ST vor Ort - Die Stadtteilserie

Auf Spurensuche unterwegs in Merscheid

Stadtführer Friedhelm Funk (Mitte) erläuterte den Teilnehmern der Stadtführung das früheste belegte Kapitel Merscheider Geschichte: Im Jahr 1374 wurde der Merscheider Hof aktenkundig. Foto: Andreas Erdmann
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Stadtführer Friedhelm Funk (Mitte) erläuterte den Teilnehmern der Stadtführung das früheste belegte Kapitel Merscheider Geschichte: Im Jahr 1374 wurde der Merscheider Hof aktenkundig.

Stadtführer Friedhelm Funk stellt die historische Entwicklung des Stadtteils vor

Von Andreas Erdmann

Solingen. Die Fabrikantenvilla Hendrichs, ein prächtiges Doppelhaus neben der früheren Gesenkschmiede Hendrichs an der Merscheider Straße, ist ein typisches Beispiel für die einstige industrielle Größe der Stadt Merscheid. „Mit dem erwirtschafteten Reichtum von Fabrikanten wie den Gebrüdern Hendrichs erfuhr die Stadt enormen Aufschwung. Sie sorgten ab 1891 für den Ausbau von Straßen und brachten Kanalisation, Wasser- und Stromversorgung sowie das Telefon in den Ort“, erläuterte Stadtführer Friedhelm Funk auf seiner ersten Tour nach dem Corona-Lockdown vor wenigen Wochen.

Sie führte zu historisch bedeutsamen Orten von Merscheid: „Die Herrschaften lebten in dieser Villa in besten finanziellen Verhältnissen –ganz im Gegensatz zu ihrem Personal. Dieses hauste ärmlich unterm Dach und musste mit kärglichem Lohn für harte Arbeit und ohne Freizeit auskommen.“

Die Geschichte Merscheids reicht mindestens ins Jahr 1374 zurück, als der Merscheider Hof bei einer Erbteilung erstmals in einer Akte auftauchte. Später wurde die Hofschaft Dahl am Viehbach zu einem Zentrum. Größtes und markantestes Gebäude dort ist das Richterhaus. „1558 erbaut, diente es bis ins 18. Jahrhundert mehreren Richtern der Familie Kyllmann als Gerichtsgebäude.“ Im Inneren sind noch Teile der alten Richterbank erhalten – und vom Gefängnis ein Fenster mit schweren Eisengittern. „Auf der nebengelegenen Anhöhe stand ein Galgen.“

Auffällig auch das 1747 errichtete, an der Front mit Holzschindeln verkleidete Schöffenhaus Dahl 9. Das Gebäude Dahl 39 stand ab 1793 in der Dorper Hofschaft Schlicken, bis es 1993 einer Straßenverbreiterung wich und nach Dahl versetzt wurde. Darin wohnte bis 1852 der Klingenfabrikant Peter Knecht. „Knecht wollte seinerzeit das Trucksystem, das Arbeiter durch Waren entlohnte, gegen Geldzahlungen ersetzen, kam aber gegen die Unternehmerschaft nicht an.“

Im 17. Jahrhundert wird der Dahler Hammer erstes Wasserbetriebswerk am Viehbach. „Der Reckhammer für Raffinierstahl lag am unteren Ende der nach ihm benannten Hammerstraße, kurz vor der heutigen Stadtautobahn“, erklärte Funk vor Ort. Acht weitere wassergetriebene Anlagen folgten am Viehbach und 17 am Lochbach. 1808 bildeten die diversen Hofschaften unter Napoleon eine französische Mairie und 1815 –3000 Einwohner stark – eine preußische Bürgermeisterei. 1856 bekam Merscheid die Stadtrechte.

Mittlerweile hatte sich die industrielle Produktion mit Verbreitung der Dampfmaschine aus den Tälern zunehmend auf die Höhen verlagert. Am Eschenweg gründete sich die Firma C. Rob. Hammerstein für Schirmfurnituren. Andernorts folgten die chirurgische Instrumentenfabrik Carl Melcher, die elektrochemische Fabrik Friedrich Blasberg oder die Gesenkschmiede Hendrichs. Die Gebrüder Richartz waren Vorreiter für Taschenmesser und Dorko für Rasiermesser und Rasierklingen. Nach Eröffnung des Ohligser Bahnhofs 1867 konzentrierten sich immer mehr Ansiedlungen auf Ohligser Gebiet. „Kaum verlegte Merscheid sein Rathaus 1891 nach Ohligs, entschied der Stadtrat in seiner ersten Sitzung, die Stadt in Ohligs umzubenennen.“

1929 dann erfolgte die Vereinigung mit Gräfrath, Höhscheid, Solingen und Wald zur Großstadt Solingen. Die industrielle Blütezeit im Ort ist lange vorbei.

Ausgeprägt ist auch das kirchliche Gemeindeleben

Heute ist Merscheid vor allem für sein ausgeprägtes Vereinsleben bekannt. Neben Heimatverein, Männergesangverein und Frauensingkreis, Schützen- und Hundefreundeverein zählt der Merscheider Turnverein 1878 mit gut 1000 Mitgliedern zu Solingens größten Sportvereinen. „Und im Tanzclub Blau-Gold tanzen international bekannte Paare, deutsche Meister, Europameister und Teilnehmer an Weltmeisterschaften.“

Ausgeprägt ist auch das kirchliche Gemeindeleben. Neben der evangelischen Kirche an der Hofstraße und der katholischen Kirche an der Eifelstraße, einer Freikirche und der Adventgemeinde bietet die Missione Cattolica 6000 Solinger Italienern ein Zuhause.

Auf der Stadtführung erfuhr man auch, wie Merscheid zum „Fürstentum“ wurde: „Früher gab es hier den deutschlandweit als ,Scherenfürst‘ bekannten Scherenfabrikanten Altgeld. Als er einmal eine Postkarte von weither an den ,Scherenfürsten von Merscheid‘ adressierte und diese tatsächlich zugestellt wurde, stieg die Stadt zum ,Fürstentum‘ auf.“

Weitere Informationen zu Stadtführungen und kommende Termine gibt es online: www.stadtfuehrungen-solingen.de

Weitere Themen und Lesertelefon

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Themen der Woche: Diese Themen beschäftigen uns in der Merscheid-Woche unserer Stadtteilserie: Sportangebote beim MTV, „Alles in Bewegung“ im Industriemuseum, der „Pop-up“-Radweg Schwarze Pfähle und wie es dort weitergeht, die Neubaupläne der Feuerwehr und das Kulturzentrum Cobra.

Lesertelefon: Über Anregungen für weitere Merscheider Themen freut sich ST-Lokalchef Björn Boch. Er ist heute zwischen 13 und 14 Uhr unter Tel. 299-313 für Sie am Lesertelefon erreichbar. Uhrzeitunabhängig können Sie auch gerne eine E-Mail schreiben: bjoern.boch@ solinger-tageblatt.de.

Hier finden Sie alle Teile unserer Stadtteilserie: www.solinger-tageblatt.de/vor-ort.

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