Stimme gegen Rassismus wird 80 Jahre alt

Am Mahnmal für die Opfer des Brandanschlags 1993 blickt Norbert Schmelzer auf Erfolge und Misserfolge der Integration.
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Am Mahnmal für die Opfer des Brandanschlags 1993 blickt Norbert Schmelzer auf Erfolge und Misserfolge der Integration.

Norbert Schmelzer ist eine wichtige und laute Figur, die Respekt und Toleranz fordert.

Von Philipp Müller

Solingen. Norbert Schmelzer steht an der Mildred-Scheel-Schule am Mahnmal für die Opfer des Brandanschlags 1993 in Solingen. Er erinnert sich: „Damals haben wir am ersten Jahrestag des Brandschlags die ersten fünf Ringe mit den Namen der Opfer von der Unteren Werner Straße zum Platz des Mahnmals gebracht.“ Er hatte mit 3000 Teilnehmenden gerechnet, es wurden 10 000. Am Sonntag wird Norbert Schmelzer 80 Jahre alt. Er war lange der Sprecher des Bündnisses für Toleranz und Zivilcourage und ist heute noch Vorstand von S.O.S. Rassismus.

Auf einer Parkbank in der Nähe des Mahnmals blickt Norbert Schmelzer auf die Vergangenheit zurück und auch in die Zukunft. Denn die Arbeit in Sachen Anti-Rassismus ist mit der Aufgabe des Sprecherpostens im Bündnis ihn noch nicht erledigt. Bei der Verabschiedung hatte Oberbürgermeister Tim Kurzbach (SPD) Schmelzer als wichtige Person und Stimme der Stadtgesellschaft im Kampf gegen den Rassismus gewürdigt.

Alles begann für Schmelzer, der in der Stahlbranche als Manager arbeitete, in den ersten Tagen nach dem Brandanschlag am frühen Morgen des 29. Mai 1993. „Viele haben gesagt: Jetzt müssen wir etwas tun.“ In der Bundesrepublik habe sich damals eine rechtsextreme Stimmung mit vielen Anschlägen etabliert. Schmelzer ließ es nicht bei Worten. Auch auf seine Initiative hin gründete sich S.O.S. Rassismus. Mit Geld von der Stadt wurde die Arbeit aufgenommen.

Überhaupt habe es damals viele Initiativen gegeben und auch Geld. Doch heute sagt er, dass es oft Aktionismus gegeben habe, dem es an der Nachhaltigkeit bis heute fehlt. Beim Bündnis, im Jahr 2000 auch auf Initiative des damaligen Oberbürgermeisters Franz Haug (CDU) ins Leben gerufen, sei das anders. Bis heute ist es aktiv. Das Bündnis verleiht einmal im Jahr den „Silbernen Schuh“ als Anerkennung für Menschen aus der Solinger Bürgerschaft, die sich aktiv um den Kampf gegen Rassismus und für die Integration einsetzen. Außerdem seien einige Aufgaben, die früher S.O.S. Rassismus erledigte, bestens im Bündnis aufgehoben, betont Schmelzer.

Das Thema Integration ist ihm wichtig. Aber er betont in diesem Zusammenhang, dass viele ein Missverständnis hätten. Integration bedeutet für Schmelzer nicht Assimilation als Form eines Deutschwerdens nebst Aufgabe der eigenen Wurzeln. Integration gelingt aus seiner Sicht dann, wenn die Menschen in Deutschland und Solingen ankommen, sich hier wohlfühlen und die Werte unserer Gesellschaft respektieren. Deshalb sei für ihn auch die Familie Genç, aus deren Mitte die Opfer des Brandanschlags stammen und mit der er gut befreundet sei, voll integriert. Das gelte auch trotz der Tatsache, dass die älteren Familienmitglieder nicht gut Deutsch sprechen. Denn Integration sei keine Einbahnstraße. „Es gilt eben auch, dass man respektieren muss, wenn Migranten ihre kulturellen Wurzeln pflegen.“ Das sei wichtiger Bestandteil einer guten Integration.

Das alles ist ein langer Weg. Der findet laut Schmelzer vor allem in den Köpfen statt. Daher sei es auch so wichtig, die Erinnerungskultur an den Brandanschlag hochzuhalten. Im kommenden Jahr jährt sich der rechtsextreme Anschlag zum 30. Mal. Auch wenn er oft darüber resigniert oder ernüchtert ist, was alles nicht gelingt, so dürfe man nicht aufhören. „Die vielen kleinen Schritte des Erinnerns sind ganz wichtig. Wir müssen gedenken, um eine bessere, tolerantere Zukunft zu bauen.“

Plötzlich kommt ein junger Mann an der Parkbank vorbei. „Deutschland ist ein gutes Land. In meinem würde ich erschossen“, ruft er laut und mimt eine Situation mit einem Gewehr, das auf Menschen am Boden schießt. Woher er komme, will Schmelzer wissen. „Syrien.“ Schmelzer weiß, wo hier die Arbeit wartet. Migranten aus dem Nahen und Mittleren Osten bringen antisemitische und rassistische Grundauffassungen mit. Da gilt es für ihn, dass dabei die ganze Gesellschaft anzusetzen hat. Auf die Frage, was er der Solinger Stadtgesellschaft zu seinem 80. Geburtstag gerne mit auf den Weg geben möchte, antwortet er: „Es geht um Respekt gegenüber unseren Mitmenschen – egal, welcher Hautfarbe oder Herkunft.“

Gedenken

Auf Initiative von Norbert Schmelzer geht nicht nur viel in Sachen Gedenken des Brandanschlags aus dem Jahr 1993 zurück. Jährlich organisiert er mit S.O.S. Rassismus den Gedenktag an die Verschleppung Solinger Sinti und Roma nach Auschwitz am 3. März 1943. Diesen KZ-Opfern zu Ehren organisiert er auch jeweils ein Konzert mit Gipsy-Jazz, zudem Weltgrößen der Szene auftreten. „Stochelo Rosenberg spielt nicht nur in der Carnegie Hall in New York, er spielt auch gerne in Solingen“, ist Schmelzer stolz.

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