79. Jahrestag der Deportation ins Konzentrationslager

Solinger gedenken getöteter Sinti und Roma

„Die Merscheider“ mit ihrem Dirigenten Ralf Leßenich sangen anlässlich der Gedenkveranstaltung auf dem Mühlenplatz „Herr gibt uns Frieden“ des ukrainischen Komponisten Dmitri Bortnjanski. 
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„Die Merscheider“ mit ihrem Dirigenten Ralf Leßenich sangen anlässlich der Gedenkveranstaltung auf dem Mühlenplatz „Herr gibt uns Frieden“ des ukrainischen Komponisten Dmitri Bortnjanski. 

Viele Solinger fanden sich am Mühlenplatz ein, um den Sinti und Roma zu gedenken.

Von Moritz Berger

Solingen. Zwei große Stelen aus rostigem Metall, verbunden durch Stacheldraht mit zwei großen darin eingeflochtenen roten Tränen. Es ist eine unscheinbare Installation, die sich je nach Jahreszeit fast vollends in die Natur einfügt. Vom geschäftigen Treiben auf der Korkenziehertrasse bleibt sie dann zumeist ziemlich unberührt.

Seit mittlerweile 15 Jahren erinnert diese Installation an eine längst vergangene Episode Solinger Geschichte. Während der nationalsozialistischen Herrschaft wurden 1943 mindestens 60 Sinti aus Solingen deportiert und im Konzentrationslager Auschwitz ermordet. Damit ebenjene Opfer nicht vergessen werden, fand am Donnerstag eine Gedenkveranstaltung in den Clemens Galerien und am Mahnmal selbst statt. Dazu hatten der Solinger Appell, SOS Rassismus sowie das Bündnis für Toleranz und Zivilcourage zum 79. Jahrestag der Verschleppung eingeladen.

„Viel zu lange wurde die Verfolgung von Sinti und Roma verdrängt“, rief Frank Knoche vom Solinger Appell. Auf dem Mühlenplatz hatten sich an diesem Nachmittag rund 60 Teilnehmende versammelt, die Knoche aufmerksam zu hörten. Er erinnerte an die Solinger, die am selben Tag – 79 Jahre zuvor – vom Bahnhof Ohligs aus deportiert wurden. „Bis zum öffentlichen Gedenken daran dauerte es noch über 60 Jahre“, so Knoche. Vor diesem Hintergrund forderte man, dass die Verfolgung „im kollektiven Gedächtnis unserer Stadt bewahrt wird“, wie es in einem zeitgleich veröffentlichten Aufruf hieß.

Um das Leid der Menschen zu verdeutlichen, stellte der Historiker Armin Schulte die Biografie eines der verschleppten Solinger vor. „Wir haben die Aufgabe, an die vielen anonymen Schicksale zu erinnern“, sagte Schulte. Und selbst nach 1945 habe es einen „mehr oder weniger offenen Antiziganismus in Solingen gegeben“, erklärte Frank Knoche. So seien gerade Sinti und Roma eine stark mit Vorurteilen beladene Minderheit, wenngleich der Anteil jener an der Bevölkerung zuletzt deutlich gesunken sei.

Gedenkveranstaltung endete mit einer Schweigeminute

Daran erinnerte auch Oberbürgermeister Tim Kurzbach und betonte im Hinblick auf die Opfer, dass „mitgedenken immer auch mitleiden bedeutet“. Gerade deshalb sei es wichtig, niemanden zu vergessen. Darüber hinaus „gibt es vieles, was noch aufgearbeitet werden muss“, hob Kurzbach am Mahnmal hervor. Um ihn herum drängten sich auf der Trasse die Teilnehmer. „Wir stehen aber natürlich auch mit den Bildern aus der Ukraine hier, denn der Krieg hat uns wieder eingeholt“, erklärte Kurzbach und schob hinterher, dass die Menschen wohl nicht so klug seien, militärische Konflikte zu verhindern. Der Männerchor „Die Merscheider“ sang bereits zuvor auf dem Mühlenplatz „Herr gibt uns Frieden“ des ukrainischen Komponisten Dmitri Bortnjanski.

Sowohl mit Blick auf die Ukraine als auch auf die ermordeten Sinti und Roma, sei der Einsatz für eine lebendige Demokratie unverzichtbar, betonte Kurzbach. „Wir werden uns als Stadt immer dafür starkmachen.“ Vor diesem Hintergrund dürfe auch das Handeln nicht vergessen werden, sagte er. „Aus dem Erinnern muss sich auch das Aktivwerden ableiten“, so Kurzbach.

Dieser Aufforderung schloss sich auch Emanuela Dimova-Gombar vom Landesverband Deutscher Sinti und Roma NRW an. „Jeder Mensch im Kampf gegen Antiziganismus ist wichtig“, sagte sie und hob hervor, dass Aktionspläne erst durch die Menschen die sie umsetzen mit Leben gefüllt würden. Zugleich erinnerte auch sie an die rund 54 Opfer einer „bewusst rassistischen Politik“, von denen über die Hälfte unter 14 Jahren waren.

Mit einer Schweigeminute endete die Gedenkveranstaltung am Mahnmal. Rote Rosen wurden niedergelegt.

Hintergrund

Am 3. März 1943 wurden vom Bahnhof Ohligs ausgehend mindestens 60 Solinger Sinti nach Auschwitz verschleppt. Von ihnen wurden 54 Menschen dort ermordet, davon 29 Jungen und Mädchen unter 14 Jahren. Lediglich von 6 Männern ist bekannt, dass sie überlebten.

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