Beerdigung

Sozialbestattungen werden zum Problem

Bei Sozialbestattungen trägt die öffentliche Hand lediglich Kosten, die für die Bestattung unbedingt notwendig sind. Symbolfoto: Christian Beier
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Bei Sozialbestattungen trägt die öffentliche Hand lediglich Kosten, die für die Bestattung unbedingt notwendig sind. (Symbolfoto)

Viele Beerdigungsinstitute fürchten, auf Kosten sitzen zu bleiben.

Solingen. Er wollte seinen Kindern einen Gefallen tun. Nach dem Tod seiner Ex-Frau im März erklärte sich Dietmar Buchholz bereit, die Beerdigung zu organisieren. „Ich hätte nicht gedacht, dass das so schwierig wird“, gesteht er. Zu nahezu allen Solinger Bestattungsunternehmen nahm er laut eigenen Angaben Kontakt auf. Und erhielt eine Absage nach der anderen.

Der Reihe nach. Der Verstorbenen selbst war es nicht möglich, finanziell für den Todesfall vorzusorgen. Auch ihre drei Kinder können Buchholz zufolge die Kosten der Beisetzung nicht tragen. Also kontaktierte er von seinem Wohnort Weilerswist aus die Stadt Solingen, um eine Sozialbestattung in die Wege zu leiten.

Ich hätte nicht gedacht, dass das so schwierig wird.

Dietmar Buchholz über die Bestattung seiner Ex-Frau

Zudem meldete er sich bei Solinger Beerdigungsinstituten. Doch die lehnen Sozialbestattungen in den meisten Fällen ab, bestätigt Jan Luchtenberg von der Firma Adolf Fritz Bestattungen. Dort häuften sich im Herbst 2020 die Anrufe von Solinger Kollegen. Sie schilderten Luchtenbergs Vater Klaus, dem hiesigen Vorsitzenden des Bestatterverbandes, Probleme bei der Kostenübernahme durch das Sozialamt.

Luchtenberg zufolge sah das bisherige Verfahren so aus: Die bestattungspflichtige Person, etwa der Ehepartner, nahm nicht nur Kontakt zu einem Bestatter, sondern auch zum Sozialamt auf. Dort wurde geprüft, ob die Bedingungen für eine Sozialbestattung erfüllt sind. War dies der Fall, erhielt der Bestatter nach einiger Zeit sein Geld. Kürzungen waren die Ausnahme. Im vergangenen Jahr hat das Sozialamt das System umgestellt. „Wir wurden darüber nicht informiert“, sagt Jan Luchtenberg.

Stefan Grohé, der Leiter des Stadtdienstes Soziales, verteidigt das Vorgehen auf ST-Anfrage. Man habe das Verfahren an die benachbarten Städte angeglichen. Weiterhin trage die Verwaltung die Kosten für eine Beisetzung, wenn die bestattungspflichtige Person dazu nicht in der Lage ist. Vor der Kostenübernahme werde nun allerdings geprüft, ob die Bestattung von anderen Hinterbliebenen oder aus dem Erbe gezahlt werden kann. Immer wieder sei es in der Vergangenheit vorgekommen, dass Anträge für Sozialbestattungen trotz anderer Finanzierungsmöglichkeiten und -pflichten eingingen. „Wenn Hinterbliebene über ein ausreichendes Einkommen oder Vermögen verfügen oder ein entsprechender Nachlass vorhanden ist, kann nicht das Sozialamt für die Kosten aufkommen“, betont Grohé.

Das veränderte Vorgehen hat laut Jan Luchtenberg zweierlei Folgen. Zum einen warten die Bestatter länger auf ihr Geld. Zum anderen können sie sich nie sicher sein, ob sie die volle Summe erstattet bekommen. „Ist das nicht der Fall, müssen wir uns an unseren Auftraggeber wenden, dem aber nun mal die finanziellen Mittel fehlen. Das ist keine schöne Situation“, sagt Luchtenberg. Deshalb haben sich viele Solinger Bestatter inzwischen dagegen entschieden, Sozialbestattungen durchzuführen. „Wir sind uns dafür nicht zu fein“, betont Jan Luchtenberg. Ohnehin fällt für die Beerdigungsinstitute bei Sozialbestattungen deutlich weniger ab als bei normalen Beisetzungen. Das sei auch in Ordnung. Allerdings brauche es die Zusage, dass die vollen Kosten getragen werden – möglichst zeitnah.

Stefan Grohé entgegnet, dass sich in der Beratung von Hinterbliebenen früh kläre, ob die öffentliche Hand die Kosten einer Beisetzung trage. Die Bearbeitungsdauer der Anträge betrage im Schnitt drei Wochen. „Auch wenn die Prüfung länger dauert, können sich die Bestatter sicher auf die Zahlung durch das Sozialamt verlassen, falls ein Anspruch besteht. In Härtefällen kann die Kostenübernahme auch vorzeitig erklärt werden“, sagt der Fachdienstleiter.

Dennoch äußert Grohé Verständnis für die Situation der Bestatter. Niemand wolle auf seinen Kosten sitzen bleiben. Um eine gemeinsame Lösung zu finden, habe man zu einem Gespräch eingeladen. Das Ziel sei weiterhin, immer eine würdevolle Bestattung zu ermöglichen. Ein Termin im Januar, an dem Klaus und Jan Luchtenberg sowie Christian Jäger als Geschäftsführer des Bestatterverbandes NRW teilnahmen, blieb ohne Ergebnis. „Wir sind sehr daran interessiert, dass das Verfahren wieder so wie früher wird,“ sagt Jan Luchtenberg.

Noch bleiben offene Fragen. Darunter leiden diejenigen, die einen nahe stehenden Menschen verloren haben. So wie Dietmar Buchholz Familie. Er macht den Beerdigungsinstituten keine Vorwürfe: „Die müssen schließlich an ihr Geld kommen.“ Für den letzten Weg seiner Ex-Frau hat sich inzwischen eine Lösung gefunden. Ein Solinger Bestatter, der schon mehrere Familienmitglieder beerdigt hat, übernimmt die Beisetzung. Im April findet die Trauerfeier endlich statt. „Doch der Weg dahin war ziemlich unwürdig.“

Sozialbestattungen

Bei Sozialbestattungen werden die Kosten für eine „einfache und würdevolle“ Bestattung übernommen. Die öffentliche Hand kommt laut Angaben der Verwaltung lediglich für Posten auf, „die unmittelbar der Bestattung dienen beziehungsweise mit der Durchführung untrennbar verbunden und die aus religiösen Gründen unerlässlicher Bestandteil sind“. Die Gebühren für die Grabstätte auf einem der hiesigen Friedhöfe werden ebenfalls getragen. Keine Berücksichtigung finden dagegen Positionen wie Todesanzeigen, Danksagungen, Leichenschmaus oder Reisekosten. Im Durchschnitt fallen laut Stefan Grohé, dem Leiter des Stadtdienstes Soziales, zwischen 1900 und 4200 Euro für eine Sozialbestattung an. 2020 wurden in Solingen in 90 Fällen die Kosten übernommen, teilt er auf ST-Anfrage mit. Findet sich kein Bestatter für eine Sozialbestattung, kann das Ordnungsamt das Begräbnis in Auftrag geben. Für solche Fälle besteht eine Vereinbarung mit einem Solinger Beerdigungsinstitut. Der Bedarf dafür scheint zuzunehmen, stellt Stefan Grohé fest.

Wir geben eine Übersicht über wichtige Themen in der Vorsorge. Unter anderem, was nach einem Todesfall zu erledigen ist.

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