Dereinst „modernstes Einkaufszentrum Europas“

Solinger Wahrzeichen verschwand in Sekunden

Binnen Sekunden fiel das 68 Meter hohe Gerippe des Turmhotels in sich zusammen – Tausende Zuschauer applaudierten. Archivfotos: Christian Beier
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Binnen Sekunden fiel das 68 Meter hohe Gerippe des Turmhotels in sich zusammen – Tausende Zuschauer applaudierten.

„Fünf – vier – drei – zwei – eins – null!“: Heute vor zehn Jahren wurde das Turmhotel gesprengt.

Von Andreas Erdmann

Solingen. Heute vor zehn Jahren, am 18. Dezember 2011, hielt ein Ereignis die Stadt in Atem: Um 14.18 Uhr erschütterte eine gewaltige Detonation die Innenstadt, und rund 40.000 Zuschauer von Weyersberg, Neumarkt bis Ufergarten verfolgten gebannt, wie der 68 Meter hohe Turm des früheren Turmhotels binnen Augenblicken in sich zusammenstürzte.

Zuerst wurden die Sprengsätze in den unteren, Sekunden später in den oberen Etagen gezündet, 20.000 Tonnen Beton fielen in eine tief ausgeschachtete Grube. Mit ohrenbetäubendem Getöse und mächtig viel Staub endete die Ära des 1971 eröffneten Hotels und Karstadt-Einkaufskomplexes. Tausende Zuschauer applaudierten spontan.

ST-Leserin Nicole vom Eigen zählt den Countdown von fünf bis null herunter, dann drückte der Sprengmeister den berühmten „roten Knopf“.

Die Sprengung führten der damals 74-jährige Sprengmeister Helmut Roller aus Wuppertal und sein Team durch. Das Kommando aber, nach dem Roller den berühmten „roten Knopf“ zum Auslösen des Sprengladung drückte, gab eine ST-Leserin. Die 41-jährige Nicole vom Eigen ging in die Stadtgeschichte ein, indem sie einen Countdown von fünf bis null herunterzählte. Dabei zeigte sie sich sichtlich aufgeregt. Sie habe noch nie zuvor bei einem Preisausschreiben gewonnen, erklärte sie, nachdem sie bei einem Wettbewerb des ST und der Entwicklungsfirma MAB Development für die Aufgabe ausgelost wurde. Das amtierende Miss Zöpfchen Janina vom Dorff hatte ihren Teilnahmeschein unter 74 Bewerbern aus dem Lostopf gezogen. Teilnahmebedingung war, mindestens 10 Euro für die ST-Hilfsaktion „Kette der helfenden Hände“ zu spenden. Von den Bewerbern kamen 1283,45 Euro zusammen. Die Investoren stockten auf 3000 Euro auf.

„Das lief, wie es sein sollte, mit leichter Schräglage in die Baugrube.“

Sprengmeister Helmut Roller

Die „innere Aufregung“ von Nicole vom Eigen vor der Sprengung wirkte umso verständlicher, als das es im Vorfeld zu unerwarteten Verzögerungen kam. Geplant war, die auf 320 Sprengladungen verteilten 100 Kilogramm Sprengstoff schon mittags um 13 Uhr zu zünden. Doch „am Weyersberg wollten zwei Personen ihre Wohnung, die in der Evakuierungszone mit einem Radius von 150 Metern lag, zunächst nicht räumen“, berichtete Ordnungsdezernent Robert Krumbein. Insgesamt 550 Solinger mussten ihre Wohnungen verlassen. Als neue Zeit wurde 13.30 Uhr festgesetzt. Auch diese konnte nicht eingehalten werden – wegen bautechnischer Probleme. Erleichterung stellte sich ein, als gegen 14 Uhr die erste Löschkanone der Feuerwehr eine Wasserwand gegen Staubwolken aufbaute. Über 260 Sicherheitskräfte waren im Einsatz, darunter 50 von der Feuerwehr, 50 vom Technischen Hilfswerk sowie 60 Polizisten, zudem Mitarbeiter der Stadt.

Noch eine Viertelstunde abwarten, dann zählte Nicole vom Eigen den Countdown herunter: „Fünf – vier – drei – zwei – eins – null!“ Dann war das Turmhotel endgültig Geschichte. Die Sprengung fasste Sprengmeister Roller wie folgt zusammen: „Das lief, wie es sein sollte, mit leichter Schräglage in die Baugrube.“ Gleichwohl: „Einige Fensterscheiben gingen zu Bruch, ein Wartehäuschen und ein Pkw wurden leicht beschädigt“, meldete die Polizei. „Es ist ein wichtiger Tag für Solingen. Der Abbruch ist das Signal für den Aufbruch in eine attraktivere Innenstadt“, sagte Oberbürgermeister Norbert Feith (CDU). Andere Kommentatoren schrieben, Solingen habe an diesem Tag mit dem Turmhotel als Wahrzeichen „sein Profil und seine Identität verloren“. Nicole vom Eigen erfüllte sich als Anliegerin der Dorotheenstraße mit der Sprengung sogar einen persönlichen Wunsch – freie Sicht: „Endlich verschwindet der Turm aus unserem Blickfeld!“

Hintergrund

Anstelle des 1950 eröffneten und 1968 gesprengten Monopol-Kinos eröffnete 1971 am Neumarkt das ESC als dereinst „modernstes Einkaufszentrum Europas“. Mit Turmhotel, Karstadt-Einkaufskomplex und unterirdischer Ladenpassage galt es als „Ausdruck Solinger Architekturkunst und Aufbruch in die Moderne“.

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