Integration

Ukrainerin bringt Geflüchteten Deutsch bei

Deutschlehrerin Saida Slobodianiuk ist selbst geflohen und unterrichtet jetzt junge Ukrainer in Solingen.
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Deutschlehrerin Saida Slobodianiuk ist selbst geflohen und unterrichtet jetzt junge Ukrainer in Solingen.

Saida Slobodianiuk betreut eine Seiteneinsteigerklasse an der Alexander-Coppel-Gesamtschule.

Von Anja Kriskofski

Solingen. Der Krieg in ihrer Heimat hat sie in Solingen zusammengeführt: elf ukrainische Jugendliche und ihre Lehrerin. Seit Mitte November unterrichtet Saida Slobodianiuk die zehn Jungen und ein Mädchen in einer rein ukrainischen Seiteneinsteigerklasse an der Alexander-Coppel-Gesamtschule. Während der Schulzeit lernen sie an drei Tagen in der Woche für jeweils vier Stunden Deutsch. „Wir sind sehr glücklich, dass sie hier ist“, sagt Schulleiter Andreas Tempel. „Wir hoffen, dass sich die ukrainischen Schüler so besser aufgefangen fühlen.“ Sie ist eine von vier ukrainischen Lehrkräften, die im Moment in Solingen unterrichten, teilt die Bezirksregierung Düsseldorf auf Anfrage mit.

Saida Slobodianiuk ist ausgebildete Deutschlehrerin für die Mittelstufe. Sie beherrscht die Sprache perfekt, die sie bereits als Kind erlernte. „Wir haben zu Hause auch Deutsch gesprochen. Meine Eltern lehrten beide an der Pädagogischen Hochschule in Duschanbe“, erzählt die gebürtige Tadschikin, die mit einem Ukrainer verheiratet ist. Saida Slobodianiuk ist mit ihrer Schwiegertochter und den beiden Enkeln im März aus Krywyj Rih, ebenfalls Heimatstadt des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, geflohen. Ihre Tochter studiert bereits längere Zeit in Köln. Ihr Mann und ihr Sohn blieben in der Ukraine.

Sie habe hier in Solingen helfen wollen, sagt Slobodianiuk, die in ihrer Heimat bereits in Rente war. Über das Zentrum Frieden kam sie in Kontakt mit der benachbarten Alexander-Coppel-Gesamtschule. Die ukrainische Lehrkraft einzustellen, sei jedoch komplizierter gewesen als gedacht, erzählt Schulleiter Tempel. „Ein irrer Zeitaufwand.“ Heiratsurkunde und Geburtsurkunde habe die Schule für rund 250 Euro übersetzen lassen. Weitere 200 Euro seien für die Übersetzung der Lehrbefähigung fällig gewesen, die die Kultusministerkonferenz forderte. „Ohne das hätte sie schon drei Wochen früher anfangen können“, berichtet Andreas Tempel.

„Wir hatten ein schönes Leben in der Ukraine.“

Saida Slobodianiuk, ukrainische Deutschlehrerin

Mit ihren Schülern übt Saida Slobodianiuk an diesem Vormittag unter anderem deutsche Possessivpronomen. Alles geht zack, zack. Sie nimmt die Schüler einzeln dran, anschließend werden die Wörter gemeinsam wiederholt. Unter den Jugendlichen ist Wolodymyr (15), der mit Mutter und Geschwistern aus dem völlig zerstörten Mariupol nach Deutschland geflohen ist. Der gleichaltrige Ivan stammt aus Donezk, lebte aber in den vergangenen Jahren bei Odessa.

Wie ist die Schule in Deutschland? Hier gebe es weniger Fächer, erzählt er. In der Ukraine werde viel von den Kindern gefordert, berichtet die Lehrerin: „Unterricht von 8 bis 15 Uhr und danach viele Hausaufgaben.“

Mathematik sei hier in Deutschland einfach, aber Physik schwer, sagt der 14-jährige Vadim. Er hat seit seiner Ankunft im Juli schon etwas Deutsch gelernt und ein Heft dabei, das er während des Unterrichts vollschreibt. Er ist ohne seine Eltern nach Deutschland geflohen und lebt mit anderen ukrainischen Jugendlichen am Halfeshof.

Sprechen die Schüler über das, was sie in ihrer Heimat und auf der Flucht erlebt haben? „Nein, wir wissen alle, was in der Ukraine passiert“, sagt Saida Slobodianiuk. Im Unterricht geht es nur darum, Deutsch zu lernen. Das Ziel: Irgendwann sollen die Schüler so fit sein, dass sie ganz in eine Regelklasse wechseln können und dort nicht nur stundenweise unterrichtet werden.

In ihrer Freizeit unterstützt die Lehrerin Landsleute, die kein Deutsch beherrschen. So hat sie die Familie eines Schülers bereits zum Kinderarzt begleitet. Außerdem engagiert sie sich im Mehrgenerationenhaus, wo es eine Anlaufstelle für Flüchtlinge aus der Ukraine gibt.

Wie geht es für sie weiter? Sie wolle zurück nach Hause, sagt Saida Slobodianiuk. „Die meisten Ukrainerinnen wollen das. Wir hatten da ein schönes Leben.“ Sie hofft, vielleicht im Frühjahr in die Heimat zurückkehren zu können, zu Mann und Sohn. „Aber niemand weiß, was kommt.“

Lehrkräfte

Aktuell würden 490 Schüler und Schülerinnen aus der Ukraine in Solingen beschult, teilt Schulamtsdirektorin Monika Hannemann auf Tageblatt-Anfrage mit. 16 ukrainische Kinder sowie 18 aus anderen Nationen warteten noch auf einen Schulplatz. In der Klingenstadt gibt es 48 Seiteneinsteigerklassen für alle Nationalitäten, zwei sind an der Alexander-Coppel-Gesamtschule. Laut Bezirksregierung Düsseldorf sind 63 Lehrkräfte mit der ersten Staatsbürgerschaft „ukrainisch“ im gesamten Regierungsbezirk beschäftigt. In Solingen sind es vier.

Standpunkt von Anja Kriskofski: Hürden müssen weg

anja.kriskofski@solinger-tageblatt.de

Es ist eine enorme Integrationsleistung: Rund 490 Kinder und Jugendliche aus der Ukraine besuchen aktuell die Solinger Schulen, hinzu kommen Schülerinnen und Schüler aus anderen Ländern. An den weiterführenden Schulen gibt es internationale Seiteneinsteiger- oder Willkommensklassen, in denen die Jugendlichen in Deutsch fit gemacht werden.

Die schwerere Aufgabe haben die Grundschulen zu leisten, die zugewanderte Kinder meist direkt in den Regelklassen unterrichten. Sie bräuchten auch Fachkräfte wie Saida Slobodianiuk, die sich ganz den zugewanderten Schülern widmen können. Sie sind ein Glücksfall für jede Schule. Ihre Einstellung sollte deshalb nicht durch aufwendige Genehmigungsverfahren verzögert werden. Auch für Lehrkräfte für Deutsch als Fremdsprache sollte der Zugang zu den allgemeinbildenden Schulen erleichtert werden. Oft bekommen diese keine Festanstellung, weil sie nicht über das Staatsexamen verfügen.

Im Sinne der Kinder müssen solche Hürden verschwinden. 

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