Umstrittenes Brauchtum

Tierschutzorganisation Peta kritisiert Solinger Hahneköpper

Beim Hahneköppen geht es darum, einem bereits toten Hahn in einem Korb den Kopf abzuschlagen. 
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Beim Hahneköppen geht es darum, einem bereits toten Hahn in einem Korb den Kopf abzuschlagen. 

Vorwurf: Vereine würden die Tiere für Veranstaltungen „ohne vernünftigen Grund“ schlachten.

Von Kristin Dowe

Solingen. Vor der Corona-Pandemie war das umstrittene Brauchtum noch ein fester Bestandteil von Kirmessen und anderen Volksfesten im Bergischen: das sogenannte Hahneköppen. In der traditionellen Form wird dabei ein zuvor geschlachteter Hahn kopfüber in einem Korb aufgehängt, den es dann in einem Wettbewerb mit verbundenden Augen und mit Hilfe eines Säbels oder ähnlichem Schneidewerkzeug abzuschlagen gilt. Wem dies gelingt, wird zum „Hahnenkönig“ ernannt.

Wenngleich einige Vereine im Bergischen und in anderen Orten Nordrhein-Westfalens bereits Attrappen für ihre Veranstaltungen verwenden, wird auch in Solingen teilweise noch mit echten, eigens für den Brauch geschlachteten Tieren gearbeitet.

Gegen diese Praxis macht die Tierschutzorganisation Peta schon länger mobil: „Der Hahn wird mit der primären Absicht getötet, seinen Körper für eine vermeintlich unterhaltsame Veranstaltung zu nutzen. Somit ist der laut Tierschutzgesetz erforderliche ,vernünftige Grund’ für die Tötung nicht gegeben und das Hahneköppen Petas Einschätzung nach rechtswidrig“, teilt die Tierschutzorganisation schriftlich mit. „Es gibt keine Rechtfertigung dafür, ein Tier zur Bespaßung des Publikums zu töten – auch nicht eine vermeintliche Tradition. Wenn die Verantwortlichen das sinnlose Töten eines Tieres und das Zerfetzen seines Körpers vor Schaulustigen weiterhin als Brauchtum ansehen, sollten sie sich dringend mit ihren ethischen Werten auseinandersetzen.“

Solingen: Hahneköpper-Vereine äußern sich nicht zu Tierschutzfragen

Aus den Reihen der noch aktiven Hahneköpper war niemand zu einer Stellungnahme bereit – das Tageblatt hatte unter anderem Wolfgang Müller, den Vorsitzenden des Vereins „Haut Ihn“, sowie den Verein „Schlag drupp“ dazu angefragt.

Mit der Kritik hatte sich Peta zuletzt an die Veterinärämter mehrerer Städte gewandt, in denen das Hahneköppen noch in seiner traditionellen Form ausgeübt wird – auch an das für Solingen zuständige Bergische Veterinär- und Lebensmittelüberwachungsamt (BVLA).

Die Behörde sieht laut Rathaussprecherin Sabine Rische keinen Handlungsbedarf: „Das Solinger Brauchtum ist bekannt. Der Tierkörper wird im Einklang mit den rechtlichen Vorgaben geschlachtet und nach der Veranstaltung einem Zweck, der dem vernünftigen Grund genügt, zugeleitet.“ Somit werde das tote Tier nach der Veranstaltung entweder für den menschlichen Verzehr oder als Futtermittel für Tiere weiterverarbeitet, so Rische. Sollte dies in Einzelfällen begründet nicht erfolgen, habe das BVLA darauf ebenso wenig Einfluss wie auch sonst bei frischen Fleischprodukten, die entsorgt werden müssen, „weil sie beispielsweise nicht verkauft wurden, verdorben sind oder weil die Kühlkette unterbrochen war“, heißt es bei der Stadt dazu weiter.

„Das halte ich für eine Schutzbehauptung.“

Peter Höffken, Fachreferent bei Peta

Peter Höffken, Fachreferent bei Peta, zeigte sich über die Reaktion des BVLA enttäuscht. „Die Behörde macht es sich aus meiner Sicht zu einfach. Ich bezweifle stark, dass der geschlachtete Hahn später tatsächlich noch verzehrt werden kann, wenn er vorher längere Zeit draußen ungekühlt in der Sonne gehangen hat. Das halte ich für eine Schutzbehauptung.“ In anderen Kommunen hätten die Behörden auf die Anzeige von Peta anders reagiert. So versicherte das Veterinäramt der Städteregion Aachen etwa in einem Schreiben, das dem Tageblatt vorliegt, den Vorwürfen in Bezug auf den im Monschauer Stadtteil Konzen tätigen Verein nachzugehen. Man nehme „den Sachverhalt sehr ernst“.

Die Pressestelle des Kreises Mettmann berief sich hingegen im Hinblick auf einen in Haan ansässigen Traditionsverein darauf, dass für die Veranstaltungen ausschließlich Schlachttiere verwendet würden. Dies sei mit dem Verein „seit Jahren so abgestimmt“. Auch dieser Darstellung widerspricht Peta: „Uns liegen Fotos von einer Hahneköpper-Veranstaltung bei der Haaner Kirmes 2019 vor, auf denen unter anderem der Brustbereich eines Tieres zu sehen ist. Um Schlachtabfälle handelt es sich dabei ganz offensichtlich nicht“, so Höffken.

„Es ist nicht mehr zeitgemäß.“

Michael Hoeboer, Sprecher beim Nabu Solingen

Auch Michael Hoeboer, Sprecher beim Nabu Solingen, sieht die Methoden der Hahneköpper skeptisch. Er teile Petas Zweifel, dass die Kühlkette und andere hygienische Bestimmungen für eine Weiterverarbeitung des Tierkörpers tatsächlich eingehalten werden können. „Es ist nicht mehr zeitgemäß, ein Tier nur aus Brauchtumsgründen zu schlachten. Da wünschen wir uns eine Alternative.“

Geschichte

Der Brauch geht etwa auf das Mittelalter zurück – der Hahn galt als Symbol des schlechten Erntegeistes, der mit dem Köpfen des Tieres getötet werden sollte. Heute gilt das Hahneköppen eher als Folklore und wird neben dem Bergischen teilweise auch im Rheinland praktiziert.

Standpunkt: Alternativen prüfen

Von Kristin Dowe

kristin.dowe@solinger-tageblatt.de

Keine Frage – das Hahneköppen hat in der bergischen Geschichte einen festen Platz, und für manch einen auch außerhalb der noch aktiven Vereine mag die alte Tradition einen nostalgischen Charme besitzen. Dennoch muss die Frage erlaubt sein, ob die Tötung eines Tieres zu Unterhaltungszwecken eigentlich noch zeitgemäß ist – selbst wenn dessen toter Körper später noch weiterverarbeitet werden sollte, woran es mit Blick auf die Kühlkette aufseiten von Tierschützern begründete Zweifel gibt. Tut es dem Spaß und der Geselligkeit einer Veranstaltung wirklich einen Abbruch, wenn man statt auf echte Kadaver flächendeckend auf Attrappen als Alternative setzt? Und wäre es nicht an der Zeit, auch einen liebgewonnenen Brauch im Jahr 2021 schlicht aus Respekt vor dem Leben eines Tieres einem Update zu unterziehen? Gleichzeitig hätte das Tageblatt gerne auch die Argumente der Befürworter abgebildet. Schade, dass dies nicht möglich war, denn es spricht nicht für einen transparenten Umgang mit Kritik und eine offene Gesprächskultur der betroffenen Vereine. Zumindest eine sachliche Diskussion über die tierschutzrechtlichen Belange dieser Praxis wäre wünschenswert. 

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