Dürrejahre machen Bestand zu schaffen

Der Solinger Wald ist ein Generationenprojekt

Markus Schlösser vor einem Haufen mit Fichtenholz. Es kann nicht als Holz genutzt werden und bleibt erst mal liegen.
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Markus Schlösser vor einem Haufen mit Fichtenholz. Es kann nicht als Holz genutzt werden und bleibt erst mal liegen.

Sicher, der Solinger Wald braucht Feuchtigkeit, braucht viel Regen.

Von Timo Lemmer

Solingen. Aber muss all das, was in den wärmeren und noch wärmeren Monaten versäumt wurde, ausgerechnet am Tag des ST-Außentermins mit Markus Schlösser nachgeholt werden?

Ein typischer Fall von natürlicher Waldverjüngung. Fichten sterben und unten wachsen Buchen nach.

Da habe man sich ja gemeinsam einen schönen Tag ausgesucht, scherzt der Förster vor Beginn der Führung rund um die Radrennbahn Dorper Hof. Pünktlich zum Marsch zu repräsentativen Flächen des aktuellen Waldgeschehens schwächt der Regen dann aber doch ab.

Schlösser freut der Niederschlag ungemein: „Der Regen ist jetzt goldrichtig. Das ist genau der anhaltende Landregen, den wir brauchen.“ Nur so bestehe die Chance, dass vom Regen auch etwas am Boden ankommt, statt sich in höheren Baumregionen zu verfangen:

Für Borkenkäfer ist liegendes Holz ein gefundenes Fressen. Allerdings gehen diese nur einmal unter die Rinde. Wenn es sich um altes Totholz handelt, ist es für den Käfer uninteressant.

Nur allzu häufig stimmt zwar die monatliche Niederschlagsmenge, die geringe Tagesmenge aber bleibt im Dach des Waldes hängen – nur durch kräftigere, längere Ergüsse an einigen Tagen des Monats können sich die Wasserspeicher im Boden auffüllen.

„Es ist ein Drama, was sich hier abspielt.“
Markus Schlösser, Förster

Das Thema des Rundgangs ist damit bereits gesetzt: Die Herausforderungen, die den Wäldern aktuell begegnen. Die Dürreperioden der letzten Jahre, der letzten Sommer, haben dem Solinger Wald arg zugesetzt. Ihm geht es da nicht anders als dem bundesdeutschen Durchschnitt. Die Dürren haben eine Art Kettenreaktion ausgelöst. Die Bäume sind schwächer, und damit anfälliger für Schädlinge, die sich wiederum super reproduzieren können.

Auch in Solingen sorgen Borkenkäfer für flächenhaftes Sterben – vor allem von Fichten. Dass reine Fichtenbestände alles andere als ideal sind, hat Schlösser als Abteilungsleiter Wald und Landschaft beim Stadtdienst Natur und Umwelt schon längst in Handeln umgesetzt. „Bei der letzten Waldinventur 2015 hatten wir etwa zehn Prozent Fichten“, sagt Schlösser. Die meisten sind inzwischen abgeholzt oder bereits tot: „Es ist ein Drama, was sich hier abspielt“, sagt Schlösser.

Allerdings werden nicht alle befallenen Fichten sofort entnommen. Zum einen, weil der Baum ohnehin nur einmal befallen und sterben könne, sagt Schlösser. „Und wir kommen auch nicht mehr hinterher. Bei der Masse an Käfern ist es utopisch zu glauben, dass eine rechtzeitige Entnahme noch möglich ist.“ Der Käfer sei dann meist ohnehin schon längst weitergezogen.

Gefällt werden Bäume zudem vor allem dann, wenn die Sicherheit – ob im Straßenverkehr, auf Waldwegen oder für Waldarbeiter – nicht mehr gewährleistet werden kann. Schlösser ist nah dran an der aktuellen Forschung im Bereich Forstwirtschaft, so dass in Solingen längst die Lehre gezogen wurde:

Mit einem Quadrat markierte Bäume sind nicht mehr gesund, stören aber niemanden und bleiben bis zur Zerfallsphase stehen.

„An vielen Stellen durchforsten wir seit Mitte der 1980er Jahre, damit sich der Wald natürlich verjüngt.“ Auf vielen kleineren Flächen wird der Natur dann Raum gelassen. Auf anderen, größeren Flächen wird indes gezielt gepflanzt – beispielsweise auf der großen Fläche in Balkhausen, wo einmal unzählige Fichten standen. Ließe man hier der Natur freien Lauf, würden wieder Fichten wachsen. Und diese würden dann wieder sterben.

Die Lösung seien daher zukunftsfähige, artenreiche, heimische Mischwälder, sagt Schlösser: „Im Bereich Balkhausen werden wir jetzt umswitchen, vor allem auf Eiche, der traut man im Klimawandel viel zu. Sicherlich werden wir auch mal eine kleinere Gruppe Esskastanien pflanzen oder Ebereschen und Wildkirschen als Randbäume.“

Er wolle es mit einer privaten Kapitalanlage vergleichen, nutzt Schlösser ein Bild: „Wenn ich nur auf eine Sorte setze, zum Beispiel auf die Fichte, und dann kommt der Crash und diese Sorte fällt komplett aus, dann habe ich ein Problem. Als streue ich, wie an der Börse bei einem guten Aktienfond, lieber breit.“

Der Wald, das ist ein Generationenprojekt. An einer kleinen Stelle mit viel Totholz – das wiederum anderen Organismen, Insekten oder Bäumen hilft und deshalb oft liegenbleiben kann – verweist Schlösser auf sich breitmachendes Heidekraut. Das zeige Fehler von vor 150, 200 Jahren auf: „Damals hat man alle 20 Jahre alles abgehackt.“ Die Bäume waren noch stärker wirtschaftlicher Faktor, so habe man den Böden aber „riesige Mengen Nährstoffe entzogen“.

„Denn nur was man kennt, kann man schützen.“
Markus Schlösser

Beharrlich verweist Schlösser auf die unterschiedlichen Waldfunktionen. Die rein wirtschaftliche ist ein wenig in den Hintergrund getreten – auch, weil der Holzpreis eingebrochen ist. Monetarisiere man die anderen Faktoren, sei es die Naherholung oder seien es eben ökologische Einheiten wie CO2-Bindung, „dann produziert der Solinger Wald jährlich 31 Millionen Euro. Von diesem Wert macht die Holzentnahme nur 1,1 Prozent aus.“

Dass immer mehr Menschen die ökologischen Funktionen bewusst werden – ein gesunder Wald stärkt Artenvielfalt, reinigt Wasser und ist Klimaschützer –, sei schön. „Aber so richtig muss der Wert des Waldes noch ins Bewusstsein kommen“, sagt Schlösser. „Analog zur CO2-Steuer könnte es ja für die Waldbesitzer gemessen an der CO2-Bindung eine Prämie geben.“

Für ihn ist es schön zu beobachten, dass durch Corona immer mehr los sei in Solingens Wäldern. „Denn nur was man kennt, kann man schützen.“ Andererseits bringen wilde Müllkippen oder Querfeldein-Touren auch Probleme mit sich. „Es hilft nur permanente Aufklärung“, findet Schlösser, und betreibt sie selbst: An diesem Tag hat er mit Jana eine Praktikantin dabei, die bald Forstwissenschaft studieren möchte. Sie habe es schockiert, die weltweiten Umweltschäden zu sehen. Da liege der Forstschutz nah, weil er vor der eigenen Haustür passiert und man richtig anpacken kann.

Genauso wünscht sich Schlösser das: „Über die letzten Jahrzehnte haben wir so viel personenbezogenes Wissen gesammelt.“ Das müsse weitergegeben werden. Ausbildung und Bildung seien elementar, um dem Wald eine Zukunft zu sichern: Die Arbeit an ihm sei eben immer auch ein Generationenvertrag.

Rund um den Solinger Wald

Bestand: Solingen ist auf etwa einem Viertel seiner Fläche, rund 2300 Hektar, bewaldet. Mehr als 1400 Hektar davon sind in städtischem Besitz. Während die Fichten ohnehin quasi verloren sind, haben es auch Laubbäume zunehmend schwerer – sie machen drei Viertel des Solinger Waldes aus. Außerdem bereitet aufgrund der immer drastischeren Klimaveränderung Sorgen, dass etwa ein Viertel aller Bäume über 100 Jahre alt sind.

Person: Markus Schlösser, 53 Jahre alt und gebürtiger Bonner, ist seit 1994 Revierförster in Solingen. „Die Stelle war mein Glücksfall“, sagt er. Er betrachtet die aktuellen Aufgaben „weder besonders pessimistisch noch optimistisch. Ich bin Realist. Was im Wald gerade passiert, wird mich bis zum Ende meines Berufsleben begleiten.“

Die Schäden in den Solinger Wäldern sind auch für Laien nicht zu übersehen. Vor allem betreffen sie nach Angaben von Markus Schlösser die Fichten.

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