Montagsinterview

Sylvia Löhrmann: „Das Judentum hat uns so viel gegeben“

Sylvia Löhrmann im Portrait (Bündnis90 / Die Grünen)
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Sylvia Löhrmann im Portrait (Bündnis90 / Die Grünen)

Sylvia Löhrmann über Antisemitismus, 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland und „Vielfalt der Verschiedenen“.

Von Philipp Müller

Das Festjahr des Vereins „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ ist auf der Zielgeraden. Wie fällt die erste Bilanz aus?

Sylvia Löhrmann: Wir sind im Verein überwältigt von den Rückmeldungen und dem Mittun. Das können wir uns eigentlich nur so erklären: Alle staatlichen Stellen unterstützen uns. Aber auch eine sehr engagierte Zivilgesellschaft. Das gilt unter anderem für den Bereich der Kirchen, für die jüdischen Gemeinden und auch für die Volkshochschulen. Das passt gut zu meinem Lieblingszitat: „Nichts ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist.“ Offenbar ist die Zeit reif, um mit der erweiterten Perspektive auf das jüdische Leben in Deutschland zu blicken.

Sie sind Generalsekretärin des Vereins. Warum haben Sie sich dafür zur Verfügung gestellt?

Löhrmann: Mich begleitet schon seit meiner Schulzeit die Frage: Wie konnte es zum größten Menschheitsverbrechen, der Shoah, kommen? Ich habe mich immer mit einer vielfältigen Erinnerungskultur und Erinnerungsarbeit beschäftigt. Deswegen ist sozusagen das Amt zur Frau gekommen.

Antisemitismus ist scheinbar alltäglich. Wo muss man ansetzen, um ihn zu bekämpfen?

Löhrmann: Den Antisemitismus zu bekämpfen ist ein Baustein des Festjahrs. Es ist erschreckend und beschämend, dass er wächst und aggressiver wird – auch durch die neuen Medien. Ich unterstreiche auch persönlich: Wir dürfen nicht nachlassen und müssen auf verschiedenen Ebenen ansetzen – durch Begegnung, durch Aufklärung natürlich, um gedanklich dem Antisemitismus und Judenhass den Boden zu entziehen. Aber natürlich auch durch Prävention. Es ist absurd, dass der Antisemitismus gerade dort am größten ist, wo es gar keine Juden gibt. Es ist rational nicht zu erklären. Deshalb ist es so wichtig, Menschen wie Du und Ich zu zeigen. So beugt man der Verfestigung von Vorurteilen vor.

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Sie haben immer wieder betont: Gerade junge, in Deutschland lebende, jüdisch gläubige Menschen wollen nicht auf die Opferrolle aus der Nazizeit reduziert werden. Wie muss die Gesellschaft das Thema angehen?

Löhrmann: Der frühere Bundespräsident Joachim Gauck hat einen Begriff geprägt, der mich seitdem begleitet. Er hat gesagt: „Wir brauchen ein neues deutsches Wir – die Vielfalt der Verschiedenen.“ Wenn wir heute in Deutschland an die Juden denken, dann denken wir durch die Aufarbeitung der Nazizeit, die nicht aufhören darf, auch immer an das Menschheitsverbrechen. Wir denken gar nicht daran, dass es das Judentum schon viel länger gab. 321 gab es das erste Zeugnis, das ist auch der Ausgangspunkt des Festjahrs. Und wir blenden völlig aus, dass es heute in Deutschland Juden gibt, die genauso verschieden sind wie Christinnen und Christen oder Nichtgläubige. Um das aufzubrechen, muss daran systematisch gearbeitet werden. Und das gilt für die gesamte Gesellschaft. Das nehmen wir auch mit im Kampf gegen Rassismus, Ausgrenzung und Homophobie.

Zum Festjahr gehört das Wortfestival „L’chaim – auf ein Wort“ im Zentrum für verfolgte Künste. Wie kann das bei der Bekämpfung des Judenhasses helfen?

Löhrmann: In dem es genau das praktisch macht, was ich gerade abstrakt beschrieben habe. Wir erleben beim Wortfestival Autorinnen und Autorin, die sich nicht automatisch als gläubig verstehen. Das sind Menschen, die ganz eigene Stränge haben. Die aus Israel, dem arabischen Raum oder Osteuropa stammen. Und sie verbindet das Judentum. Sie miteinander und mit dem Publikum ins Gespräch zu bringen – ohne den geschichtlichen Kontext in den Mittelpunkt zu stellen – eröffnet einfach neue Zugänge und Blicke. Dann sehen wir, dass es im Judentum unterschiedliche Formen der religiösen Praxis gibt, wie es die im Christentum auch gibt. Dann erkennt man: Aha, die Unterschiede sind gar nicht so groß. Und wir sehen nur die Menschen und nicht welche, die auf ein wie immer auch geartetes Etikett reduziert sind. So viele Menschen reden über Juden und kennen sie gar nicht.

„Es ist absurd, dass der Antisemitismus gerade dort am größten ist, wo es gar keine Juden gibt.“

Sylvia Löhrmann

Muss man dazu nicht die jüdische Kultur zunächst einmal von der jüdischen Religion trennen?

Löhrmann: Auf jeden Fall sollte man das trennen. Das Judentum ist nicht nur eine Religion. Das Judentum ist auch keine Ideologie, sondern eine kulturelle Prägung. Das Judentum ist so reich und hat unserer Gesellschaft so viel gegeben. Die Kultur, die Wissenschaft und die Politik sind ohne das Judentum gar nicht zu denken. „Da sind die jüdischen Deutschen, da sind die nichtjüdischen Deutschen“ – genau davon wollen wir wegkommen. Das ist ein Traum, den auch gerade junge Juden formulieren. Unser Geschäftsführer Andrei Kovacs hat einmal so schön formuliert: „Ich möchte, dass meine Kinder ganz einfach deutsch und jüdisch sein können, ohne dass das etwas Besonderes ist.“ Das sollte etwas Selbstverständliches bekommen, auch wenn wir nichtjüdischen Deutschen vor der Geschichte eine besondere Verantwortung haben.

Braucht es nicht dauerhaft eine kulturelle und gesellschaftliche Unterstützung der jüdischen Gemeinden und Bevölkerungsgruppen?

Löhrmann: Die braucht es und die gibt es auch schon. Es gibt eine intensive Zusammenarbeit auf Bundes- und Landesebene und auf der kommunalen Seite. Es gibt in allen Bundesländern Beauftragte im Kampf gegen den Antisemitismus, aber auch für jüdisches Leben. Da hat das Festjahr einen immensen Schub gegeben. Es ist unser Ziel, dass sich gute Formate verfestigen. Das Festjahr darf keine Eintagsfliege bleiben.


Welche Bedeutung kann dabei der Beitrag der Stadt Solingen spielen, aus dem alten Bunker an der Malteserstraße, wo 1938 die Synagoge von den Nazis niedergebrannt wurde, einen lebendigen Ort mit Blick auf das heutige jüdische Leben zu schaffen?

Löhrmann: Ich bin sehr dankbar, wie in Solingen und in Wuppertal der Impuls des Festjahrs aufgenommen worden ist. Nehmen wir nur die Shalom-Zeichen an den Schwebebahnen und an unseren O-Bussen. Nehmen wir auch das geplante Max-Leven-Zentrum als Bildungs- und Gedenkstätte. Und nehmen wir auch die sehr gute Zusammenarbeit des Freundeskreises Solingen/Ness-Ziona zu unserer Partnerstadt in Israel mit der Stadt Solingen und der jüdischen Gemeinde. Also da gibt es sehr gute Anknüpfungspunkte. Unsere Volkshochschule hat Beiträge zu jüdischen Frauenfiguren ins Programm genommen. Ich finde es gut, wenn es Standard abseits des Festjahrs wird, regelmäßig solche Themen aufzugreifen. Wir haben auf der Homepage des Vereins Vorschläge veröffentlicht, wie man dranbleiben kann.

Als ehemalige Schulministerin betonen Sie immer wieder, die zeitgeschichtlichen Zusammenhänge und die Bekämpfung des Antisemitismus und Rassismus müssen auch Gegenstand des Unterrichts sein. Sind wir da schon auf dem richtigen Weg?

Löhrmann: Jein. Alle Ziele sind formuliert und finden sich in Schulgesetzen auch wieder. Der Zentralrat der Juden und die Kultusministerkonferenz haben gerade nochmals betont: „Wir wollen jüdisches Leben sichtbar machen.“ Aber das muss noch konkretisiert werden. Reden wir nur über die Nazizeit? Oder öffnen wir neue Perspektiven wie mit den unzähligen Beispielen, die wir im Festjahr gesammelt haben? Ich hoffe, dass sich zukünftig nicht nur einzelne Schulen daran beteiligen, sondern möglichst alle.

Zur Person / Zum Festjahr

Zur Person: Sylvia Löhrmann ist verheiratet. Die Grünen-Politikerin und Staatsministerin a.D. ist als Generalsekretärin des Vereins „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ und außerdem ehrenamtlich engagiert, etwa als Vorsitzende des Förderkreises für das Zentrum für verfolgte Künste.

Festjahr: Das Festjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ betrachtet den Zeitraum von 321, der ersten urkundlichen Erwähnung jüdischen Lebens in Köln, bis in die Neuzeit. Umfangreiche Informationen zum Festjahr gibt es auf der Internetseite des Vereins.

2021jlid.de

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