Mobilitätswende in Solingen

Stadt will Carsharing weiter ausbauen

Auf dem Parkplatz des Familienbades Vogelsang (oben) und am Halfenweiherplatz (unten) könnten Zonen für Carsharing entstehen. Ob sich das Konzept durchsetzt, ist noch unklar. Fotos: Christian Beier
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Auf dem Parkplatz des Familienbades Vogelsang könnten Zonen für Carsharing entstehen. Ob sich das Konzept durchsetzt, ist noch unklar.

Mobilitätsdienstleister Kinto strebt Zusammenarbeit mit Solinger Autohändlern an.

Von Kristin Dowe

Solingen. In der Theorie ist Carsharing auch in Solingen ein wichtiger Baustein für die Mobilitätswende – in der Praxis hat das Prinzip des kurzfristig entliehenen Autos noch ein wenig den Ruf eines Nischengeschäfts. Letzteres will die Stadt Solingen ändern und verfolgt das Ziel „Carsharing aktiv zu fördern und schrittweise auszuweiten“, berichtet Rathaussprecherin Sabine Rische. Denn so könne die Zahl privater Fahrzeuge reduziert und der dadurch freiwerdende Platz im öffentlichen Raum für andere Zwecke genutzt werden.

Am Anfang ist das kein profitables Geschäft.

Dirk Vos, Autohaus Lackmann

Neben den bereits in Solingen etablierten Angeboten ist die Stadt in Kooperation mit den Autohäusern Lackmann und Nouvertné im Gespräch mit dem Mobilitätsdienstleister Kinto, der in Solingen ein alternatives Carsharing-Modell auf den Markt bringen will. Weitere Händler sollen dabei künftig miteingebunden werden.

Während die vorhandenen Angebote wie „Stadtmobil“ stationsbasiert funktionieren – das heißt, ein telefonisch oder im Internet gebuchtes Fahrzeug muss nach der Nutzung am gleichen Standort wieder abgestellt werden – will Kinto mit einem „Floating System“ mehr Flexibilität schaffen. Die Buchung läuft digital und funktioniert ausschließlich über eine App, geparkt werden kann das Auto später aber innerhalb einer größeren, vom Unternehmen definierten Zone. Über die App wird das nächste freie Auto in einer Zone lokalisiert, die Funktion könne laut Kinto auch in die Solingen-App integriert werden.

Auch am Halfenweiherplatz ist eine Carsharing-Zone möglich.

Der von Kinto angedachte Preis: 20 Cent pro Minute. Diese Nutzungsgebühr gab eine Vertreterin des Unternehmens kürzlich im Ausschuss für Klimaschutz, Umwelt, Mobilität und Wohnungswesen als Orientierungsmarke an, wo die mögliche Zusammenarbeit vorgestellt wurde. „Das finde ich recht teuer“, merkt der Ausschussvorsitzende, Bürgermeister Thilo Schnor (Grüne) im Gespräch mit dem ST an und legt eine private Beispielrechnung vor: Bei „Stadtmobil“ habe er für die dreieinhalbstündige Nutzung eines Opel Corsa bei einer Strecke von 38 Kilometern 17,94 Euro zahlen müssen. Bei Kinto würde die gleiche Leistung mit 42 Euro zu Buche schlagen. Kosten für Reinigung und Versicherung sind bei dem neuen Modell enthalten.

Auch würde das Unternehmen keine eigenen Fahrzeuge bereitstellen, was die beteiligten Autohäuser übernehmen würden, sondern lediglich als digitale Plattform für die Buchung und Abwicklung zuständig sein. „Für mich gibt es da noch einige offene Fragen über die Ausgestaltung“, so Schnor. „Grundsätzlich braucht Car-sharing aber mehr Aufmerksamkeit. Deshalb finde ich es positiv, dass die Stadt in die Diskussion eingestiegen ist.“

Dirk Vos, Geschäftsführer des beteiligten Autohauses Lackmann, glaubt an das Modell: „Man braucht für den wirtschaftlichen Erfolg zwar einen langen Atem, aber der Trend wird sich langfristig durchsetzen. Am Anfang ist das kein profitables Geschäft. “ Positiv an dem Ansatz von Kinto sei der lokale Bezug durch die beteiligten Autohändler – „die kennen die Bedürfnisse der Solinger Bürger am besten“.

Voraussichtlich sechs Fahrzeuge – verteilt auf die beiden Autohäuser – sollen im Fall einer Zusammenarbeit an den Start gehen. Als mögliche Haltezonen wünscht sich das Autohaus Lackmann jeweils einen Parkplatz am Halfenweiherplatz und am Familienbad Vogelsang in Wald. Vos: „Car-sharing ist für uns eine Investition in die Zukunft, um Neues zu lernen.“

Hintergrund

In Solingen gibt es das Carsharing-Angebot von „Stadtmobil“ mit drei Fahrzeugen, seit 2016 hat das Angebot laut Rathaus auch im Zuge mangelnder Nachfrage kontinuierlich abgenommen. Das Autohaus Schönauen, das mit dem Anbieter Flinkster zusammenarbeitet, sieht zudem Konkurrenz für Carsharing durch die Verbreitung der E-Scooter.

Jeweils zwei Stellplätze für Carsharing gibt es an den Standorten Verwaltungsgebäude Bonner Straße, Rathaus (Parkplatz Potsdamer Straße), Gründer- und Technologiezentrum, Hauptbahnhof und Bahnhof Mitte.

Standpunkt: Ein spannender Markt

Kommentar von Kristin Dowe

kristin.dowe@ solinger-tageblatt.de

Zugegeben: Den großen Durchbruch haben die vorhandenen Carsharing-Angebote in Solingen noch nicht erlebt. Auch dürfte die Zahl der Menschen, die statt auf ein eigenes Fahrzeug regelmäßig auf einen Leihwagen setzen und damit die Verkehrssituation auf den Straßen spürbar entlasten, eher gering sein. Das sollte Akteure wie die Stadt und die beteiligten Autohändler aber keineswegs davon abhalten, diesen Weg der kleinen Schritte konsequent weiterzugehen. Denn die Mobilitätswende lässt sich nur mit mehreren Bausteinen bestreiten, Carsharing könnte da eine sinnvolle Ergänzung bilden. Was die Gespräche mit Kinto betrifft, wird über den Preis noch zu reden sein. Praktisch wäre der Ansatz aber für kurze Wege etwa zum Einkaufen, sofern das Fahrzeug später nicht zwingend am gleichen Stellplatz wieder geparkt werden muss. Damit Carsharing in Solingen Zukunft hat, müssen speziell auch Stationen in der Nähe von Wohngebieten geschaffen werden, damit das Angebot für potenzielle Nutzer attraktiv wird. Für alle Beteiligten ist dies ein spannender Markt, auf dem sich Experimentierfreude lohnen könnte. Der Lernprozess für alle Seiten hat hier gerade erst begonnen.

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