Versorgung mit Lebensmitteln echte Herausforderung

Tafel will Aufnahmestopp vermeiden

Die Versorgung der sprunghaft angestiegenen Zahl der Bedürftigen durch den Ukraine-Krieg ist für die Solinger Tafel eine echte Herausforderung.
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Die Versorgung der sprunghaft angestiegenen Zahl der Bedürftigen durch den Ukraine-Krieg ist für die Solinger Tafel eine echte Herausforderung.

Der Solinger Verein versorgt zunehmend Flüchtlinge aus der Ukraine. Insgesamt werden 2000 Menschen von den Ehrenamtlern in Solingen versorgt.

Von Philipp Müller

Solingen. Mit großen Rollwagen stehen Bedürftige bei der Solinger Tafel an. Der „Hacken-Rolli“ wird benötigt, weil die bei der Tafel Registrierten momentan nur einmal pro Woche Lebensmittel zugeteilt bekommen, wie Annemarie Kister-Preuss erklärt. Sie steht am Empfang der Ausgabe, die an der Ernst-Woltmann-Straße liegt. Sie ist eine von mehr als 50 Ehrenamtlichen, die fünf Tage die Woche in den Räumen der Tafel aktiv sind. Einen Aufnahmestopp für Bedürftige will der Verein vermeiden, sagt dessen Vorsitzende Brigitte Funk. Aber das sei eine Herausforderung, denn zunehmend sind ukrainische Flüchtlinge als Kunden aufgenommen worden. Rund 800 von ihnen werden aktuell versorgt, insgesamt knapp 2000 Menschen.

Die Tafel ist grundsätzlich von der Idee geprägt, Lebensmittel nicht zu vernichten, sondern lieber an Bedürftige zu verteilen. Im Alltag heißt das aber aktuell laut Funk: „Wir stehen mit dem Rücken zur Wand.“ Sie begründet das mit zwei Herausforderungen. Zwischen 2021 und 2022 sei die Zahl der registrierten Nutzer der Tafel um etwa 60 Prozent angewachsen. Die „Eintrittskarte“ ist der Solingen-Pass, der an Bedürftige ausgegeben wird. Annemarie Kister-Preuss kontrolliert deshalb die Zugangskarte, erst dann kann aus den Lebensmitteln ausgewählt werden.

Doch genau diese Lebensmittel sind die zweite Alltagshürde, erklärt Brigitte Funk. Vor allem aus Bäckereien kämen deutlich weniger Backwaren an die Ernst-Woltmann-Straße. Das sei auf etwa 20 Prozent gesunken. Mit vier Fahrzeugen sammelt die Tafel die Lebensmittel ein. Auch bei Supermärkten. So lagen am Tag, als das ST die Tafel besuchte, viele frische Salate und Gemüsesorten in großen Körben. Eine Auswahl an Obst gibt es und auch Brote.

Doch nicht immer reicht es, um den Bedarf zu decken, berichtet die Tafelvorsitzende. Tatsächlich sei es so, dass Mehl zugekauft werde. „Das ist aber eigentlich nicht Sinn der Tafel“, betont sie. Unter dem Strich stelle es sich so dar: „Die Leute bekommen momentan weniger Lebensmittel.“

Finanziert wird die Tafel über Zuschüsse der Bundestafel und vom Land NRW. Aber das reicht hinten und vorne nicht. Brigitte Funk ist daher froh, dass so viele Solinger Bürger und Firmen das Angebot unterstützen. „Dafür möchte ich einmal meinen großen Dank aussprechen.“ So kann sich die Solinger Tafel neben den Ehrenamtlichen eine feste Angestellte leisten. Außerdem ist mit Joshua Bolz ein „Bufdi“ im Einsatz.

„Die Leute bekommen momentan weniger Lebensmittel.“

Brigitte Funk zur Lage der Tafel

Brigitte Funk berichtet aber auch noch von einer dritten Herausforderung. Inzwischen habe sich eine Kultur entwickelt, dass die Tafel es im Zweifel schon richten werde. Sie warnt vor dem Trugschluss, die Tafel könne alle Bedürftigen versorgen. Das werde nicht gelingen. „Dafür sind wir auch nicht da.“ Missbrauch hat das Team der Tafel ebenfalls im Blick. Wer trotz Solingen-Pass mit dem dicken Auto vorfährt und Lebensmittel abholt, wird schnell von der Liste gestrichen.

Für 2023 wünscht sich Brigitte Funk vor allem eins: „Die Leute, die zu uns kommen, sollen weiter ausreichend versorgt werden.“ Daher wolle der Verein auch einen Aufnahmestopp vermeiden. „Ausschließen können wir das aber nicht“, sagt sie. Lieber möchte sie sich wieder stärker den von Altersarmut betroffenen Rentnerinnen und Rentnern zu wenden. „Denen helfen wir immer“, verspricht sie. Da wünscht sie sich, dass sich diese Gruppe stärker traut, das Tafelangebot auch wirklich zu nutzen.

Solinger Tafel

Lebensmittel: Die Ausgabe von Lebensmitteln an der Ernst-Woltmann-Straße 4 erfolgt montags bis freitags von 15.15 bis 17.30 Uhr.

Medimobil: Als gemeinsames Projekt mit dem Ärztenetzwerk Solimed läuft die regelmäßige wöchentliche Versorgung von Obdachlosen und Mittellosen.

Standpunkt von Philipp Müller: Tafel braucht Hilfe

philipp.mueller@solinger-tageblatt.de

Wie in einem Brennglas liegt die soziale Wirklichkeit vor einem, besucht man die Solinger Tafel. Viele Migranten gehören zu den Nutzern der Lebensmittelausgabe. Alleinstehende, die sozial abgehängt sind, erkennt man. Dazu die älteren Rentner, die mit kleinen Rentenbezügen ums Überleben kämpfen.

Dann schlägt sich unsere Luxus-Gesellschaft in den Regalen nieder. Waldheidelbeeren aus Peru, Kiwis und Himbeeren aus Italien. Man bekommt eine Ahnung, wie reich unser Land tatsächlich, aber auch wie unterschiedlich alles verteilt ist. Irgendwie schleicht sich auch ein Gefühl ein, die Tafel ist so etwas wie ein Symbol dafür, dass man ein gutes Gewissen haben kann. Es wird ja geholfen. Doch das Gefühl ist trügerisch.

Längst versorgt die Tafel etwa auch Heerscharen von Geflüchteten. Da darf die Frage schon erlaubt sein, warum wir das in unserem Land einem privaten Verein überlassen, der von privaten Spendern am Leben gehalten wird. Da haben wir eine große Baustelle in unserer Gesellschaft, die Tafel braucht Hilfe.

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