Uni-Vortrag

Sie räumt mit Klischees über Hochbegabung auf

Schonungslos ging Forscherin Prof. Dr. Susanne Buch in ihrem Vortrag mit falschen Annahmen über den Intelligenzquotienten und Hochbegabung ins Gericht. Foto: Michael Schütz
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Schonungslos ging Forscherin Prof. Dr. Susanne Buch in ihrem Vortrag mit falschen Annahmen über den Intelligenzquotienten und Hochbegabung ins Gericht.

ST-Uni-Vorträge: Prof. Dr. Susanne Buch sprach über Intelligenzforschung.

Von Kristin Dowe

Solingen. Wenn es um hochbegabte Kinder geht, halten sich einige landläufige Vorstellungen hartnäckig: Das Bild des bebrillten Klassenstrebers, der zwar jede Menge Einsen, aber selten einen Freund mit nach Hause bringt und auch sonst wirkt, als komme er von einem anderen Stern. Mit diesen Klischees räumte Prof. Dr. Susanne Buch vom Institut für Bildungsforschung in der School of Education an der Bergischen Universität Wuppertal kräftig auf, haben sie doch mit der Realität nicht das Geringste zu tun.

Hochbegabt, aber crazy? Forscherin rückt Zerrbild zurecht

„Naturtalent oder harte Arbeit? Zur Bedeutung von Begabungsförderung in der Schule“, war ihr Vortrag provokativ überschrieben, den die Forscherin am Montagabend im Pliestersaal des Gründer- und Technologiezentrums als Auftakt der Vortragsreihe „ST-Univorträge 2022“ hielt. „Wir freuen uns, dass wir nach zwei Jahren Corona-Pause nun endlich weitermachen können“, begrüßte ST-Marketingleiterin Cordula Förster die etwa 50 Besucherinnen und Besucher, die der Einladung gefolgt waren.

Um eine Hochbegabung fördern zu können, muss zunächst einmal klar sein, wie genau man sie definiert und an was man sie festmacht – und da fangen die Probleme bereits an, wie Buch deutlich macht: „Wir alle haben implizite Vorstellungen davon, was wir unter Hochbegabung verstehen.“

Eine erste Annäherung geben die Wissenschaftler Li-fang Zhang Robert J. Sternberg mit ihrer „impliziten Hochbegabungstheorie“, die für Hochbegabung fünf Kriterien benennt: So müsse ein Mensch in einem bestimmten Bereich zu einer vergleichbaren Gruppe Gleichaltriger herausragend gut sein („Exzellenz“), seine Fähigkeiten müssten besonders selten und darüber hinaus durch standardisierte Testverfahren konkret belegbar sein, sie müssten später zu besonderen Leistungen führen („Produktivität“) und sie sollten für die Gesellschaft einen bestimmten Wert haben. Für letzteren Punkt führt Susanne Buch das Beispiel eines Meisterdiebs an, der zwar sicherlich eine herausragende Fähigkeit besitzt, deren Wert für die Gesellschaft aber wohl überschaubar sein dürfte. Im Übrigen bedeute Hochbegabung zunächst lediglich, dass ein Mensch ein besonderes Potenzial dazu besitzt, besondere Leistungen zu erbringen – die Leistungen selbst seien kein Indikator dafür.

Ein weiterer Mythos aus der Intelligenzforschung, den Buch ins Reich der Ammenmärchen verbannt: die Annahme, dass der Intelligenzquotient eine unveränderliche Größe sei, der die Intelligenz des Probanden mathematisch exakt berechenbar macht. Sie hält fest: „’Den’ IQ gibt es nicht.“ Denn nicht nur seien die Tests fehlerbehaftet und unterschiedlich in ihren jeweiligen Verfahren gestaltet, ihr Ergebnis hänge von vielen weiteren Faktoren wie unter anderem dem Alter des Probanden oder seiner Motivation ab.

Die beste Richtschnur ist ein glückliches Kind.

Prof. Dr. Susanne Buch

Auch die beliebte Frage, ob die Intelligenz eines Menschen nun eher durch seine Gene oder Umwelteinflüsse festgelegt werde, lasse sich kaum serös beantworten, betont Buch. „Es gibt kein Merkmal, das uns einfach in die Wiege gelegt wird.“ Denn der Mensch interagiere vom Beginn seines Lebens mit der Umwelt und werde durch sie beeinflusst.

Ein Patentrezept, wie eine Hochbegabung am besten gefördert werden kann, liefert die Forscherin ebenfalls bewusst nicht – vielmehr gelte es, aus der Vielzahl von Fördermöglichkeiten eine auszuwählen, die möglichst individuell auf die Bedürfnisse des Kindes zugeschnitten ist. „Die beste Richtschnur ist ein glückliches Kind“, antwortet Buch auf eine Zuschauerfrage, was man tun könne, wenn ein Schüler zwar nachweislich sehr begabt ist, zurzeit aber vor allem durch eine Phase der Arbeitsverweigerung auffällt. Ihr Tipp: Gelassen bleiben. Auch „Akzeleration“, das ständige Überspringen von Klassen, sei nicht für jedes hochbegabte Kind eine geeignete Fördermaßnahme. „Dabei sollte man immer auch die möglichen negativen Folgen mitbedenken.“

Vortragsreihe

Alle Termine der ST-Uni-Vorträge

Nächster Termin: Für Montag, 23. Mai, 19 Uhr, laden das Solinger Tageblatt und die Bergische Universität Wuppertal gemeinsam zu einem Vortrag von Prof. Dr. Lambert T. Koch, Rektor der Bergischen Uni, ins Gründer- und Technologiezentrum, Grünewalder Str. 29-31, ein. Titel: „Wie unsere Bergische Wirtschaft tickt – Strukturen, Themen, Erfolge“. Der Eintritt ist frei, es gilt die 3G-Regel.

An einem der vergangenen Veranstaltungen ging es um Klimawandel, E-Mobilität und russisches Öl.

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