Ohligs

Startschuss für Stauraumkanal fällt im Herbst

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An der Tunnelstraße soll ein Transportsammler entstehen, um die Wasserqualität des Lochbachs zu verbessern – Projekt ist aus Umweltschutzgründen umstritten.

Von Kristin Dowe

Ohligs Was tun, wenn ausgerechnet im Interesse des Umweltschutzes der Umwelt gleichzeitig in einem gewissen Maße Schaden zugefügt werden muss? Dies ist die wesentliche Frage, die sich die Stadt im Zuge des Baus eines Transportsammlers an der Tunnelstraße in Ohligs stellen muss. Entsprechende Planungen für das Projekt laufen bereits seit Jahren, im Spätherbst dieses Jahres soll nun der Startschuss für den Bau der Startbaugrube im Kreuzungsbereich Wahnenkamp fallen. Dafür sollen dann die dort vorhandenen drei Bäume sowie weitere 35 Bäume im westlichen Abschnitt des Geländes gefällt werden, so dass insgesamt 38 Bäume für das Vorhaben weichen müssten.

„Gewässerschutz ist Grundvoraussetzung für intakte Ökosysteme.“
Stadtdirektor Hartmut Hoferichter

Die geplanten Rodungen sind nur einer von mehreren Kritikpunkten, die eine Bürgerinitiative als Argumente gegen das Projekt anführt. Deren Einwände seien durchaus „gerechtfertigt und nachvollziehbar“, räumt Stadtdirektor Hartmut Hoferichter (parteilos) ein, der für das ST die verschiedenen Planungsvarianten näher erläutert hat. „Im Ergebnis geht es um die Abwägung zweier gleichberechtigter Umweltbelange, die nur im Kompromiss gelöst werden können“, ist Solingens Planungsdezernent überzeugt.

Dabei sind sich Planer und Kritiker in dem höheren Ziel des Projekts durchaus einig: Die Gewässerqualität des Lochbachs soll verbessert werden. Denn die vier Regenüberläufe, die sich heute im Bereich der Tunnelstraße und der Deusberger Straße befinden, entsprechen nicht mehr dem aktuellen Stand der Technik. Bei großen Niederschlagsmengen führt dies dazu, dass große Mengen Schmutzwasser mitsamt Fäkalien und Hygieneartikeln in den Lochbach abgeleitet werden. Dies zu ändern ist für die Stadt nicht nur ein ideelles Ziel, sondern gesetzliche Pflicht, macht Hoferichter deutlich: „Neben den nationalen Rechtsvorschriften wie dem Wasserhaushaltsgesetz und dem Landeswassergesetz NRW fordert insbesondere die Europäische Wasserrahmenrichtlinie den ökologisch und chemisch guten Zustand aller Gewässer bis spätestens zum Jahr 2027.“ Gewässerschutz sei außerdem Voraussetzung für intakte Ökosysteme. Konkret sind drei Planungsvarianten im Gespräch:

Variante 1:

Als nicht zweckmäßig stufen die Planer den Weg ein, die vier vorhandenen Mischwasserentlastungsbauwerke zu sanieren, da dies die Sauberkeit des Lochbachs zum einen nicht verbessern würde und zum anderen laut Hoferichter auch nicht genehmigungsfähig wäre. „Das liegt daran, dass diese einfachste Form eines Entlastungsbauwerks kein Speichervolumen für Abwasser besitzt.“ Die Schmutzfracht könne somit selbst bei kleinen Regenereignissen nicht zurückgehalten werden und lande wiederum im Lochbach.

Variante 2

Um dieses Problem zu lösen, müssten an jedem der vier Standorte unterirdische Betonbecken mit hohem Fassungsvermögen gebaut werden. Zusätzlich wären noch „offene Erdbecken zuzuschalten“, so Hoferichter, um den Regen zurückzuhalten und Kleinstlebewesen im Lochbach möglichst wenig zu belasten. Der Nachteil: Das Volumen dieser Becken würde ein Vielfaches der Betonbecken betragen, was enormen Landschaftsverbrauch nach sich ziehen würde. „Dazu hätten wir kaum genügend Platz“, befürchtet Hoferichter.

Variante 3

Schließlich wurde der Bau einer zentralen Regenbeckenanlage untersucht. Ein Vorteil dabei wäre die unmittelbare Nähe zu einem Hochwasserrückhaltebecken an der Kasparstraße, das ein hohes Fassungsvermögen besitzt und sowieso schon vorhanden ist. Der Bau von zusätzlichen Regenrückhaltebecken wäre somit nicht notwendig. Doch würde auch diese reduzierte Lösung laut Hoferichter noch mindestens eine Fläche von 1500 Quadratmetern dauerhaft und 1000 Quadratmeter während der Bauphase beanspruchen. Schlussendlich biete der Bau eines Stauraumkanals durch unterirdischen Rohrvortrieb die beste Kompromisslösung zwischen Gewässer- und Landschaftsschutz. Eventuell könnten elf Bäume zwischen der Mittelstraße und der Zufahrt zum Hochwasserrückhaltebecken erhalten werden, indem man die Rohrvortriebsstrecke im Austausch gegen eine offene Bauweise verkürze, heißt es. Dazu müssten aber Leitungen entlang der Tunnelstraße verlegt und diese deshalb länger voll gesperrt werden. Die Bauzeit werde sich um etwa ein Jahr verlängern und die Kosten von 5,9 Millionen Euro um weitere 1,65 Millionen Euro erhöhen.

Die Bürgerinitiative steht dem Projekt nicht nur wegen der geplanten Baumfällungen skeptisch gegenüber. Sie befürchtet einen massiven Eingriff in die dort beheimatete Tier- und Pflanzenwelt sowie negative Auswirkungen für den Klimaschutz – insbesondere im Zuge der zahlreichen weiteren Bauprojekte in Ohligs, erläutert Mitstreiterin Sabine Vogel: „Wir gehen mit der Stadt d’accord, dass das Gewässer des Lochbachs saniert werden muss. Aber wir möchten, dass mögliche Alternativen sorgfältig geprüft werden.“ Ein digitales Treffen zwischen Planern und Mitgliedern der Bürgerinitiative ist für Februar geplant.

https://rettet-das-biotop-tunnelstrasse.de/

Kommentar von Kristin Dowe

kristin.dowe@solinger-tageblatt.de

Eine einfache Lösung gibt es auf dem Weg, das Wasser des Lochbachs sauber zu bekommen, nicht – so viel steht außer Frage. Schwarz-weiß-Denken ist deshalb fehl am Platz. Der Bau des Stauraumkanals in Ohligs zeigt lehrbuchhaft, welch ein schwieriges Geschäft Umweltschutz sein kann, wenn für das Erreichen eines ökologischen Ziels andere gravierende Eingriffe in die Natur notwendig werden. Beide Seiten haben gute Argumente, die sorgfältig gegeneinander abgewogen werden müssen. Gleichzeitig bildet sauberes Gewässer die Grundlage für Klimaschutz. Am Ende dieses Prozesses kann nur ein Kompromiss stehen.

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