Montagsinterview

Superintendentin: „Als Kirche klein zu sein, ist nicht schlimm“

Dr. Ilka Werner ist seit fast acht Jahren Superintendentin des Evangelischen Kirchenkreises. Die Synode hat sie Mitte November wiedergewählt.Foto:Christian Beier
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Dr. Ilka Werner ist seit fast acht Jahren Superintendentin des Evangelischen Kirchenkreises. Die Synode hat sie Mitte November wiedergewählt.

Superintendentin Dr. Ilka Werner spricht über die Zukunft der Kirche und die Debatte über Weihnachten.

Von Andreas Tews 

Frau Dr. Werner, die Synode des Evangelischen Kirchenkreises hat Sie als Superintendentin fast einstimmig wiedergewählt. Ist das eine Anerkennung oder mehr ein Ansporn für Sie?

Dr. Ilka Werner: Beides. Es ist eine riesige Anerkennung nach acht Jahren Arbeit. Die Wahl ist aber auch ein Auftrag, so weiterzumachen, wie die Zeit es von uns verlangt. Kirche ist in dieser Gesellschaft in keinem ruhigen Fahrwasser. Die Sache, für die wir stehen, ist keine stabile bequeme Sache. Das Evangelium ist aber ein Fixpunkt, auf den man sich im Leben und im Sterben verlassen kann. Die Situation verlangt uns wirklich viel ab. Sie bringt uns aber auch an den Kern unserer Sache. Unsere Aufgabe ist es, in dieser Beziehung zusammenzuwachsen.

Ein Fixpunkt der Kirche ist die Adventszeit. Viele sprechen jetzt über Weihnachten, meinen dabei aber nicht das Fest des Glaubens. Welche Adventsbotschaft senden Sie in diesem Jahr aus?

Werner: Meine Botschaft in diesem Jahr ist: Fürchtet euch nicht. Habt keine Angst. Das heißt nicht, herumzufeiern und Corona-Leugner zu werden. Aber: Ich muss keine Angst haben, ins Nichts zu fallen oder vernichtet zu werden. Da ist ein Gott, der ist für mich da. Das ist das Fundament unter all dem Schwankenden, auf dem wir stehen. Ich verstehe ja, dass die Politiker jetzt so viel darüber sprechen, dass Weihnachten und Silvester gefeiert werden können. Als Theologin und Pfarrerin stört es mich aber sehr, wie da über Weihnachten geredet und geschrieben wird. Der Kern des Festes ist ein anderer. Weihnachten ist das Fest der Liebe Gottes zu den Menschen und nicht der Liebe in einer Familie. Es spricht ja überhaupt nichts dagegen, die Liebe Gottes zu den Menschen in der Familie zu feiern. Aber es spricht etwas dagegen, darüber zu vergessen, dass es auch um eine Botschaft von Gerechtigkeit und von der Erlösung von Elend für alle geht.

Ist es dieses Gottvertrauen, das die Kirche in dieser Corona-Zeit vermitteln sollte? Oder ist es auch ein Zusammengehörigkeitsgefühl?

Werner: Es ist schwierig, Gottvertrauen zu vermitteln, es muss ja in den Einzelnen wachsen. Aber alle, die es spüren, sollten sehr laut davon reden, dass es uns wirklich tragen und helfen kann. Ich kenne niemanden, der nicht auch einmal zweifelt oder Fragen stellt. Aber das gehört ja dazu. Gottvertrauen ist ein Versuch, sich einen Reim auf dieses Leben zu machen – unter Einbeziehung einer Macht, die uns will und die für alle da ist. Aufgabe von Kirche ist es darum auch, an bestimmten Punkten zu sehen, dass sich dies bewährt. Dass zum Beispiel Beziehungen trotz Corona aufrechterhalten werden. Es ist auch unsere Aufgabe zu zeigen, dass Menschen in Not Hilfe benötigen. Den Hilfsorganisationen brechen zum Beispiel gerade die Spenden weg. Da weisen wir darauf hin, und helfen mit, über Corona die Nächsten- und Fernstenliebe nicht zu vergessen. Gottvertrauen und das Einstehen für unsere Werte gehören zusammen.

Auf die Gemeinden kommen auch unabhängig von Corona unruhige Zeiten zu. Bei der Synode waren auch Einsparungen ein Thema. Was steht uns bevor?

Werner: Das ist noch nicht entschieden. Wir wissen aber, dass die Bindung der Menschen an die Kirche in der Regel im sozialen Nahbereich gilt. Gemeinde funktioniert über Beziehungen. Das heißt, wir werden eine Menge dafür tun, in den Stadtteilen so präsent zu sein wie möglich und die Bindekraft der Gemeinden nicht kaputtzumachen, indem wir Großgemeinden bilden. Dennoch gibt es auch andere Kontaktorte für das Evangelium, die wesentlich und wichtig sind: zum Beispiel Krankenhausseelsorge, Schulpfarrstellen oder die Notfallseelsorge. Dies müssen wir austarieren. Wir wollen eine Kirche schaffen, die funktioniert. Dabei werden wir kleiner werden.

„Es stört mich sehr, wie über Weihnachten geredet wird.“

Dr. Ilka Werner, Superintendentin

Das gilt auch für die Zahl der Kirchengebäude?

Werner: Nicht an jedem Ort, an dem jetzt noch Gottesdienste stattfinden, wird dies in 10 oder 20 Jahren noch so sein. Wir wissen, was die Kirchen als Gebäude bedeuten – auch für Menschen, die nicht hineingehen. Hier wird es die Frage sein, ob andere Menschen die Kirchengebäude mitnutzen können, damit wir sie gemeinsam erhalten können.

Kleinere Kirche heißt auch weniger Pfarrerstellen. Wie ist die Nähe zu Menschen dann noch zu schaffen?

Werner: Mitgliederrückgang heißt nicht, dass es für die Pfarrer und Pfarrerinnen weniger Arbeit gibt. Aber wir können nicht zurück in eine Zeit, in der fast alle in der Kirche waren. Unsere Finanzkraft hat im Bezug zu den Personalkosten nachgelassen. Darauf müssen wir reagieren – auch wenn es schwer ist. Das System der Volkskirche, bei der überall ein Hauptamtlicher oder eine Hauptamtliche ist, wird es nicht mehr geben. Das bedeutet, dass die Gemeinden geistlich ein bisschen mehr erwachsen werden müssen oder können. Das birgt ja auch eine Chance. Als Kirche klein zu sein, ist nicht per se schlimm. Schmerzlich ist aber der Prozess des Kleinerwerdens. Der wird auch noch eine Generation andauern.

Sie verlieren vor allem bei der jüngeren Generation Mitglieder. Wie wollen Sie diese Menschen erreichen?

Werner: Darauf gibt es keine einfache Antwort. Es geht dabei vor allem um die Menschen zwischen der Konfirmation und Mitte zwanzig. Für die müssen wir so attraktiv und so bedeutend sein, dass wir zunächst einmal in Kontakt kommen, aus dem sich persönliche Religiosität entwickeln kann. Junge Menschen wollen Raum finden in ihrer Gemeinde – im praktischen wie im übertragenen Sinn. Sie wollen wahrgenommen und ernstgenommen werden. Die Frage ist, ob so viel Vertrauen, Zutrauen und Respekt in der Gemeinde da ist, dass die jungen Menschen ihre Wege gehen können. Auch da kommt es darauf an, dass Ansprechpartner auf Dauer da sind.

Es sind nicht gerade bequeme Wahrheiten, die Sie verkünden müssen. Wie schaffen Sie es, die Menschen mitzunehmen?

Werner: Reden, reden, reden. Wir haben den Prozess vor dreieinhalb Jahren mit einem Aufruf an die Gemeinden begonnen. Sie sollten schauen, wo sie Dinge gemeinsam machen können. Auch sollten sie vermeiden, dass benachbarte Gemeinden die gleichen Schwerpunkte – zum Beispiel bei der musikalischen Arbeit oder im Sozialdienst – aufgeben. Bei bestimmten Sachen müssen wir auch überlegen, wo wir mit weniger noch präsent sein können. Für eine Kantorei fahren die Menschen zum Beispiel quer durch die Stadt, für einen Krabbelgottesdienst nicht. Ich hätte gerne in diesem Jahr zwei große Synoden mit Menschen aus den Gemeinden und aus der Stadt zu diesem Thema gehabt, bei denen wir Ideen entwickeln könnten. Das war aber leider wegen Corona nicht in dieser Form möglich.

Die Kirche muss sich folglich ein Stück weit neu erfinden. Was zeichnet die moderne Kirche aus? Nur der seelsorgerische Aspekt oder muss sie sich vielleicht auch mehr als bisher politisch einmischen?

Werner: Ein ganz starker Punkt ist Seelsorge und gottesdienstliche Arbeit. Dort sollte Kirche erlebbar sein – in der Gottesdienstfeier und im Miteinander. Wichtig ist auch, dass Kirche in der Gesellschaft eine Art Lobbyistin für das Evangelium ist – für die Botschaft: Da ist ein Gott, der dich will und der dich trägt. Und als diese Lobbyistin muss sie mehr als bisher im Team spielen. Wir müssen schauen, dass wir für Dinge, die uns wichtig sind, auch Verbündete in dieser Gesellschaft finden. Das können säkulare Verbündete sein. Ich trete aber auch für einen Dialog der Religionen ein. Alle Religionen haben eine starke Friedensbotschaft. Uns verbindet auch die Frage, wie wir die Texte unserer heiligen Bücher in die heutige Zeit übertragen. Dieses Hinterfragen kann der ganzen Gesellschaft guttun.

Zur Person

Privat: Dr. Ilka Werner ist 56 Jahre alt und verheiratet.

Beruf: Seit Anfang 2013 ist Werner Superintendentin des Evangelischen Kirchenkreises Solingen. In diesem Amt hat die Kreissynode sie Mitte November für weitere vier Jahre im Amt bestätigt. Werner ist Vorsitzende des Ständigen Theologischen Ausschusses der Evangelischen Kirche im Rheinland. Vor ihrer Zeit in Solingen war sie 14 Jahre lang Pfarrerin im Neusser Berufskolleg für Technik und Informatik.

Ehrenamt: Dr. Ilka Werner engagiert sich unter anderem im Vorstand des Vereins Bildungs- und Gedenkstätte Max-Leven-Zentrum Solingen.

Mit großen Schritten bereitet sich der Verein Max-Leven-Zentrum Solingen auf die Gründung einer Bildungs- und Gedenkstätte vor. Sie soll im Neubau der Stadt-Sparkasse Solingen am Neumarkt entstehen.

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