Verbot

Stadt will Steingärten verhindern

Ein trister Steingarten in einem Neubaugebiet, wie ihn die Stadt ablehnt. Hier könnten Pflanzen blühen, die Bienen ein Überleben ermöglichen. Foto: Roland Keusch
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Ein trister Steingarten, der Naturschützern Sorge bereitet. Hier könnten stattdessen Pflanzen blühen, die Bienen ein Überleben ermöglichen.

Bebauungspläne und Informationsbroschüren sollen naturnähere Privatgrundstücke bringen

Solingen. Die an vielen Stellen bestehenden Steinvorgärten bereiten Naturschützern Sorgen. Die mit Schotter oder Kieseln und allenfalls vereinzelten Pflanzen gestalteten Flächen heizen sich im Sommer nicht nur stärker auf als grüne Beete. Sie bieten Tieren auch wenig günstigen Lebensraum. Darum will die Stadt in neuen Bebauungsplänen das Anlegen neuer Steingärten verhindern. Dies hält Enrique Pless, Vorsitzender des städtischen Naturschutzbeirates für wichtig. In dem Gremium, in dem unter anderem Naturschutzverbände vertreten sind, will er das Thema erneut auf die Tagesordnung setzen.

Im September hatte der Naturschutzbeirat ein einstimmiges Votum gegen Schottergärten abgegeben. Er forderte die Stadt dazu auf, künftige Bebauungspläne entsprechend so zu formulieren, dass die Steinflächen nicht mehr zugelassen sind. Dies hat der städtische Umweltausschuss – mit einer gewissen Abschwächung – aufgenommen. Er empfahl der Verwaltung, bei neuen Bebauungsplänen „auch von den Möglichkeiten Gebrauch zu machen, dass in den zukünftigen Bebauungsplänen im Einzelnen mit aufgenommen wird, dass Gartenflächen, insbesondere Vorgärten, nicht als Schotterflächen oder versiegelte Flächen anzulegen sind“. Ein striktes Verbot gibt es also nicht.

Stadt soll Mustergärten für Interessierte anlegen

Verbote allein seien auch nicht hilfreich, erklärt Pless. Die Stadt und Umweltschützer sollten nach seiner Meinung den privaten Grundstückseigentümern vielmehr zeigen, wie man es besser machen könne. Denkbar sei zum Beispiel, Mustergärten anzulegen, in denen Interessierte sich darüber informieren können, wie man naturnahe Flächen anlegen könne.

Pless hält das Mitwirken privater Grundstücksbesitzer für wichtig, denn: „Die Fläche aller Gärten ist so groß wie die aller Naturschutzgebiete. Da kann man viel bewegen.“ Darum sei es wichtig, dass der Naturschutzbeirat bei diesem Thema am Ball bleibe.

Auch die Technischen Betriebe (TBS) werben für möglichst naturnahe Gartenflächen – nicht nur in den Vorgärten. Wenn im Zuge von Baugenehmigungsverfahren ein persönlicher Kontakt zu Bauwilligen bestehe, werde zur insektenfreundlichen Pflanzung beraten, erklärt Rathaussprecherin Sabine Rische. Die TBS verteilen nach ihren Angaben auch ein Faltblatt an die Bauherren, das aufklären soll. Darin werden die Steingärten als ökologisch wertlos bezeichnet. Auch geben die TBS Tipps für pflegeleichte, aber naturnahe Flächen. Unter anderem wird geschildert, dass eine Kies- oder Schotterschicht mit einer dünnen Schicht Komposterde abgedeckt, „ein hervorragender Nährboden für die Aussaat einer artenreichen Blumenmischung“ werden könne.

Stadtdienst Natur und Umwelt nutzt jede Gelegenheit, um für Grünvolumen zu sensibilisieren

In vielen Fällen sind der Stadt die Hände gebunden. Rische betont: „Da es sich in der Regel um private Grundstücke handelt, sind Aufklärung und Beratung die Mittel der Wahl.“ Anders sehe es aus, wenn neue Bebauungspläne aufgestellt werden. Dabei würden klare Begrünungsvorgaben gemacht und auf diese Weise Schottergärten verhindert.

Im Rathaus nutze auch der Stadtdienst Natur und Umwelt „jede Gelegenheit, dafür zu sensibilisieren, wie wichtig Grünvolumen im urbanen Raum ist“, berichtet die Rathaussprecherin weiter. Dies geschehe zum Beispiel in politischen Gremien.

Sie spielt den Ball auch zurück in den Naturschutzbeirat. Rische schildert, dass die Umweltverwaltung das Thema auch dort „platziere“. Die Sprecherin erläutert: „Hier erreicht es zum Beispiel auch Vertreterinnen und Vertreter aus dem Gartenbau. Das ist ein wichtiger Baustein in der Aufklärung, denn die Fachunternehmen beraten die Bürgerinnen und Bürger.“

Pflegeaufwand

Kies- oder Schotterflächen werden oft angelegt, um möglichst wenig Arbeit mit der Pflege zu haben. Der Aufwand ist nach Einschätzung der Technischen Betriebe aber hoch. Formgehölze müssten geschnitten, organisches Material wie Pollen, Blüten, Samen und Blätter müssten eingesammelt werden, da sie sonst eine Humusschicht bilden. Weniger Aufwand habe der Gartenbesitzer mit einer naturnäheren Bepflanzung, die durch Bodendecker ergänzt werde.

Standpunkt: Überzeugungsarbeit

Kommentar von Andreas Tews

andreas.tews@ solinger-tageblatt.de

An kaum einer Frage der Gartengestaltung scheiden sich die Geister so, wie bei den Schotterbeeten, die in etlichen Vorgärten zu sehen sind. Dabei geht es längst nicht nur um Geschmacksfragen. Ginge es nur um gutes oder schlechtes Aussehen, wäre die Politik nicht gefragt. Anders verhält es sich aber, wenn der Arten- und Insektenschutz berührt wird. Hier wird am Beispiel der Steingärten deutlich, dass ästhetische Fragen schnell zu grundsätzlichen Debatten führen können. Hier geht es um die Frage, wie weit ich in meinem privaten Bereich bereit bin, Zugeständnisse für den Naturschutz zu machen. Genau darum muss es bei der politischen Arbeit gehen. Verbote können zwar etwas bewirken, sind aber längst nicht so nachhaltig wie Überzeugungsarbeit. Vor allem im privaten Bereich sollte die Stadt darauf setzen, dass die Menschen freiwillig mitziehen. Dies verspricht den größten Erfolg, weil die Bürger dann unter Umständen auch mehr tun als nur das, was unbedingt nötig ist. Bei den Steingärten muss die Kampagne der Technischen Betriebe darum verstärkt werden.

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