Verleihung des „Silbernen Schuhs“

Digital abgehaltene Demokratiekonferenz: Sorge um Politikmüdigkeit vieler Solinger

Die digital abgehaltene Demokratiekonferenz bot den ungewohnten Rahmen für die Verleihung des „Silbernen Schuhs“ durch Oberbürgermeister Tim Kurzbach (SPD,r.) an Inge Krämer. Foto: Christian Beier
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Die digital abgehaltene Demokratiekonferenz bot den ungewohnten Rahmen für die Verleihung des „Silbernen Schuhs“ durch Oberbürgermeister Tim Kurzbach (SPD,r.) an Inge Krämer.

Mit der Demokratie ist das so eine Sache. Zwar geht hierbei die Macht vom Volk aus, doch was ist, wenn die Bürger das hierzu zählende Angebot wie etwa freies Wählen gar nicht wahrnehmen?

Von Holger Hoeck

Solingen. Anlass zu einer entsprechenden Diskussion gab bei der Solinger Demokratiekonferenz eine Umfrage unter Solingern, die zuvor auf der Straße und per Internet stattgefunden hatte. Die brachte zutage, dass ein nicht unerheblicher Teil der Bürger wenig Lust hat, an Wahlen teilzunehmen. Die Befrager erhielten mitunter sogar resignierte Rückmeldungen. Dies war ein Aspekt bei der städtischen Demokratiekonferenz, die per Internet aus der Alten Maschinenhalle übertragen wurde. Die Organisation und Moderation oblag Michael Roden.

Zum Einstieg der zweieinhalbstündigen Veranstaltung diskutierte Sinja Waldmann vom Vorstand des Jugendstadtrats mit Dagmar Becker, städtische Beigeordnete für Jugend, Schule, Integration, Kultur und Sport, über die Wahlunlust vieler Menschen. Aus den Befragungen resümierte Becker: „Es muss deutlicher werden, dass die Parteien unterschiedliche Positionen vertreten und es daher sehr wichtig ist, die Grundlagen der Demokratie wahrzunehmen und wählen zu gehen, damit die Lebensbedingungen gut sind.“

Bevor die Themen Rassismus, Verschwörungserzählungen und Willkommenskultur in weiteren Interviews und Videoeinspielungen aufgegriffen wurden, lud Michael Roden die Zuschauer zur Teilnahme am Wettbewerb „Deine Idee für Solingen“ ein, bei dem Vorschläge für die Stadt eingereicht werden konnten. Neben Anregungen wie einer „Verbesserung der Innenstadt“ oder „bunten Bänken als Zeichen der Vielfalt Solingens“ setzte sich in einer Abstimmung schließlich das Ersuchen durch, mehr Grünflächen und Bäume sowie Sitzgelegenheiten und Begegnungsmöglichkeiten zu schaffen. Als Prämie darf der Ideengeber demnächst Oberbürgermeister Tim Kurzbach für mehrere Stunden während dessen Arbeit über die Schulter blicken.

Auch die wenigen Anwesenden vor Ort in der Maschinenhalle lauschten aufmerksam den Ausführungen von Rima Al-Baghdadi und Hanan El-Achi, die im Haus der Jugend im Arbeitskreis Antidiskriminierung mitwirken, zum Thema Rassismus. „Hierbei werden Menschen aufgrund bestimmter Merkmale unterdrückt und nur auf diese reduziert. Besonders schmerzhaft ist der unbewusste Rassismus, der im Alltag immer wieder stattfindet und psychische Verletzungen beim Betroffenen zur Normalität werden lässt“, erläutert El-Achi, die selbst häufig Rassismus durch Kommentare und vermeintliche Witze erlebt hat.

Preisträgerin Inge Krämer nimmt den „Silbernen Schuh“ entgegen

Oberbürgermeister Kurzbach, der sich zuvor in einem Gespräch mit den Moderatoren über seine politische Motivation, den Einsatz für seine Heimatstadt und auch die Flüchtlingsarbeit austauschte, verlieh schließlich den diesjährigen „Silbernen Schuh“, den Preis für besondere Zivilcourage, an die 84-jährige Inge Krämer. „Ich kenne Inge schon lange persönlich und bewundere sie für ihren Einsatz, über das zu berichten, was sie als junges Kind in den letzten Kriegsjahren brutal erlebt und gespürt hat.“ Im Kampf gegen Rechtsextremismus scheut sich Krämer nicht, über ihre Erfahrungen zu sprechen, und besucht daher Solinger Schulen, um dort den Heranwachsenden von damals zu erzählen. „Dabei ist Inge, wie sie ist: immer liebevoll und authentisch, aber nie belehrend und von oben herab.“

Bescheiden nahm die Ausgezeichnete die Würdigung entgegen. „Ich habe doch nichts anderes getan, als das, was ich tun muss. Information und Aufklärung hängen doch mit meiner Biografie und dem Kampf gegen Rassismus, Hass und Gewalt einfach zusammen.“

Hintergrund

Die Demokratiekonferenz geht auf eine gemeinsame Initiative der Stadt und des Diakonischen Werks zurück und fand in diesem Jahr zum neunten Mal statt – das zweite Mal digital. Die Konferenz richtet sich an alle Personen, die dazu beitragen möchten, Vielfalt, Demokratie und Toleranz in der Stadt zu stärken. Projektträger können Maßnahmen vorstellen; Gespräche laden zu Diskussionen ein. Auch die Verleihung des „Silbernen Schuhs“ ist darin eingebettet.

Standpunkt: Trägheit schadet

Von Andreas Tews

andreas.tews@solinger-tageblatt.de

Eine weit verbreitete Binsenweisheit besagt, dass derjenige, der nichts tut, auch nichts falsch machen kann. Dies mag in manchen Bereichen des Alltags zutreffen. Doch mit Blick auf unsere Demokratie kann Trägheit sehr schädlich sein. Zu sehr haben wir uns in den vergangenen Jahrzehnten daran gewöhnt, dass unsere freiheitliche Grundordnung selbstverständlich zu sein scheint. Dies ist jedoch ein Trugschluss. Die Demokratie ist schnell auf dem Rückzug, wenn nicht mehr genügend Menschen dazu bereit sind, für sie zu kämpfen. Dann nämlich gelingt es den Feinden der Demokratie, sie nach und nach auszuhöhlen. Es schadet der Demokratie, wenn es Teilnehmer eines friedlichen Protests zulassen, dass radikale Schreihälse diesen Protest für sich instrumentalisieren. Es schadet aber auch, wenn wir nicht mehr miteinander sprechen, wenn man gegenteiliger Meinung ist. Der kontroverse Dialog gehört zur Demokratie dazu. Dies hat aber dort seine Grenzen, wenn der Rechtsstaat und die Demokratie direkt angegriffen werden. Dann ist nicht nur der Staat, sondern auch unsere Zivilcourage gefragt.

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