Montagsinterview

„Ohne Ostern wäre das Leben ein anderes“

Stadtdechant Michael Mohr ist bewusst, dass die Kirche derzeit die Bindung zu etlichen Gläubigen verliert.
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Stadtdechant Michael Mohr ist bewusst, dass die Kirche derzeit die Bindung zu etlichen Gläubigen verliert.

Solingen. Superintendentin Dr. Ilka Werner und Stadtdechant Michael Mohr sprechen über Corona, Leid und Hoffnung.

Frau Dr. Werner, welche Bedeutung hat das Osterfest für die Menschen heute?

Dr. Ilka Werner: Vielleicht ist es in dieser Corona-Zeit noch wichtiger als sonst, auf die Osterbotschaft hinzuweisen, weil wir mit einer ganzen Menge besonders bitterem Leid konfrontiert sind. Dass wir verzweifelt ohnmächtig sind und nichts dagegen tun können, geht vielen Menschen nahe. Die Botschaft, Gott nimmt teil an unserem Leid und lässt uns teilnehmen an seiner Lebensmacht, ist zeitlos. Das ist eine Game-Changer-Botschaft für uns im Leben – also ein wichtiger Wendepunkt. Durch die Corona-Zeit rückt sie uns noch ein bisschen näher, weil wir sie noch bitterer nötig haben. Ohne Ostern wäre unser Leben ein anderes.

Haben Sie dies auch beobachtet, Herr Mohr?

Michael Mohr: Ich kann das nur unterstreichen. Wir leben in einer Gesellschaft, die eigentlich das Ideal propagiert, jung, gesund, schön, fit und reich zu sein. Krankheit und Tod sind Themen, die eigentlich nicht vorkommen – außer sie betreffen mich existenziell selbst oder jemanden im engen Umfeld. Wir erleben jetzt seit einem Jahr, dass die Wissenschaft bei allen Fortschritten im Kampf gegen die Pandemie nicht die Macht hat, Corona in einem Handstreich zu besiegen. Wir müssen damit leben, dass uns das Thema Krankheit und Tod auf die Pelle rückt. Gerade in dieser Zeit ist die Botschaft, Gott ist an eurer Seite, selbst wenn sonst keiner mehr da ist, für viele Menschen eine Game-Changer-Botschaft. Dies ist auch für diejenigen wichtig, die vielleicht sonst nicht so viel mit Glauben zu tun haben. Wenn darüber hinaus deutlich wird, dass selbst der Tod nicht das letzte Wort hat, dass es immer ein Morgen gibt, kann das ein echter Trost sein.

Werner: Ich denke, auch für Menschen, die keinen direkten Zugang hierzu finden, ist es wichtig, dass es Menschen gibt, die daran glauben und die diese Botschaft immer wieder verbreiten.

Im Moment ist es nicht einfach, die christliche Botschaft zu den Menschen zu bringen. Wie fangen Sie diese Situation auf?

Mohr: Das ist seit einem Jahr ganz spannend zu beobachten: Es gibt ganz unterschiedliche Ideen, wie wir jetzt die Frohe Botschaft weitergeben können. Es fing ganz zart mit ersten digitalen Versuchen, mit Podcasts und Livestreams an. Das hat sich mittlerweile verstetigt. Aber nicht alle sind über das Internet zu erreichen. Im vergangenen Jahr haben wir allen Mitgliedern über 80 Jahren darum zum Beispiel einen handgeschriebenen Osterbrief geschickt. Ganz viele Menschen haben ganz viele Ideen umgesetzt und das schnell. Das ist wunderbar. Die Sehnsucht nach Präsenzgottesdiensten war aber immer da – wenn auch nicht bei allen Menschen gleich. Darum waren wir froh, dass wir das wieder starten konnten, als es möglich war.

Wie gut sind die Gottesdienste ausgebucht?

Mohr: In meinem Verantwortungsbereich sind die 11-Uhr-Gottesdienste immer so voll, wie es unter den Corona- Umständen möglich ist. Das sind jeweils 170 Plätze. Auch die Sonntagsmessen in den kleineren Kirchen sind mit etwa 80 Menschen voll. Die Vorabend- und die Sonntagsmittagsmessen sind nicht ganz ausgebucht. Wir hätten also noch Platz. Und ich habe den Eindruck, die Menschen entscheiden ganz bewusst, ob sie hingehen oder lieber darauf verzichten. Es sind zwar zahlenmäßig weniger Besucher als sonst. Unser Schwerpunkt liegt aber wieder auf den Präsenzgottesdiensten, wobei die anderen Angebote nicht völlig außen vor sind. Wir haben nach wie vor Gottesdienst-Livestreams oder Aktionen über den Youtube-Kanal.

Mir sind in Solingen keine Ausbrüche nach Gottesdiensten bekannt.

Michael Mohr, katholischer Stadtdechant

Werner: Bei uns war zum Beispiel die Gemeinde in Wald über den ganzen Winter in Präsenz unterwegs, fast alle Gemeinden haben einen digitalen Kanal und machen da sehr viel. Wir haben teilweise mehr Klicks, als wir sonst Menschen in den Kirchen haben. Zum Teil ist dies also auch eine Chance. Die Frage ist aber immer, wie wir Kontakt zu den Menschen halten, die nicht digital unterwegs sind. Darum verschicken wir in diesen Tagen auch wieder eine Osterkarte. Es gibt in den Gemeinden viele kreative Wege. Wir bemerken aber schon, dass es den Menschen immer schwerer fällt, sich darauf einzulassen und immer wieder Brücken zu bauen.

Wie gehen Sie mit den Corona-Vorgaben für Ostern um?

Mohr: Ich gehe davon aus, dass wir Präsenzgottesdienste feiern dürfen und auch werden. Auch bei der Stadt bestätigt man uns, dass sich unter den gegebenen Umständen die Konzepte der beiden großen Kirchen bewährt haben und dass man uns Präsenzgottesdienste ermöglichen will. Das freut mich, weil es für die Menschen, die kommen, besonders wertvoll ist.

Werner: Vor Weihnachten habe ich mich sehr darüber geärgert, dass Politiker die Frage nach den Gottesdiensten bis zum 23. Dezember für ein Schwarzer-Peter-Spiel benutzten. Ich bin sehr empfänglich dafür, wenn man uns bittet zu verzichten, es uns aber nicht verbietet. Für die Menschen, die kommen wollen, ist es ganz wichtig, auch etwas in den Kirchen oder drumherum anzubieten. Und ich kann versichern: Wir haben Hygienekonzepte, die funktionieren.

Mohr: Das stimmt. Mir sind aus Solingen keine Ausbrüche nach katholischen oder evangelischen Gottesdiensten bekannt – auch wenn es vereinzelt Infizierte gab, die in Gottesdiensten waren.

Werner: Bei der Stadt vertraut man uns da auch. Die Gemeinden veranstalten ja viele kleine Angebote, oder solche unter freiem Himmel und mit Abstand.

Verlieren Sie nicht dennoch den Kontakt zu vielen Gläubigen?

Superintendentin Dr. Ilka Werner sieht in der Osterbotschaft einen „Game-Changer“, der das Leben positiv beeinflusst.

Mohr: Sicher. Das lässt sich zwar noch nicht in Zahlen darstellen. Dazu müssen wir erst einmal schauen, wie es nach Corona weitergeht. Natürlich habe ich zu den Menschen, zu denen ich vorher einen engen Kontakt hatte, auch weiterhin Kontakt. Es gibt aber auch viele Menschen, die einfach am Wochenende in der Kirche waren. Von denen werden wir sicherlich einige verlieren. Wir werden natürlich Angebote machen. Aber es wird auch eine Anzahl an Menschen geben, die andere Wege für sich suchen werden.

Werner: Ich sehe das ähnlich. Das Ausmaß werden wir erst sehen, wenn wir feststellen, wer zurückkommt. Umgekehrt werden wir unsere Angebote wohl auch dauerhaft verändern. Da müssen wir die Entwicklung abwarten. Andererseits nehmen uns die Menschen ja auf vielen Wegen wahr. Ich denke hier zum Beispiel an die Seelsorgearbeit in den Krankenhäusern und Schulen. Die seelsorgenden Menschen sind also an Orten, wo jetzt Gesprächsbedarf ist. Aber es ist schon verrückt. Wenn sonst etwas Schlimmes passiert, machen wir die Kirchen auf, und die Menschen kommen. Das geht so jetzt nicht. Eine wichtige Funktion der Kirche ist nur sehr eingeschränkt möglich, nämlich ein gleichzeitig öffentlicher und vertraulicher Raum zu sein, wenn es um Sinnfragen geht. Aber auch hier geht im Netz erstaunlich viel.

Die Situation ist für die Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen in den Gemeinden zermürbend.

Dr. Ilka Werner, evangelische Superintendentin

Zermürbt das Hickhack um Corona-Vorschriften – wie um die Ruhetage rund um Ostern – die Gemeinden?

Werner: Ja, das ist für die Ehrenamtlichen und Hauptamtlichen in den Gemeinden zermürbend. Für alle ist es extrem belastend, dass sie in vielen Videokonferenzen planen und planen und dann wieder umplanen müssen. Natürlich ändern sich die Dinge in einer Pandemie ständig. Das sehr kurzfristige Herumtasten aufseiten der Politik ist aber sehr anstrengend und manchmal auch sehr kurz gesprungen.

Mohr: Ich habe Respekt davor, dass die Kanzlerin einen Fehler eingestanden und ihn zurückgenommen hat. Zermürbend ist aber, dass wir seit einem Jahr scheinbar nur anhand von Zahlen immer wieder neu entscheiden müssen. Da geht es den Kirchengemeinden nicht anders als anderen Teilen der Gesellschaft. Das ist für die Menschen besonders schwierig, die sich ehrenamtlich engagieren. Ich habe hohen Respekt davor, dass viele immer noch so voller Ideen sind.

Welche Osterbotschaft haben Sie? Wird dabei der zu Beginn angesprochene Game-Changer-Effekt eine Rolle spielen?

Werner (lacht): Also, wenn Jesus Christus kein Game-Changer ist . . .

Mohr: Diesen Begriff finde ich spannend. Ich werde ihn auf jeden Fall noch ein paar Tage mitnehmen. Mir ist aber auch wichtig, den Menschen in den Gottesdiensten zu sagen: Wir sind alle in diesem Moment Stellvertreterinnen und Stellvertreter. Jeder, der von uns da ist, hat im Geiste noch zwei, drei Leute mit dabei. Wir haben also alle den Auftrag, den Menschen von diesem theologischen Game-Changing zu erzählen und diese Botschaft weiterzutragen.

Werner: Im Zusammenhang mit Corona spricht man ja von Impfstoff als einem Game-Changer. Mit Blick auf die Sehnsüchte der Menschen sind es der Tod und die Auferstehung Jesu: Im Sterben nicht allein sein, und eine Hoffnung über den Tod hinaus haben. Beides verändert ja das Spiel: Der leidende Jesus, der das Leid (mit)trägt und der auferstehende Jesus, der Lebensmut gibt.

Persönlich

Dr. Ilka Werner: 56 Jahre alt, verheiratet. Werner ist seit 2013 Superintendentin des Evangelischen Kirchenkreises Solingen.

Michael Mohr: 45 Jahre alt. Mohr ist seit 2016 als katholischer Pfarrer in Solingen. Nach einem Jahr wurde er zum Stadtdechanten ernannt.

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