Gaskrise

Stadtwerke wollen bis 2035 klimaneutral arbeiten

Die Stadtwerke Solingen (SWS) wollen angesichts der aktuellen Gaskrise „jede Entwicklungschance am Markt nutzen“. Dazu gehöre, künftig zum Beispiel in den Vertrieb von Produktpaketen mit Photovoltaik-Anlagen oder Wallboxen für Elektroautos einzusteigen.
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Die Stadtwerke Solingen (SWS) wollen angesichts der aktuellen Gaskrise „jede Entwicklungschance am Markt nutzen“. Dazu gehöre, künftig zum Beispiel in den Vertrieb von Produktpaketen mit Photovoltaik-Anlagen oder Wallboxen für Elektroautos einzusteigen.

Das geplante Jahresergebnis wird wohl erreicht, Preiserhöhungen für 2022 sind aber nicht ausgeschlossen.

Von Björn Boch

Solingen. Die Solinger Stadtwerke (SWS) ändern angesichts der Gaskrise ihre Ausrichtung und wollen spätestens ab 2035 klimaneutral arbeiten. Das erklärt der Aufsichtsratsvorsitzende Carsten Voigt (CDU) im Gespräch mit unserer Redaktion. Er lobt außerdem das langfristige Beschaffungskonzept: „Da halte ich die Stadtwerke für sehr gut aufgestellt. Wir haben für 2022 alles und für 2023 mehr als 90 Prozent eingekauft und so eine stabile Basis, auf die höhere Preise am Markt erst nach und nach durchschlagen.“

Auf die Frage, ob in diesem Jahr noch Preiserhöhungen auf die Privatkunden zukommen, erklärt er: „Es wäre unredlich, wenn ich jetzt versprechen würde, dass das nicht passiert.“

Das alles gelte nur, wenn weiter Gas aus Russland fließe. „Wenn gar kein Gas mehr da ist, dann bekommen auch wir keines mehr. Falls das eintritt, ist das Krisenmanagement dann aber Sache von Bund und Land, da können wir höchstens noch unterstützen.“ Wie Stadt und Stadtwerke reagieren, sollte es zu Gasknappheit kommen, berät derzeit ein Krisenmanagement-Team der Stadtverwaltung und der SWS. Zu Details halten sich Pressestelle und Aufsichtsrat bedeckt, auch weil Regeln von Land, Bund und EU noch unklar seien. Voigt plädiert für einen pragmatischen Ansatz: „Nicht alle kriegen alles, aber niemand bekommt alles weggenommen.“

Wer einen Kamin hat, deckt sich derzeit mit Holz ein. Die SWS wollen bis 2035 weg von fossilen Brennstoffen und klimaneutral werden.

So oder so bereiten sich die Stadtwerke auf eine Zeit ohne Gas vor: „Wir brauchen das Ausstiegsszenario. Das dauert aber Jahrzehnte. Dennoch machen wir bereits mehr als 20 Prozent unseres Gesamtstromabsatzes mit erneuerbaren Energien aus hiesigen Windparks, da sind wir vergleichsweise gut aufgestellt.“ Als Unternehmen selbst wolle man bis 2035 klimaneutral arbeiten, mit allen Kooperationspartnern soll das bis 2045 erreicht werden.

Parallel arbeiten die SWS an den Geschäftsmodellen der Zukunft – aktuell wird das meiste Geld mit dem Weiterverkauf von Energie verdient. Das interne Projekt „Fokus“ soll zu wettbewerbsfähigeren Betriebsstrukturen führen. Darüber hinaus sei mit einem externen Gutachter ein „Transformationspotenzial“ – so heißt es im Gutachten – von rund 1,5 Millionen Euro festgelegt worden. Gemeint sind Einsparpotenziale in den kommenden Jahren. „Klar ist aber auch: Bei den Investitionen in erneuerbare Energien und den Nahverkehr ist das ein Tropfen auf den heißen Stein.“

Verbraucherzentrale gibt Tipps zum Energiesparen

Stadt muss Geld für den Ausbau der Verkehrssparte bereitstellen

Carsten Voigt ist seit März SWS-Aufsichtsratsvorsitzender.

Was den Ausbau des ÖPNV angehe, sei die Stadt in der Pflicht. Voigt: „Die Versorgungssparte hat über Jahre den ÖPNV mitfinanziert. Wenn wir den jetzt stark ausbauen wollen – was ich für richtig halte – muss auch Geld von der Stadt als Besteller kommen. Es kann ja nicht sein, dass der Versorger alles bezahlen muss.“ Finanziell werden die Stadtwerke trotz Krise im aktuellen Jahr ihr geplantes Ergebnis wohl erreichen. Im Bereich Verkehr stünden Förderungen vom Bund aus, die aber noch nicht spezifiziert seien. „Dann erst können wir das abschließend bewerten.“

Außerdem gibt es ein Schwerpunktprojekt für Wärme, Elektromobilität und Photovoltaik. „Wir wollen jede Entwicklungschance am Markt nutzen“, betont Voigt. Dazu gehöre auch, künftig zum Beispiel in den Vertrieb von Produktpaketen mit Photovoltaik-Anlagen oder Wallboxen für Elektroautos einzusteigen.

Jeder, der den Stadtwerken die Treue hält, tut etwas für die Umwelt.

Carsten Voigt, Vorsitzender des Aufsichtsrats

Für all das benötigen die Stadtwerke Geld, das sie auf einem Markt erwirtschaften müssen, der aus Sicht von Carsten Voigt zu Ungunsten der SWS organisiert ist. „Wir haben den Riesennachteil, dass wir als Grundversorger auch dann Gas liefern müssen, wenn die anderen es nicht mehr tun, weil sie damit Verluste machen. In guten Zeiten dürfen wir mitmachen, in schlechten müssen wir liefern.“ Teilweise habe die Bundespolitik hier nachgebessert, am Ziel sei man aber noch nicht.

Auch die Verbraucher sieht Voigt in der Verantwortung. „Eine Gesellschaft muss verstehen, dass man die Stadtwerke nicht wegen 100 Euro im Jahr verlässt, weil wir uns im Gegensatz zu Stromdiscountern nachhaltig um die Dinge kümmern. Jeder, der den Stadtwerken die Treue hält, tut etwas für die Umwelt.“

Aufsichtsrat

CDU-Politiker Carsten Voigt ist Ratsherr und Bürgermeister. Er wurde im März 2022 überraschend Nachfolger von Juliane Hilbricht (Grüne, heute Leiterin Stadtdienst Wohnen) als Aufsichtsratsvorsitzender der Stadtwerke. Eigentlich war für das Amt Hilbrichts Parteikollege Arne Vaeckenstedt vorgesehen. Voigt gewann aber die Abstimmung. Die Grünen sahen einen „Vertragsbruch“, die CDU widersprach.

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Standpunkt von Björn Boch: Der Druck ist groß

bjoern.boch@solinger-tageblatt.de

Es ist Krise, und das schlägt sich in der Arbeit der Stadtwerke natürlich nieder. Niemand weiß, wann wie viel Gas kommt – und wie lange noch. Und was es kostet, wenn es da ist.

Mit der Rettung des bislang kaum bekannten Gaszulieferers Uniper ist zwar vorerst ein Problem beseitigt. Doch auch das wird wohl zu höheren Preisen führen. Die Stadtwerke tun daher gut daran, „alles auf den Prüfstand zu stellen“, wie Carsten Voigt sagt. Dafür brauche es aber „Ruhe und Burgfrieden“.

Während es in manchen Aufsichtsräten ausreichen mag, hin und wieder auf die Zahlen zu schauen, stehen die SWS, die Stadt als Gesellschafterin und der Aufsichtsrat um seinen noch recht neuen Vorsitzenden derzeit in häufigem Kontakt. Der Druck in dieser Krise ist groß – Zusammenhalt schadet da sicher nicht. Wenn das Schlimmste überstanden ist, sollte sich der Aufsichtsrat aber wieder auf seine eigentlichen Funktionen besinnen: kontrollieren und Impulse von außen geben.

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