Podiumsdiskussion

Sterbehilfe ist kein Tabuthema mehr

Nahmen im Podiumsgespräch in der Stadtkirche zur aktuellen Debatte um selbstbestimmtes Sterben Stellung (v. l.): Dr. Ilka Werner, Dr. Ulrich Giesen, Pfarrer Thomas Förster als Moderator sowie Bestatter David Roth. Foto: Tim Oelbermann
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Nahmen im Podiumsgespräch in der Stadtkirche zur aktuellen Debatte um selbstbestimmtes Sterben Stellung (v. l.): Dr. Ilka Werner, Dr. Ulrich Giesen, Pfarrer Thomas Förster als Moderator sowie Bestatter David Roth.

Podiumsdiskussion in der Stadtkirche thematisiert assistierten Suizid.

Von Jutta Schreiber-Lenz

Solingen. Bei der Frage, ob ein Mensch einem anderen helfen solle, sich das Leben zu nehmen, stehe das Stichwort „Barmherzigkeit“ über allem anderen, sagte Dr. Ilka Werner, Superintendentin des Evangelischen Kirchenkreises Solingen. Als eine von drei Partnern der von Pfarrer Thomas Förster geleiteten Podiumsdiskussion in der Stadtkirche näherte sie sich dem Thema „Zum Sterben helfen“ sensibel, offen und reflektiert. Sie mache einen Unterschied, ob es darum gehe, einem sterbenskranken Menschen, der sichtbar leide, letzte Qualen zu ersparen oder ob ein beispielsweise depressiver jüngerer Mensch den Tod als für sich ultimativ und buchstäblich letzten Ausweg sehe. „Leben an sich ist kein Gott. Und eine Kirche als Institution, die antritt, um Menschen beim Leben zu helfen, muss jeweils sehr genau hinschauen.“

Eine Haltung, die die Diskussionsmitstreiter – der stellvertretende ärztliche Direktor der St. Lukas Klinik, Palliativ- und Notfallmediziner Dr. Ulrich Giesen, sowie Bestatter David Roth – größtenteils unterstrichen und mit weiteren Aspekten anreicherten.

Das Podiumsgespräch zur Debatte um selbstbestimmtes Sterben, mögliche Auswirkungen auf die Medizin, die Kirchen und die ganze Gesellschaft fand in der Veranstaltungsreihe „Leben (an)nehmen“ statt, die noch bis zum 14. November läuft.

Der Evangelische Kirchenkreis möchte das schwierige Thema enttabuisieren und einen Beitrag zur Suizidprävention leisten. Auch als Arzt gehe es ihm immer darum, Sterben ins Leben zu integrieren und alles zu tun, um todkranken Menschen diese Phase zu erleichtern, sagte Dr. Ulrich Giesen, der beispielsweise auf die Möglichkeit tiefer Sedierung verwies.

Der Wunsch nach Hilfe zum Sterben sollte respektiert werden

„Ich habe schon öfter zum Beispiel einen 24-Stunden-Tiefschlaf ermöglicht, nach dessen Ende sich 50 Prozent der Menschen, die zuvor nach der ,letzten Spritze‘ gefragt hatten, sich körperlich und seelisch so gestärkt fühlten, dass sie ihre restliche Zeit doch lieber erleben wollten“, sagte er.

„Wenn aber der Wunsch nach Hilfe zum Sterben bleibt, sollte auch der akzeptiert und bedient werden.“ Allerdings, so machte er nachdrücklich deutlich, habe er für sich persönlich entschieden, niemanden aktiv in den Tod zu schicken. „Auch wenn das nach dem jüngsten Gerichtsurteil juristisch kein Problem mehr ist – und der Wille des Menschen mit seiner Todesentscheidung Ärzte aus der zuvor oftmals bestehenden mentalen Zwickmühle befreit –, so bleibt es dennoch für den Ausführenden eine individuelle Belastung, die er tragen kann und will – oder eben nicht.“

Bestatter David Roth begleitet Menschen, die ihren Suizid planen – und damit auch die Beerdigung geklärt haben möchten. „Unendlich berührende Situationen, in denen ich die Menschen in ihrem –gut bedachten – Wunsch respektiere“, sagt er, der die Legalisierung von Sterbehilfe insofern begrüßt, weil sie möglicherweise Menschen vor den oft in der Handlung grausamen und das Umfeld extrem belastenden Selbsttötungen bewahren könnten.

An dieser Stelle gab Dr. Ilka Werner zu bedenken, dass Suizid nie nur eine individuelle Angelegenheit sei. „Es betrifft immer auch andere: den ausführenden Arzt, die begleitende Seelsorge, die Familie oder die Freunde.“

Ausstellung

Die Ausstellung „Suizid – keine Trauer wie jede andere“ wird von vielen Veranstaltungen begleitet. Drei Wochen lang ist die Schau in der Stadtkirche in Mitte zu den üblichen Öffnungszeiten sowie nach Vereinbarung zu sehen. Der Selbsthilfeverein Agus hat auf 23 Tafeln Informationen sowie Reaktionen von Angehörigen zusammengetragen. Die Ausstellung hat noch bis 14. November geöffnet.
www.klingenkirche.de

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