren

Solinger Verein für Technik und Industrie löst sich auf

2008 hat Jürgen Stamm den Vorsitz des VTI Solingen übernommen. In diesem Jahr endet die lange Geschichte des Vereins.
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2008 hat Jürgen Stamm den Vorsitz des VTI Solingen übernommen. In diesem Jahr endet die lange Geschichte des Vereins.

2022 endet die 125-jährige Geschichte des Vereins für Technik und Industrie in Solingen (VTI). Es fehlt Nachwuchs.

Von Manuel Böhnke

Solingen. 1897 setzte Rudolf Diesel erstmals erfolgreich den nach ihm benannten Verbrennungsmotor in Gang. Im selben Jahr führten Hamburger Hafenarbeiter einen der größten Arbeitskämpfe im Kaiserreich. Wenige Monate später synthetisierte der Chemiker Dr. Felix Hoffmann in seinem Elberfelder Labor zum ersten Mal Acetylsalicylsäure, heute besser bekannt als Aspirin, in chemisch reiner Form. Es war eine bewegte Zeit für den Wirtschafts- und Forschungsstandort Deutschland. Vor diesem Hintergrund scheint es kein Zufall zu sein, dass sich der Verein für Technik und Industrie in Solingen (VTI) ebenfalls 1897 gegründet hat. 2022 endet seine 125-jährige Geschichte. Es fehlt Nachwuchs.

Die Entscheidung ist bei der Mitgliederversammlung im Frühjahr gefallen. Weil sich kein neuer Vorstand gefunden hat, stimmten die Anwesenden mit der nötigen Mehrheit für die Auflösung. „Das ist eine bedauerliche Entwicklung“, sagt Jürgen Stamm. Doch sie habe sich abgezeichnet.

2008 übernahm der gebürtige Solinger die Verantwortung für den Verein. Bereits damals steckte der VTI in einer Krise. Stamm und einige Mitstreiter nahmen Veränderungen vor und hauchten der Gruppe so wieder neues Leben ein. Ein neuerliches Aufbäumen wird es nicht geben.

„Das Thema Technik erübrigt sich nicht, verändert sich aber so stark, dass es eine neue Form von Verständnis erfordert.“

Jürgen Stamm, Verein für Technik und Industrie

Während der Corona-Pandemie habe sich herauskristallisiert, dass der gesamte Vorstand nicht zur Wiederwahl antritt. Stamm führte Gespräche mit einigen aus seiner Sicht für eine Nachfolge infrage kommenden Kandidaten, diese lehnten aus unterschiedlichen Gründen ab. „Unser Altersschnitt liegt bei knapp über 80 Jahren“, führt der Vorsitzende aus. Er selbst feiert in diesem Jahr den 82. Geburtstag. Eine Fusion mit dem VTI in Wuppertal, zu dem die Klingenstädter gute Beziehungen pflegen, sei auf beiden Seiten kein Thema gewesen.

„Unser Ziel war und ist es, Technik erlebbar zu machen, zu zeigen, wie sie funktioniert“, erläutert Jürgen Stamm. Und das zum Wohle des Wirtschaftsstandorts Solingen: „Wenn man sich mit diesen Dingen beschäftigt, schafft das Verständnis für das Material und den Preis der Produkte.“

Buch zeigt Solinger Geschichte gestern und heute

Die Besichtigungen industrieller Anlagen, die im Kern des VTI-Vereinslebens standen, beschränkten sich jedoch nicht aufs Bergische. Gemeinsam unternahmen die Mitglieder teils mehrtägige Ausflüge durch Deutschland und das benachbarte Ausland, um einen Blick hinter die Kulissen großer Betriebe zu werfen. In den vergangenen zwei Jahren seien die Touren wie das gesamte Vereinsleben coronabedingt zum Erliegen gekommen. Noch immer seien die Unternehmen zögerlich, was den Einlass externer Besucher angeht.

Hinzu komme, dass die Technologien immer komplexer und schwieriger nachvollziehbar werden. Stamm nennt Schlagworte wie Industrie 4.0. „Das Thema Technik erübrigt sich natürlich nicht, verändert sich aber so stark, dass es eine neue Form von Verständnis erfordert“, sagt der 81-Jährige. Für viele VTI-Mitglieder sei das nicht einfach. Rund 180 zählte der Verein zuletzt, es waren einmal 700.

Sich selbst nimmt Stamm dabei nicht aus. Auch ihm falle es schwer, die zahlreichen neuen Fertigungsmethoden nachzuvollziehen. Nichtsdestotrotz findet der gelernte Verpackungsmittelmechaniker die Entwicklungen interessant. Und verfolgt auch den Wandel des Wirtschaftsstandorts weiterhin. Mit gemischten Gefühlen. Dass viele einst große, traditionsreiche Industrieunternehmen nicht mehr in Solingen ansässig sind, sei bedauerlich. Gleichzeitig habe die Wirtschaft in der Region in den zurückliegenden 10, 15 Jahren an Tempo aufgenommen, attestiert er: „Es gibt eine bessere Zusammenarbeit im Bergischen.“

www.vti-solingen.de

Vereinszweck

Satzungsgemäß bezweckt der VTI, „das Verständnis für Technik und Industrie in weiteste Kreise zu tragen, gewerbliche und technische Bildung zu fördern sowie kunstgewerbliche und wirtschaftliche Fragen zum Wohle des Solinger Wirtschaftsbezirkes zu erörtern“.

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