Nach dem Hochwasser

Unterburg am Sonntag: Sperrmüll, Solidarität und Schaulustige

Anwohner sind von der Hilfsbereitschaft überwältigt und retten, was noch zu retten ist. Allein am Samstag bringen die TBS 135 Tonnen Sperrmüll weg. Die Stadt stellt jetzt Betonpoller auf, weil einige sich nicht an die Regeln halten. Eine Reportage aus Unterburg.

Von Philipp Müller

Solingen. Krasser konnte der Gegensatz gestern in Unterburg kaum sein. Über die Müngstener Straße flanierte ein Pärchen in blütenweißen Schuhen entlang der Trümmer. Schräg gegenüber tropfte den Mitarbeitern der Technischen Betriebe Solingen (TBS) Schweiß von der Stirn ins durchnässte Hemd. Von den Schaulustigen sind alle Anwohner genervt. Sie wuchteten mit Familienangehörigen und freiwilligen Helfern Teile ihres Lebens aus den nassen Kellern – das verschwand im eisernen Schlund der Sperrgutfahrzeuge.

Fahrzeuge der TBS und von freiwilligen Helfern auf der Wupperbrücke – sie zeigen die Dimension, was an Technik gebraucht wird.

Das ganze Ausmaß des verlorenen Hausrats wurde am Sonntag nochmals deutlich. Von der Hasencleverstraße über die Eschbachstraße, die Müngstener Straße, Wupperinsel und Mühlendamm standen die Überreste der Flutnacht meterhoch am Straßenrand. Nicht nur normaler Hausrat, auch zerstörte Gartenhäuser waren zu sehen. Tresen aus der Kellerbar, Regale, kaputte Fenster, zersplitterte Möbel gehörten dazu.

„Montagnachmittag sind wir nach der Arbeit wieder da.“

Ein Mitarbeiter der TBS

In der Müngstener Straße stauten sich immer wieder Lkw der TBS – manchmal auch von einem radelnden Hochwassertouristen aufgehalten, der sich mit dem Satz „Ich muss da mal eben durch“ vordrängelte. Bis 17 Uhr waren die Männer gestern mit allem im Einsatz, was die TBS zu bieten hatten. Dann freuten sie sich auf den Feierabend – einfach mal schlafen, denn schon heute wird im gesamten Stadtgebiet wieder der Hausmüll und das Sperrgut abgefahren. „Montagnachmittag sind wir nach der Arbeit wieder da, das ist Ehrensache“, erzählte einer aus der Sperrgut-Kolonne.

Für die Crews der Technischen Betriebe war gestern und Samstag Arbeit weit über dem Anschlag angesagt. Sie empfinden das als „Ehrensache“.

Warum die Stadt eigentlich nur die Helfer seit Samstag nach Unterburg ließ, machte ein Blick auf der Eschbachstraße klar. Mit dem Radlader wurden dort Container um Container gefüllt und von Lkws abgefahren. An der Hasencleverstraße waren die Bagger in den Seitenabzweigungen zu sehen. Und Anwohner versuchten überall, mit dem Gartenschlauch abzuspritzen und zu retten, was noch zu retten ist.

So wie hier an der Müngstener Straße sah es an sehr vielen Stellen in Unterburg aus. Sehr viele Burger haben Hab und Gut verloren.

Auf dem Grundstück der Kita an der Hasencleverstraße stand ein Baukran nach vorne gebeugt. Er hatte den Wassermassen, die dort mindestens 1,50 Meter hoch standen, nichts entgegenzusetzen. In der Kita wird gerade das Dach saniert. Jetzt muss noch viel mehr trockengelegt werden.

Doch nicht nur Einrichtungsgegenstände sind kaputt, nass und nicht mehr zu gebrauchen. Am Mühlendamm wird ein Haus eventuell abgerissen werden müssen, der Eschbach hatte das halbe Kellergeschoss mitgenommen. Die Straße Mühlendamm ist für Autos nicht mehr passierbar in diesem Bereich – mehr als ein Meter Eschbach-Böschung fehlen dort. Und an der Müngstener Straße ist ziemlich am Ende eine kleine Siedlung mit fünf Häusern betroffen, die eingeschossigen Bauten standen fast bis zur Dachkante unter Wasser. Bürgermeister Carsten Voigt (CDU), der in der Nähe wohnt, berichtete, die Eigentümer wüssten noch nicht, ob die Häuser überhaupt zu sanieren seien.

Spaghetti Bolognese vom Burgnarr, Brötchen und Kuchen

Die Hilfsbereitschaft, so etwas wie erste Ordnung in das Chaos zu bringen drückte sich nicht nur durch helfende Hände aus. Die Crew vom „Burgnarr“ aus Oberburg brachte gestern Spaghetti Bolognese für die Helfer. Auch belegte Brötchen und Kuchen kamen als Spende immer wieder an, berichten viele Anwohner mehr als dankbar.
Alle Infos zur Situation nach dem Hochwasser in Solingen stehen in unserem Ticker.

Heute wird das Aufräumen fortgesetzt. Noch immer sind nicht alle Keller und Gebäude ausgeräumt. Wenn die große TBS-Crew heute um 16 Uhr wieder vor Ort ist, dann wird es erneut Tonnen an zu entsorgenden Gütern geben. Aber sie machen das gerne, weil es eben „Ehrensache“ ist.

TBS schaffen allein am Samstag 135 Tonnen Sperrmüll aus Unterburg fort

Nach Angaben von Stadtsprecher Lutz Peters schafften die Technischen Betriebe Solingen (TBS) allein am Samstag 135 Tonnen Sperrmüll aus Unterburg fort. In den betroffenen Häusern waren viele freiwillige Helfer im Einsatz. Sie kamen teilweise spontan, teilweise setzte die Stadt sie ein. Sie hat dazu eine Hotline geschaltet.

Klaus Hopf, einer der Freiwilligen Helfer und Handwerker, beobachtete zwei oder drei riesige Container, die nur mit Waschmaschinen und Trockner bis oben befüllt waren. „So etwas habe ich noch nie gesehen.“ Die Schäden sind riesengroß und die Anwohner werden nicht nur fürs Aufräumen Hilfestellung brauchen.

Anwohner erhalten ab heute Infos der Stadt auf der Wupperinsel

Deshalb wird ab heute früh zunächst für drei Tage, das Bürgerbeteiligungsmobil, ein umgebauter und mit Wlan ausgestatteter Bauwagen, auf der Wupperinsel stehen. Das teilte der Solinger Planungsdezernent Stadtdirektor Hartmut Hoferichter (parteilos) bereits am Freitagabend mit. Evelyn Wurm von der Stabsstelle Bürgerbeteiligung und das Team stehen als erste Anlaufstelle für Menschen bereit, die von der Katastrophe betroffen sind und Fragen zu Schadensersatz haben, Ansprechpartner suchen oder praktische Hilfe benötigen.

Bürgermeister Carsten Voigt (CDU) ist selbst Anwohner der Müngstener Straße in Unterburg. Er berichtet am Samstagabend von einer großen Hilfe durch viele Freiwillige. „Überall packen sie mit an. Die Bereitschaft der Burger selbst, sich gegenseitig unter die Arme zu greifen, ist riesengroß.“ Die Hilfe zu koordinieren sei angesichts der vielen Schäden weiter schwierig gewesen, letztlich aber gelungen.

Tag 3 und 4 nach dem Hochwasser

Das große Aufräumen nach dem Hochwasser.
Das große Aufräumen nach dem Hochwasser. © Michael Schütz
Die Sperrmüll-Kolonne der TBS ist unermüdlich im Einsatz.
Die Sperrmüll-Kolonne der TBS ist unermüdlich im Einsatz.  © Michael Schütz
An Details wird deutlich, was das Wasser angerichtet hat.
An Details wird deutlich, was das Wasser angerichtet hat. © Michael Schütz (mis)
So hoch stand das Wasser im Balkhauser Kotten - an den Wänden ist der Pegelstand abzulesen.
So hoch stand das Wasser im Balkhauser Kotten - an den Wänden ist der Pegelstand abzulesen. © Manuel Böhnke
Die Ausstellungsstücke am Balkhauser Kotten werden draußen getrocknet.
Die Ausstellungsstücke am Balkhauser Kotten werden draußen getrocknet. © Manuel Böhnke
Die Schleiferei wurde zuletzt leergepumpt
Die Schleiferei wurde zuletzt leergepumpt  © Manuel Böhnke
Eindrücke vom Balkhauser Kotten am Samstag.
Eindrücke vom Balkhauser Kotten am Samstag. © Manuel Böhnke
So hoch stand das Wasser.
So hoch stand das Wasser. © Michael Schütz (mis)
An Details wird deutlich, was das Wasser angerichtet hat.
An Details wird deutlich, was das Wasser angerichtet hat. © Michael Schütz (mis)
An Details wird deutlich, was das Wasser angerichtet hat.
An Details wird deutlich, was das Wasser angerichtet hat. © Michael Schütz (mis)
An Details wird deutlich, was das Wasser angerichtet hat.
An Details wird deutlich, was das Wasser angerichtet hat. © Michael Schütz (mis)
An Details wird deutlich, was das Wasser angerichtet hat.
An Details wird deutlich, was das Wasser angerichtet hat. © Michael Schütz (mis)
An Details wird deutlich, was das Wasser angerichtet hat.
An Details wird deutlich, was das Wasser angerichtet hat. © Michael Schütz (mis)
Spenden sind an vielen Stellen willkommen.
Spenden sind an vielen Stellen willkommen. © Michael Schütz (mis)
Luftaufnahme von Samstag, 17. Juli.
Luftaufnahme von Samstag, 17. Juli. © Michael Schütz (mis)
Luftaufnahme von Samstag, 17. Juli.
Luftaufnahme von Samstag, 17. Juli. © Michael Schütz (mis)
Luftaufnahme von Samstag, 17. Juli.
Luftaufnahme von Samstag, 17. Juli. © Michael Schütz (mis)
Aufräumarbeiten nach dem Hochwasser - hier auf dem Campingplatz Glüder.
Aufräumarbeiten nach dem Hochwasser - hier auf dem Campingplatz Glüder. © Michael Schütz
Aufräumarbeiten nach dem Hochwasser - hier auf dem Campingplatz Glüder.
Aufräumarbeiten nach dem Hochwasser - hier auf dem Campingplatz Glüder. © Michael Schütz
Aufräumarbeiten nach dem Hochwasser - hier auf dem Campingplatz Glüder.
Aufräumarbeiten nach dem Hochwasser - hier auf dem Campingplatz Glüder. © Michael Schütz
Aufräumarbeiten nach dem Hochwasser - hier im Brückenpark Müngsten.
Aufräumarbeiten nach dem Hochwasser - hier im Brückenpark Müngsten. © Manuel Böhnke
Aufräumarbeiten nach dem Hochwasser - hier am Wipperkotten.
Aufräumarbeiten nach dem Hochwasser - hier am Wipperkotten. © Michael Schütz
Aufräumarbeiten nach dem Hochwasser - hier beim den Museumsbahnen in der Kohlfurth.
Aufräumarbeiten nach dem Hochwasser - hier beim den Museumsbahnen in der Kohlfurth. © Manuel Böhnke
Aufräumarbeiten nach dem Hochwasser - hier beim den Museumsbahnen in der Kohlfurth.
Aufräumarbeiten nach dem Hochwasser - hier beim den Museumsbahnen in der Kohlfurth. © Manuel Böhnke
Aufräumarbeiten nach dem Hochwasser - hier am Wipperkotten.
Aufräumarbeiten nach dem Hochwasser - hier am Wipperkotten. © Michael Schütz
Aufräumarbeiten nach dem Hochwasser - hier im Brückenpark Müngsten.
Aufräumarbeiten nach dem Hochwasser - hier im Brückenpark Müngsten. © Manuel Böhnke
Aufräumarbeiten nach dem Hochwasser - hier in der Kohlfurth.
Aufräumarbeiten nach dem Hochwasser - hier in der Kohlfurth. © Manuel Böhnke
Aufräumarbeiten nach dem Hochwasser - hier in der Kohlfurth.
Aufräumarbeiten nach dem Hochwasser - hier in der Kohlfurth. © Manuel Böhnke
Aufräumarbeiten nach dem Hochwasser - hier in der Kohlfurth.
Aufräumarbeiten nach dem Hochwasser - hier in der Kohlfurth. © Manuel Böhnke
Aufräumarbeiten nach dem Hochwasser - hier in der Kohlfurth.
Aufräumarbeiten nach dem Hochwasser - hier in der Kohlfurth. © Manuel Böhnke

Brücken und Straßen bleiben weiter gesperrt - Betonpoller statt Absperrbaken

Die Eschbachstraße wird in Unterburg heute noch für Aufräumarbeiten gesperrt sein. Ebenso die Wupperbrücke in Wupperhof, die durch das extreme Hochwasser und den Anprall zahlreicher Wohnwagen möglicherweise Schaden genommen hat und heute im Verlauf des Tages statisch überprüft werden muss.

Die Solinger Feuerwehr und die Technischen Betriebe appellieren dringend, auch weiterhin Absperrungen stehenzulassen und die Sperrungen nicht zu umfahren, denn die Beseitigung der Schäden wird sich auch am Montag fortsetzen. Weil Warnbaken immer wieder verschoben werden, haben die Technischen Betriebe bereits begonnen, leichte Absperrungen durch Betonelemente zu ersetzen.

Eschbach und Wupper sind inzwischen in ihr Bett zurückgekehrt, das große Aufräumen hat begonnen. Feuerwehr und THW haben etwa 60 vollgelaufene Keller ausgepumpt. Eine Einsatzkraft hat sich dabei leicht verletzt und wurde ins Krankenhaus Wermelskirchen gefahren. Inzwischen haben die Stadtwerke dafür gesorgt, dass Gas und Strom nahezu überall wieder grundsätzlich verfügbar ist.

Hochwasser in Solingen: Die Lage am Donnerstag

Unterburg am Morgen nach der Katastrophe.
Unterburg am Morgen nach der Katastrophe. © Philipp Müller
Unterburg am Morgen nach der Katastrophe.
Unterburg am Morgen nach der Katastrophe. © Michael Schütz
Unterburg am Morgen nach der Katastrophe.
Unterburg am Morgen nach der Katastrophe. © Michael Schütz
Unterburg am Morgen nach der Katastrophe.
Unterburg am Morgen nach der Katastrophe. © Michael Schütz
Unterburg am Morgen nach der Katastrophe.
Unterburg am Morgen nach der Katastrophe. © Michael Schütz
Auch der Obenrüdener Kotten ist überschwemmt worden.
Auch der Obenrüdener Kotten ist überschwemmt worden. © Liane Rapp
Das Café Hubraum in der Kohlfurth steht ebenfalls komplett unter Wasser.
Das Café Hubraum in der Kohlfurth steht ebenfalls komplett unter Wasser. © Manuel Böhnke
Der Balkhauser Kotten steht unter Wasser. So sieht es am Donnerstag gegen 8.30 Uhr dort aus.
Der Balkhauser Kotten steht unter Wasser. So sieht es am Donnerstag gegen 8.30 Uhr dort aus. © Michael Schütz
Der Balkhauser Kotten steht unter Wasser. So sieht es am Donnerstag gegen 8.30 Uhr dort aus.
Der Balkhauser Kotten steht unter Wasser. So sieht es am Donnerstag gegen 8.30 Uhr dort aus. © Michael Schütz
Der Balkhauser Kotten steht unter Wasser. So sieht es am Donnerstag gegen 8.30 Uhr dort aus.
Der Balkhauser Kotten steht unter Wasser. So sieht es am Donnerstag gegen 8.30 Uhr dort aus. © Michael Schütz
Freibad Ittertal: Mit dem Wasser kam der Schlamm.
Freibad Ittertal: Mit dem Wasser kam der Schlamm. © Manuel Böhnke
Freibad Ittertal: Mit dem Wasser kam der Schlamm.
Freibad Ittertal: Mit dem Wasser kam der Schlamm. © Manuel Böhnke

Rubriklistenbild: © Michael Schütz (mis)

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