Schulen machen gute Erfahrungen

Studenten springen an Grundschulen ein

Ben Busch studiert noch und unterrichtet gleichzeitig an seiner alten Grundschule Meigen.
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Ben Busch studiert noch und unterrichtet gleichzeitig an seiner alten Grundschule Meigen.

65 Vertretungslehrkräfte helfen aktuell, die Unterrichtsversorgung zu sichern.

Von Anja Kriskofski

Solingen. Seit Mai unterrichtet Ben Busch an der Grundschule Meigen. Der 23-Jährige lehrt das Fach Kunst, gibt Schwimmunterricht und macht Hausaufgabenbetreuung. „Das ist eine supergute Erfahrung“, sagt Busch. Denn der junge Solinger ist kein fertig ausgebildeter Lehrer, sondern Vertretungslehrkraft. Busch studiert noch und macht erst im kommenden Jahr seinen Bachelor. Studierende wie er springen ein, weil vor allem im Primarbereich Lehrerinnen und Lehrer fehlen. 65 Vertretungslehrkräfte arbeiten derzeit an den Solinger Grundschulen, erklärt Marion Vogel, Abteilungsleiterin im Schulamt. „Rundweg machen die Schulen gute Erfahrungen mit dem Einsatz der Studierenden, wenn der Anteil im Vergleich zum ausgebildeten Stammpersonal nicht zu groß wird.“

Das bestätigt Petra Ehrenfeld, Rektorin der Grundschule Meigen, die Ben Busch eingestellt hat. „Die Studierenden sind wirklich engagiert“, lobt sie. „Uns ist es lieb, jemanden zu haben, der zwar noch nicht fertig ist, aber als Lehramtsstudent viele Vorkenntnisse mitbringt.“ Ihre Schule habe noch nie schlechte Erfahrungen gemacht. Aktuell arbeiteten neben Ben Busch zwei weitere Vertretungskräfte in Meigen, weil es einen hohen Krankenstand gebe.

Der Bedarf an Vertretungslehrkräften sei seit Jahren hoch, berichtet Marion Vogel. „Der Anteil der Studierenden, die Vertretungen übernehmen, entsprechend auch.“ Auch andere können sich bewerben. Die Bewerbungen erfolgen direkt bei den Schulen, deren Leitungen die Vertretungskräfte auswählen. „Je weiter die Studierenden mit ihrem Studium sind, desto verantwortlichere Tätigkeiten können sie übernehmen.“

Ben Busch unterrichtet zwölf Wochenstunden an der Grundschule Meigen: An drei Tagen ist er dort, an drei Tagen hat er Lehrveranstaltungen an der Bergischen Universität, wo er Lehramt für Gymnasium und Gesamtschule (Fächer Sport und Germanistik) studiert. „Ein Praxissemester hat man erst im Masterstudium. Das war mir zu spät. Ich wollte für mich beantworten, wie der Arbeitsalltag wirklich ist.“ Also habe er sich auf eine Vertretungsstelle an seiner alten Grundschule beworben.

Lehrkräfte betonen, dass eine enge Begleitung notwendig sei

Dass der Lehrerberuf die richtige Wahl ist, habe sich für ihn schon jetzt bestätigt. „Die Kleinen geben einem unheimlich viel. Man bekommt ein direktes, superehrliches Feedback.“ Er habe einige Zeit gebraucht, um anzukommen. Am ersten Tag hat er eine Lehrerin begleitet, am zweiten die erste eigene Stunde gehalten.

Die Zusammenarbeit mit den Lehrkräften sei sehr kollegial. „Mit wird viel Vertrauen geschenkt. Und sobald ich Hilfe brauche, bekomme ich die.“ Ohnehin gebe es viele Absprachen. „Wenn ich Comics im Kunstunterricht mache, bietet es sich an, das mit der Deutschlehrerin abzusprechen.“ Auch Petra Ehrenfeld und Marion Vogel betonen die Notwendigkeit einer Begleitung durch das Kollegium. „Das Team muss funktionieren“, sagt die Meigener Rektorin. Darauf verweist auch Jens Merten, Vorsitzender des Solinger Verbands Bildung und Erziehung (VBE). „Es braucht eine enge Begleitung, damit die Vertretungskräfte nicht überfordert werden. Aber das kostet Ressourcen und belastet die Kollegien.“ Kritisch sieht Merten den Einsatz in den Hauptfächern Deutsch und Mathematik.

Dirk Bortmann von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft gibt zu bedenken, dass manche Vertretungslehrkräfte ein so großes Stundendeputat hätten, dass sie das Studium nicht zu Ende bringen könnten.

Und wie reagieren die Eltern auf den Einsatz von Vertretungslehrkräften? „Die meisten wissen, dass es eine große Mangelsituation an den Grundschulen gibt“, sagt Petra Ehrenfeld. Für die Kinder sei vor allem Kontinuität wichtig. Und einiges klappt bei Ben Busch vielleicht besonders gut: „Ich habe das Gefühl, dass ich bei manchen Jungen besser durchdringe als die Kolleginnen.“ | Standpunkt

Stellenausschreibungen für den Schuldienst

Auf dem NRW-Portal „Verena“ sind befristete Stellen im Schuldienst ausgeschrieben. Bewerber können sich auf die ausgeschriebenen Stellen direkt an den Schulen, auch an weiterführenden, bewerben. Diese richten sich unter anderem an Studierende, Pensionäre, aber auch an Hochschulabsolventen ohne lehramtsbezogenen Abschluss und Personen mit abgeschlossener Berufsausbildung ohne Lehramtsbefähigung, „die für den Schuldienst geeignet sind“.

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Standpunkt von Anja Kriskofski: Mangel beheben

anja.kriskofski@solinger-tageblatt.de

Allein an den Solinger Grundschulen sind aktuell 65 Vertretungslehrkräfte im Einsatz. Umgerechnet macht das im Schnitt drei pro Grundschule. Studierende wie Ben Busch sind dabei ein Glücksfall für Kollegien, Kinder und Eltern. Sie sind zwar keine fertig ausgebildeten Lehrer, haben aber pädagogische Kenntnisse. Eine solche Vertretungslehrkraft, die über einen begrenzten Zeitraum eine Klasse unterrichtet und Kontinuität schafft, ist besser, als Unterrichtsstunden, in denen mal die eine, mal die andere Lehrerin einspringt.

Und für die Studierenden selbst ist der Sprung ins kalte Wasser eine optimale Vorbereitung aufs Berufsleben. Dennoch: Vertretungslehrkräfte sind nur die zweitbeste Lösung. Es braucht dringend mehr Grundschullehrerinnen und -lehrer. Die Herausforderungen durch Coronafolgen, den Zuzug Geflüchteter und volle Klassen steigen. Pädagogen im Primarbereich müssen endlich so bezahlt werden wie ihre Kollegen an anderen Schulformen. Sonst wird sich der Lehrermangel an den Grundschulen nicht beheben lassen.

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