Montagsinterview

Unternehmer: „Die Kosten für Energie sind immens“

Geschäftsführer Jörg Püttbach feierte voriges Jahr den 25. Geburtstag von BIA. Der Markt der Automobilzulieferer befinde sich im Umbruch. BIA mit rund 800 Beschäftigten am Standort Solingen will dabei auch in Zukunft eine wichtige Rolle spielen.
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Geschäftsführer Jörg Püttbach feierte voriges Jahr den 25. Geburtstag von BIA. Der Markt der Automobilzulieferer befinde sich im Umbruch. BIA mit rund 800 Beschäftigten am Standort Solingen will dabei auch in Zukunft eine wichtige Rolle spielen.

Jörg Püttbach (BIA) spricht im Montagsinterview über Preisbremsen, Gebühren und die Zukunft der Automobil-Zulieferer.

Von Björn Boch

Herr Püttbach, Sie haben vor einigen Wochen zum Thema Energiekosten gefragt: Passiert endlich etwas oder diskutieren wir noch monatelang? Passiert nun etwas?

Jörg Püttbach: Sowohl ein Gaspreisdeckel als auch ein Strompreisdeckel werden vorbereitet. Die Rahmenbedingungen stehen fest. Allerdings wird die Umsetzung ja immer noch geprüft und natürlich gibt es organisatorische und rechtliche Hürden. Und wenn das ganz oder teilweise erst im März startet, ist es wirklich so, wie CDU-Chef Friedrich Merz gesagt hat: Winterreifen braucht man nicht im Frühling.

Haben Sie überhaupt noch so viel Zeit?

Püttbach: Im Prinzip nicht. Die Kosten für Energie sind immens. Und der Deckel deckelt uns nicht zurück auf die alten Kosten, sondern nur auf das Zwei- bis Dreifache. Das ist zwar immer noch besser als das Fünf- bis Sechsfache, zeigt aber die Belastung. Und gedeckelt werden nur 80 Prozent. Den Rest müssen wir teuer am Markt kaufen.

Das setzt doch aber auch Sparanreize.

Püttbach: Das Problem ist: 2021 war ein schwaches Jahr, wegen Corona und der Konjunktur. Das als Referenz zu nehmen, muss kritisch betrachtet werden. Wir bei BIA als Automobilzulieferer haben wie viele in der Branche das Problem, dass wir keine Vertragsgrundlage haben, unsere gestiegenen Preise an die Kunden weiterzugeben. Wir sind im Gegensatz zum Bäcker vertraglich gezwungen, unsere „Brötchen“ weiter für denselben Preis zu verkaufen.

Die Stadtwerke und andere können dagegen wegen „Wegfalls der Geschäftsgrundlage“ die Verträge kündigen und neue Konditionen aufrufen.

Püttbach: Das geht bei uns leider nicht. Uns droht sofort eine Vertragsstrafe, wir müssen für alle Kosten geradestehen, wenn wir nicht zu den vereinbarten Preisen liefern. Es gibt keine Ausstiegsklauseln. Was die Versorger angeht: Ich habe den Verdacht, dass sie im Schatten der Energiepreis-Explosion auch eigene Gebühren deutlich anheben.

Da stehen viele am Abgrund, während andere sehr gut dastehen.

Auf den Dächern des Werks im Industriegebiet Scheuren betreibt BIA eine der größten privaten Photovoltaik-Anlagen in Solingen. Das deckt aber nur rund 5 Prozent des eigenen Bedarfs. Helfen gegen die hohen Energiekosten sollen direkte Beteiligungen an neuen Kraftwerken.

Püttbach: Zur Finanzierung des Strompreisdeckels – und des Gaspreisdeckels eventuell auch – ist eine Übergewinnsteuer für Energieunternehmen im Gespräch. Viele Erzeuger haben keine Mehrkosten, weil Sonne, Wind und Kohle nicht teurer geworden sind und Gas und Öl nur einen kleinen Teil ausmachen. Der Preis steigt aber trotzdem, weil häufig die teuersten Kraftwerke den Preis vorgeben. Auch die Solinger Stadtwerke sind an solchen Unternehmen beteiligt. Grundsätzlich finde ich eine Übergewinnsteuer nicht gut, weil es der Marktwirtschaft widerspricht. Andererseits können die größten Gewinner ja nicht viel für den Erfolg. Eine Leistung ist es eher nicht.

Was schlagen Sie vor?

Püttbach: Ich verstehe die große Unsicherheit. Was ist zum Beispiel, wenn große Kunden ausfallen und die Preise nicht mehr zahlen können? Aber wenn es höhere Gebühren in dieser wirtschaftlichen Lage gibt, wäre mehr Transparenz wünschenswert. Was passiert mit dem Geld? Gleiches gilt für die Energiewende. Wir kriegen hier Braunkohlestrom, egal, was wir bestellen – und müssen parallel in Herkunftsnachweise und Zertifikate investieren. Besser wäre es, wir könnten direkt mehr Strom am eigenen Werk erzeugen.

„Wenn man in Deutschland nicht die Deindustrialisierung will, muss das zusammengehen.“

Jörg Püttbach über kostengünstige und CO2-arme Energieversorgung

Was tun Sie eigentlich für die Energiewende?

Püttbach: Wir haben fast alle Dächer voll mit Photovoltaik, das reicht aber vielleicht für 5 Prozent unseres Bedarfs. Ein Windkraftwerk wäre besser, aber das ist wegen der Abstandsregeln nicht umsetzbar. Interessant sind „PPAs“, Power Purchase Agreements. Da können wir uns an neu entstehenden Kraftwerken direkt beteiligen. Das geht aber mit langer Bindung und hohen Abnahmemengen einher. Gut ist, dass da Zwischenhandel entsteht. Wir sind zwar energieintensiv, aber im Vergleich zu Aluminium- oder Stahlproduzenten noch ein sehr kleiner Abnehmer.

Sind die Zeiten energieintensiver Branchen vorbei? Oder wie gehen hoher Verbrauch und Energiewende zusammen?

Püttbach: Wenn man in Deutschland nicht die Deindustrialisierung will, muss das zusammengehen. Ich habe allerdings den Eindruck, dass der eine oder andere Politiker das will und denkt, wir leben bald nur noch von Dienstleistungen. Kostengünstige, verlässlich, CO2-arme Energieversorgung muss auf die Beine gestellt werden. Dazu gehört der weitere Ausbau der Erneuerbaren Energien. Ob das aber ohne Atomkraft funktioniert, da bin ich skeptisch, so gerne ich sie los wäre.

Wie beurteilen Sie die Lage der Wirtschaft allgemein – und Ihres Unternehmens speziell?

Püttbach: Die Autozulieferer haben es doppelt schwer, weil es eine Nachfragekrise gibt seitens der Hersteller. Sie bauen wenige Autos, weil es immer noch Probleme in den Lieferketten gibt. Die Hersteller kompensieren das, in dem sie hochwertigen Autos Vorrang geben und keinerlei Rabatte mehr einräumen. Daher gibt es Rekordgewinne. Zulieferer brauchen aber die Masse. Wir haben damit zu kämpfen, weil wir definitiv geringere Volumen haben bei gestiegenen Kosten – für Rohmaterial, Metall, Chemie-Produkte und eben die Energie selbst. Daraus ergibt sich eine angespannte Lage. Was die Gesamtwirtschaft angeht: Auch in vielen anderen Branchen, die gut gelaufen sind, etwa beim Bau, hat sich der Wind gedreht. Die Unsicherheit führt zu deutlichem Konsumrückgang. Selbst der Arbeitsmarkt wird unter Druck kommen, denke ich.

Sie schließen Ihr Werk in Forst.

Püttbach: Wir sind in der Abwicklung – die Arbeit wird auf die anderen Werke verteilt. 150 Mitarbeiter waren es zuletzt in Forst, in Solingen sind es noch um die 800. Wir waren mal 1000. Das hat alles mit den genannten Effekten zu tun. Es wird eine Marktbereinigung geben und eine dauerhaft niedrigere Nachfrage. Daher werden auch Zulieferer verschwinden oder ihre Kapazitäten reduzieren. Es wird ein neues Gleichgewicht geben. Und da wollen wir eine wichtige Rolle spielen.

Persönlich

Jörg Püttbach (57) ist Geschäftsführer und Gründer der BIA Gruppe. Der staatlich geprüfte Galvanotechniker und Galvanomeister hatte 1996 von der Becker Group Teile des insolventen Solinger Unternehmens Hammesfahr übernommen und daraus BIA geformt. Aus knapp 70 Mitarbeitern von damals wurden zwischenzeitlich mehr als 1000 – Solingens größter Arbeitgeber in der Privatwirtschaft. Püttbach ist außerdem Präsident des Zentralverbands Oberflächentechnik ZVO. Püttbach ist verheiratet und hat drei Kinder, der älteste Sohn arbeitet ebenfalls bei BIA.

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