Nachts schrie der Großvater im Schlaf

Solinger Widerstandskämpfer Paul Rux erhält Stolperstein

An der Höhscheider Straße wurde ein Stolperstein für den Widerstandskämpfer Paul Rux verlegt. Viele Nachfahren nahmen teil. Foto: Michael Schütz
+
An der Höhscheider Straße wurde ein Stolperstein für den Widerstandskämpfer Paul Rux verlegt. Viele Nachfahren nahmen teil.

Unter großer Anteilnahme der Familie verlegt der Solinger Unterstützerkreis Stolpersteine und der Verein für die Gedenkstätte Max-Leven-Zentrum an der Höhscheider Straße einen Stolperstein für Paul Rux.

Von Philipp Müller

Solingen. Er lebte im Haus der Familie in Aufderhöhe. Mit dem Stolperstein wird daran erinnert, dass er Opfer des Nazi-Regimes war. Die Angehörigen berichten von einer beeindruckenden Persönlichkeit, die den Terror überlebt hatte, aber nach der Befreiung mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ungern über die Zeit sprach.

„Nachts hat er oft geschrien“, erinnern sich heute seine Enkel Thomas Schmidt und Michael Rux. Da seien sie noch sehr klein gewesen. Dann habe der Opa erzählt: Über die Zeit im Konzentrationslager Kemna in Wuppertal nicht gerne. Eher über die Zeit in Gefangenschaft im Strafbataillon 999, mit dem die Nazis Regimegegner an die Front in oft aussichtslose Kämpfe schickte.

Solingen: Paul Rux gehörte zu den ersten durch die Nazis politisch verfolgten Solingern

Daniela Tobias, Vorsitzende des Gedenkstättenvereins, erinnert bei der Verlegung des Stolpersteins an die Stationen des Grauens, die Rux nachts weckten: Der Kommunist gehörte zu den ersten durch die Nazis politisch verfolgten Solingern, die 1933 im KZ Kemna in Wuppertal von Wachmannschaften grausam gefoltert wurden. Es folgten Aufenthalte im Strafarbeitslager Börgermoor im Emsland und Isolationshaft im Zuchthaus in Remscheid-Lüttringhausen. Nach seiner Entlassung stand der gelernte Schlosser unter ständiger Beobachtung der Gestapo.

Daniela Tobias führt bei der Steinverlegung aus, dass sich Rux in der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN-BdA) nach dem Krieg für die Aufarbeitung der NS-Verbrechen in Solingen einsetze. Er war weiterhin politisch in der KPD und in der DKP tätig.

„Das war ein Mann, der sein Leben riskierte.“

Marita Süßenbach, Aktionspatin

Auch wenn sie der politischen Richtung von Paul Rux nicht folge, habe sie doch gerne die Patenschaft für seinen Stolperstein übernommen, sagt Marita Süßenbach bei der Zeremonie. Sie erklärt: „Ich habe mich durch seine Vita gelesen. Was für ein Mensch.“ Weil heute wieder politisch so viel auseinanderdrifte und polarisiert werde, sei Rux für sie ein Vorbild: „Das war ein Mann, der sein Leben riskierte.“

Enkel Thomas Schmidt ist in seine Fußstapfen getreten. Auch er engagiert sich im VVN und berichtete, dass Rux und seine Frau Else bei den Naturfreunden engagiert waren und dort gegen die weiter existierenden Nazis in der Nachkriegszeit gekämpft hätten. Das alles bewege die Familie, erzählt der andere Enkel, Michael Rux. Er stammt von Rux Sohn ab. Er sagt, die Gespräche mit dem Großvater über die furchtbaren Zeiten seien nicht einfach gewesen. „Da kommen immer wieder die Erinnerungen hoch.“ Daher habe man den Opa lieber reden lassen und nicht ständig nachgefragt. „Aber wenn er etwas erzählt hat, waren das immer lange Monologe“, sagen die beiden.

Solingen: Dem politischen Erbe in Sachen Antifaschismus bis heute verbunden

Bei der Verlegung war die Tochter von Paul Rux anwesend. Ellen Schmidt hielt den Stolperstein lange in ihren Händen. „Das ist mein Vater“, sagt sie. Sie erinnert daran, dass der 1997 Verstorbene „der letzte Überlebende des KZ Kemna“ war. Sie werde jetzt öfter wiederkommen und den Stolperstein polieren – so wie sie es mit den Gedenksteinen an der Wuppertaler Straße macht, wo sie heute wohnt. Auch sie fühlt sich dem politischen Erbe des Großvaters in Sachen Antifaschismus bis heute verbunden: „Wir sind immer noch sehr aktiv.“

123 Stolpersteine

Die Stolpersteine sind ein Projekt des Kölner Künstlers Gunter Demnig, das im Jahr 1992 begann. Er verlegt die Steine überall dort, wo die Nazis gewütet hatten. Die Steine markieren, wo die Opfer früher gelebt haben. In Solingen war es Nummer 123 und der erste in Aufderhöhe.

Opfer des Pogroms am Pfaffenberg: Ein Stolperstein für Hedwig Brauer

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Getanzter Heiratsantrag auf dem Mühlenplatz
Getanzter Heiratsantrag auf dem Mühlenplatz
Getanzter Heiratsantrag auf dem Mühlenplatz
„Armut ist eines der Hauptprobleme“
„Armut ist eines der Hauptprobleme“
„Armut ist eines der Hauptprobleme“
Trend zum Selbermachen: Wenn Wertloses wertvoll wird
Trend zum Selbermachen: Wenn Wertloses wertvoll wird
Trend zum Selbermachen: Wenn Wertloses wertvoll wird
Welche Kreuzung suchen wir heute?
Welche Kreuzung suchen wir heute?
Welche Kreuzung suchen wir heute?

Kommentare